Vögel, Wilde Möhren & Unkraut
Zur Brutzeit gehört die Hauskatze ins Haus
Im Mai holen wir die Katze rein, ertappen die Wilde Möhre beim Lügen und schütteln den Kopf über eine wild gewordene Pflanze
Was ist los in der Natur?
Good Wives and Warriors/ 2 Agenten
Tim Wegner
06.05.2026
5Min

Jetzt haben Vogeleltern so richtig Stress. Nicht nur, weil sie im Minutentakt Futter für ihre geschlüpften Jungen ranschaffen müssen, sondern auch, weil sie sich von freilaufenden Hauskatzen bedroht fühlen.

Die Katzendichte in Städten und Dörfern ist unnatürlich hoch im Vergleich zur natürlichen Wildkatzendichte. Auch wenn man alle Hauskatzen über die ganze Bundesrepublik gleichmäßig verteilen würde (also auch über alle Autobahnkreuze und Wälder), käme man auf 40 Hauskatzen pro Quadratkilometer. Ein Wildkatzenrevier dagegen ist natürlicherweise drei bis acht Quadratkilometer groß.

Selbst wenn es Hauskatzen geben sollte, die nicht jagen: Sie sind trotzdem eine Bedrohung für die Vögel. "Schon ihre Anwesenheit führt dazu, dass Vögel ihre Brut vernachlässigen", sagt der bekannte Vogelkundler Professor Peter Berthold. "Eine Amsel macht, wenn eine Katze im Garten war, noch eine halbe Stunde lang ihren Warnruf: Dik, dik, dik. Das ist richtig schlimm für ihre Jungen, wenn die so lange nichts zu futtern kriegen."

Dort, wo Katzen frei laufen, sinkt der Bruterfolg der Vögel rapide. In Gärten mit hohen Katzendichten ist die Fütterungsrate der Jungvögel um etwa ein Drittel niedriger, sagte der weltweit renommierte Ornithologe Franz Bairlein dem Landesbund für Vogel- und Naturschutz in Bayern. Ist eine Katze zugegen (rumschleichend oder auch nur liegend), fliegen die Vogeleltern Umwege zum Nest, um den Feind nicht auf den Neststandort aufmerksam zu machen; und sie können nicht mehr überall nach Futter suchen.

In der Brutsaison von März (ab da brüten Amseln) bis in den Juli sollten Katzen drinbleiben. Höchstens spätabends rauslassen – aber vor der Morgendämmerung wieder reinholen (Schachtel mit Katzenfutter schütteln), denn frühmorgens üben die Jungvögel Fliegen.

Warum die Brutsaison so lange dauert? Weil viele Vögel mehrere Bruten hintereinander haben, auch Rotkehlchen, Amseln, Meisen - das Leben als Vogel ist hart, am Ende schafft es oft nur ein einziges Junges lebend ins nächste Jahr. Dass man die Hauskatze jedes Jahr früh allmählich auf die Klausur vorbereiten muss, versteht sich von selbst. Und natürlich muss man ausgiebig mit ihr spielen.

Wer meint, dass seine Katze fast nie einen Vogel anschleppt, sollte bedenken: Nur ein Drittel der erbeuteten Vögel wird nach Hause gebracht. Nach verschiedenen Studien liegt diese Zahl der nach Hause geschleppten Beute bei durchschnittlich etwa vier Vögeln pro Jahr und Katze. Bei etwa elf Millionen freilaufenden Hauskatzen macht das rund 44 Millionen durch freilaufende Hauskatzen getötete Vögel aus, sagt Franz Bairlein.

Steht häufig am Wegrand, an Baustellen, auf Brachen, sieht mit weißer Dolde wunderhübsch aus und wenn man ein Blättchen zwischen den Fingern zerreibt, riecht es nach Möhre - was ist das? Das ist die Wilde Möhre. Weil es so viele Pflanzen mit weißen Blütenschirmen gibt, die für Laien letztlich gleich aussehen, ob sie nun Schafgarbe, Giersch oder Wiesen-Bärenklau heißen, hier das ultimative Unterscheidungsmerkmal: Die Möhre lockt mit einer Lüge.

