Sebastian G. schwimmt in einem Schwimmbecken
Sebastian G., 45: "Wahrscheinlich stimmt es gar nicht, dass alle mich beobachten"
Sebastian Lock
Schwimmen lernen
Keine Angst mehr vorm Wasser . . .
. . . und keine Angst mehr vor den Blicken der Leute: Sebastian lernt als Erwachsener schwimmen. Gegen seine Körperscham hilft ihm das Tanzen - Swing, Lindy hop und Blues
Tim Wegner
11.07.2025
3Min

Sebastian G. (Jahrgang 1979)

Als Kind bin ich gern geschwommen. Dann passierten zwei Dinge: Ich kam in die ­Pubertät und merkte, dass ich den gängigen Körperidealen nicht entsprach. Und ­einmal tauchten Mitschüler mich so lange unter, dass ich beinah ertrunken wäre.

Danach löste schon der Gedanke ans Wasser Panik aus. Mit der Zeit entwickelt man seine Ausreden. Wenn die Leute sich zu Partys am Weiher trafen, versuchte ich es mal mit "Ich bin zu cool dafür", mal mit Besserwisserei: "Ich habe mein T-Shirt an, damit ich keinen Hautkrebs kriege. Ätsch." Wollte ich es doch mal mit dem Wasser probieren, setzten sofort Gedankenkreisel ein: "Was passiert, wenn ich keinen Boden unter den Füßen habe? Ich kriege garantiert Panik . . ." Schon war sie da, die Panik.

Es ist mit meinem Körper wohl nicht so schlimm

Die Wende kam kürzlich während einer mehr­monatigen Auszeit. Ich wollte mir klar darüber werden, wohin es in meinem Leben noch gehen soll. Ich nahm ­ mir Zeit für alles, was ich gern tue.

Ich widmete mich noch mehr meinem Hobby, dem ­Tanzen, Swing, Lindy Hop und neuerdings Blues. Beim Blues klebt man ziemlich aneinander. Dabei durfte ich feststellen, dass es mit meinem Körper wohl nicht so schlimm ist. Leute wollen nah mit mir tanzen. Ich dachte: "Wenn das so ist, wäre es auch nicht schlimm, sich im Schwimmbad zu zeigen." Ich suchte nach privaten Schwimmstunden.

Die ersten Minuten im Schwimmbad waren die unangenehmsten Minuten des Jahres: Links von mir eine Schulklasse im nervigen Teeniealter, rechts Mütter im Babyschwimmbecken. Endlich kam die Trainerin.

Die Übungen waren wie in den Kinderstunden: Luft ­anhalten und schauen, wie das Wasser trägt. Schwieriger: den ­rettenden Halt loslassen und vertrauen, dass man nicht sofort untergeht. Zum Glück hatte die Trainerin schon viel Erfahrung mit Spätanfängern und Wiedereinsteigern. Sie ging in kleinen Schritten vor. Sie hielt mich an den Armen, ich sollte mich treiben lassen, beobachten, was passiert, wenn ich ausatme: Der Körper sinkt ab. Wenn ich ein­atmete, tauchte ich automatisch wieder auf. "Siehst du, ­der menschliche Körper ist auch nichts anderes als ein großer Holzklotz, der fast von allein schwimmt", sagte sie.

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Diese kleinen Schritte taten gut. Sie brachten mir so banale wie wichtige Erkenntnisse: Mein Überleben hängt nicht daran, dass ich wild rudere. Ich bin nicht so verletzlich, prinzipiell gleite ich. Das Wasser leitet Objekte grundsätzlich weiter. Drei solche Stunden hatte ich: Eine, um wieder ins Element zu finden. Eine, um das Brustschwimmen aufzufrischen. Eine, um eine 25-Meter-Bahn zu bewältigen.

Wieder das Gefühl, dass mich alle beobachten

Die große Überraschung war, dass meine inneren Blockaden gegenüber dem Wasser im Vergleich zur Körperscham gar nicht so groß waren. Die größte Hürde war die Koordination von Armen und Beinen. Ich habe gelernt: Brustschwimmen ist, ­anders als Kraulen, der anstrengendste und komplizierteste Schwimmstil. Eine Millisekunde, nachdem die Arme am weitesten gespreizt sind, solltest du beginnen, deine ­Beine anzuziehen. Als Kind waren diese Bewegungsabläufe ziemlich gleichzeitig. Jetzt soll ich in einer Welle sein, ich nutze zuerst die Arme und lasse dann die ­Energie ­unten reinkommen. Superschwierig. Aber genau wie beim ­Tanzen! Da geht es drum, wie ich den Groove aus den ­Beinen hoch in die Arme ziehen kann.

Das erste Mal allein erforderte Überwindung: Da war wieder das Gefühl, dass mich alle beobachten. Stimmte wahrscheinlich nicht. Zuerst stürzte ich mich enthusiastisch auf die 25-Meter-Bahn – was überhaupt nicht klappte. Diesmal gab ich aber nicht auf, sondern schaltete zurück: Dann doch erst mal wieder, was ich schon kann: Wahrnehmungsübungen.

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Mindestens einmal pro Woche versuche ich, ins Schwimmbad zu gehen. Bevorzugt, wenn das Wetter nicht optimal ist – dann sind weniger Leute da. Nicht der Körperscham, sondern der Anteilnahme wegen. Versuch mal zu üben, wenn du ständig nett gemeinte Ratschläge bekommst oder alle meinen, dass du ertrinkst.

Nach ein paar Monaten klappt es jetzt besser, mit Unterbrechungen schaffe ich eine Bahn. Ich habe ein positiveres Körpergefühl und mehr Selbstvertrauen. Demnächst will ich mich ins Sportbecken wagen – dahin, wo man nicht stehen kann!

Protokoll: Sabine Oberpriller

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