Brustkrebs
Langsam kommt die Zuversicht zurück
Die Hamburger Fotografin Pia Pritzel, 38, hat Brustkrebs – und erzählt hier jeden Dienstag, wie es ihr gerade geht. Auftakt zu ihrer Bilderserie "Cancer me softly"
Zwischen Krankenhauslinien, Bestrahlungsgerät und Mutglocke findet Pia in der Therapie unerwartet etwas zurück: Kontrolle. Für 15 Minuten bestimmt sie mit jedem Atemzug, wann die Strahlen ihren Körper treffen. Aus Struktur wird Zuversicht, aus Routine neuer Antrieb
Pia Pritzel
Im Gartenprivat
24.02.2026
2Min

In der ersten Folge der Serie stellt sich Pia vor. Lesen Sie hier.

Alle weiteren Folgen finden Sie auf dieser Themenseite.

Der Boden im Krankenhaus ist mit Linien versehen, die als Wegweiser fungieren und zu den unterschiedlichen Stationen führen. Ich balanciere auf der blauen Linie. Vorbei an der Hautkrebsstation (Krebs hatte ich schon, rote Linie) und lasse sehr bestimmt die Palliativstation hinter mir (will ich niemals hin, grüne Linie). So lange, bis ich zu dem Pfeil komme, der mich links zur Bestrahlung abbiegen lässt. Angekommen.

Ich melde mich am Tresen an und setze mich in den Wartebereich. Nach kurzer Zeit werde ich über einen Lautsprecher zum Dienst zitiert: Frau Marx, (ich habe geheiratet) bitte in Kabine 13.

Im Gartenprivat

Pia Pritzel

Pia Pritzel, geboren 1987, ist Mutter und Fotografin aus Hamburg. Sie ist an Brustkrebs erkrankt und erzählt hier und als @pia_pritzel auf Instagram von Diagnose, Behandlung, Heilung, von Schönem und von Schrecklichem. Die meisten Fotos ihrer Serie "Cancer me softly" sind von ihr selbst gemacht, analog.

Dort einmal den Oberkörper freimachen. Dann geht’s in mein Spaceshuttle, dem Bestrahlungsgerät. Dort hingelegt, werde ich von den SpaceshuttlemitarbeiterInnen richtig platziert. Und dann übernehme ICH (endlich wieder) für 15 Minuten die Kontrolle:

Nur wenn ich die Luft anhalte, werden Strahlen auf meinen Körper gesendet. Sinn dahinter: Je aufgeblähter der Brustraum, desto weiter entfernt sind die Strahlen von lebenswichtigen Organen, wie beispielsweise dem Herzen. Und ich bin gut im Einatmen und Luft anhalten. Ich kann das lange! ICH kann die Maschine kontrollieren. Das fühlt sich gut an. So als ob ich was ganz Großes leiste. Manchmal sagen die SpaceshuttlemitarbeiterInnen sogar ‚Sehr gut!‘. Das spornt mich an!

Tipp: Webinar zum Thema: Zuversichtlich bleiben trotz Krisen

Kontrolle und Leistung. Das ist genau mein Ding. (An dieser Stelle würde meine Therapeutin sagen: Und wie!) Und da Nebenwirkungen ausbleiben, gefällt mir mein neuer Spaceshuttle Alltag.

Durch die Bestrahlung ist gefühlt endlich alles wieder geregelt, was durch meine Krebserkrankung aus dem Ruder geraten ist: Ich habe feste Spaceshuttlearbeitszeiten von montags bis freitags und führe immer dieselben Kommandos aus. Und während mich diese Prozedur aus Struktur und Vorgaben in Sicherheit wiegt, passiert etwas:

Meine Gedanken können sich um andere Themen drehen als die Bewältigung meines Krebsalltags und ich entwickle neuen Antrieb. Woran ich das merke?

In der ersten Woche bekomme ich Lust, mein Strickzeug mitzunehmen, und in den folgenden Wartepausen fertige ich einen knalligen Pullunder für meine Tochter an.

Danach fällt mir auf, dass ich doch noch ein offenes Projekt habe. Drum nutze ich die kurzen Slots des Wartens dafür, meine Brustkrebs Awareness Kampagne weiterzuentwickeln.

Ganz zart, Bestrahlungstag für Bestrahlungstag, stellt sich eine neue Zuversicht und Schwung ein. Perspektiven und die Motivation, etwas zu tun. Etwas Neues anzugehen.

Hier gibt es ein kleines Ritual. Ist man fertig mit der Bestrahlungstherapie kann man an einer kleinen Glocke leuten und darunter tanzen: die Mutglocke.

Um sich zu feiern. Um loszulassen. Um nach vorne zu blicken.

Und genau das werde ich tun!

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