Aufgewachsen ist Abed in einer christlichen Familie — in Galiläa an der Grenze zum Libanon, wo die arabische Bevölkerung dominiert
Jonas Opperskalski für chrismon
Israelische Araberin
Radikal zwischen den Stühlen
Sie ist arabische Israelin. Und Christin. Diese Identität macht das Leben manchmal schwierig und aufreibend. Aber sie kann auch eine Chance sein. Ein Porträt der Kommunalpolitikerin Sally Abed aus Haifa
Agnes Fazekas Alessandra Schellnegger
18.03.2026
11Min

Es ist kompliziert mit der Zugehörigkeit in Israel. Staat, Volk, Religion – was und wer zählt wozu? Das Land selbst definiert sich als "Nationalstaat des jüdischen Volkes". Doch nur gut drei Viertel seiner Bevölkerung (76,9 %) sind Juden, rund 2,1 Millionen Einwohner dagegen Araber muslimischen, christlichen oder drusischen Glaubens. Im Gesamtstaat mit 21 Prozent die größte Minderheit, stellen sie in einigen nördlichen Provinzen sogar die Bevölkerungsmehrheit. Doch wie verorten sie sich selbst?

Sally Abed wurde als Kind einer arabischen Familie in Israel geboren und hat einen israelischen Pass, doch sie bezeichnet sich selbst nicht als Israelin, sondern als "palästinensische Bürgerin Israels". Aufgewachsen ist sie in Galiläa an der Grenze zum Libanon, wo die arabische Bevölkerung dominiert – aber in einer christlichen Familie.

Sie kam also zur Welt als Angehörige einer religiösen Minderheit in der relativen arabischen Mehrheit im Norden, die im Staat Israel dennoch spürbar in der Minderheit ist. Damit sitzt sie zwischen ziemlich vielen Stühlen – allerdings seit zwei Jahren auch im Stadtrat ihrer Heimatstadt Haifa, die traditionell als offen und pragmatisch gilt im Umgang der Kulturen und Religionen. Gewählt wurde sie damals als erste Frau, die in der "gemischten" Hafenstadt eine gemeinsame arabisch-jüdische Liste anführte.

Jetzt erklimmt Abed mit schnellen Schritten die steile Straße von der arabisch-jüdischen Nachbarschaft, wo die 34-Jährige mit ihrem Mann und dem kleinen Töchterchen wohnt, hinauf zum Rathaus von Haifa: Ein Treffen mit dem Chef der Stadtverwaltung steht an. Er ist ein alter Veteran der israelischen Armee. Im Rathaus wird sie daher gleich etwas anders auftreten – nicht als politische Aktivistin, auch nicht als die Palästinenserin, die nach dem Hamas-Überfall am 7. Oktober 2023 Angst hatte, hier auf der Straße Arabisch zu sprechen. Sie wird sich anders ausdrücken und sie wird sich etwas anders geben. Ganz automatisch. "Der Mann würde mich sonst einfach für verrückt halten", sagt sie, jetzt vom Anstieg doch etwas atemlos: "Er liest mich als 'Araberin'. Aber er hat keine Ahnung, was das bedeutet."

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Infobox

Wie gute Gespräche zwischen Palästinensern und Juden aussehen können, wie man Raum schafft für das Leid des anderen im eigenen Leid, das zeigt Sally Abed mit ihrer Kollegin Jess Bricker im Podcast "The long answer" — die ausführliche Antwort (englisch).

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