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In der Mitte ihrer Dolden hat sie einen purpurschwarzen Punkt, eigentlich eine gefärbte Blüte, die aber so tut, als sei sie ein Insekt. Insekten, die vorbeifliegen, sollen denken: "Ach guck, da sitzt schon jemand, gibt da wohl ordentlich Pollen und Nektar zu futtern." Das funktioniert. Die Wilde Möhre ist beliebt bei allerlei Fliegen, Käfern, Faltern, Wespen, Wanzen, Wildbienen - auch, weil man keinen langen Rüssel braucht für ihre Blüten. (Eine Fingerhutblüte zum Beispiel ist nichts für Kurzrüssler.)

Die Wurzel auszugraben, lohnt übrigens nicht - sie hat zwar eine rübenartige Form, ist aber meist holzig, außerdem langweilig beige, weil Karotine fehlen. Wenn eine Blütendolde fertig hat, ballt sie sich zu einem körbchenartigen Nest zusammen. Auch daran kann man die Wilde Möhre erkennen. So was macht die weiße Schafgarbe nicht, mit der manche die Möhre verwechseln wollen.

Ein aussichtsloser Kampf

Wer schnell einen grünen Sichtschutzwall haben wollte, hat früher gern den Japanischen Staudenknöterich (Fallopia japonica) gepflanzt – und das später bereut. Denn der Japanknöterich wird breit und breiter, erstickt alle anderen Pflanzen unter seiner Blattmasse und ist nicht mehr auszurotten. Eine wahre Plagepflanze. Das Bundesamt für Naturschutz führt den Japanknöterich als einen "invasiven Neophyten". Neophyt bedeutet: Neupflanze. Auch Imker sollen für die Verbreitung der Pflanze gesorgt haben, denn Honigbienen freuen sich über die späte Blüte im August, September, die im Übrigen durchaus dekorativ ist mit ihren lockeren weißen Rispen.

Seit Kolumbus' Reise nach Amerika im Jahr 1492 sind Hunderte neue Pflanzen eingeführt worden, die meisten sind harmlose Neophyten - man denke an Kartoffel, Mais, Winterling oder Tulpe. Aber etwa jede zehnte Pflanze, die sich angesiedelt hat, gilt als problematisch. Zum Beispiel weil sie hierzulande keine Fressfeinde hat, also rasend schnell wächst, und in naturnahen Bachauen und anderen Naturschutzgebieten heimische Pflanzen verdrängt. Solche invasiven Pflanzen sind etwa die Kanadische Goldrute, der Riesenbärenklau (nicht zu verwechseln mit dem harmlosen Wiesenbärenklau) und eben Staudenknöteriche (mit den drei Arten Fallopia japonica, Fallopia sachalinensis und Fallopia bohemica).

Die Wuchskraft des Japanknöterichs ist immens: Die Pflanze wächst pro Tag 10 bis 30 Zentimeter und wird so im Frühjahr in wenigen Wochen drei Meter hoch. Die unterirdischen Wurzelausläufer gehen mehrere Meter in die Tiefe und wachsen in alle Richtungen. Diese Rhizome sollen auch fünf Zentimeter dicken Asphalt sprengen können. Heute verbreitet sich der Japanknöterich auch dadurch, dass Menschen Pflanzenabfälle verbotenerweise in der freien Landschaft entsorgen.

Wer den Kampf aufnimmt, merkt: Es wachsen gleich mehrere neue Stängel, wenn man ihn stutzt, wie bei der Hydra. Und wohin mit dem Abgeschnittenen? Keinesfalls auf den Kompost! Bereits ein Wurzelstück des Japanknöterichs von 1,5 cm Länge kann einen neuen Bestand begründen. Wiederholtes Mähen und dann eine jahrelange Abdeckung mit lichtundurchlässiger Folie – aufwendig und nur mäßig erfolgreich.

Nicht weniger mühselig ist das Ausgraben des Wurzelwerks. Vergiften mit Glyphosat scheint aussichtsreich, schadet aber der Umwelt und sollte nur dort angewendet werden, wo andere Maßnahmen ausscheiden. Es kann nur noch um Eindämmung gehen, nicht mehr um Ausrottung. Womöglich hat der Japanische Staudenknöterich gewonnen.

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