Proteste von Studierenden
Politik gehört an die Universitäten!
Weltweit protestieren Studierende gegen den Gaza-Krieg. chrismon-Herausgeberin Frederike van Oorschot erklärt, welches Problem dahintersteht und wie die Unis darauf reagieren sollten
Propalästinensische Proteste an der Humboldt-Universität in Berlin
Propalästinensische Proteste an der Humboldt-Universität in Berlin
picture alliance/SZ Photo/Jens Schicke
Tim Wegner
28.05.2024
3Min

An der Humboldt-Universität in Berlin wurde eine propalästinensische Kundgebung aufgelöst, Studierende haben Räume besetzt. Auch an vielen anderen Universitäten wird demonstriert. Halten Sie die Proteste für berechtigt?

Inhaltlich ja – es braucht eine politische Debatte auch und gerade an den Universitäten. Hier ist die Debatte also am richtigen Ort. Wenn wir politische Debatten nicht auch an Universitäten führen können – wo dann? Hier können wir einüben, wie man debattiert. Aber nicht alle Mittel sind berechtigt: Denn natürlich ist die Besetzung eines Unigebäudes kein Zeichen dafür, dass man eine Debatte führen möchte. Das ist ein schmaler Grat. Also: Ja, die Proteste sind berechtigt, Debatte muss sein, aber nicht alle Mittel finde ich richtig. Ich sehe stellenweise allerdings auch eine Mitschuld bei der Unileitung.

Privat

Frederike van Oorschot

Die promovierte Theologin leitet den Arbeitsbereich "Religion, Recht und Kultur" an der Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft (FEST), einem interdisziplinären Forschungsinstitut mit Sitz in Heidelberg. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind dort unter anderem der digitale Wandel in Theologie und Gesellschaft. Sie unterrichtet als Privatdozentin an der Universität Heidelberg. Seit Mai 2023 ist sie Mitherausgeberin bei chrismon.

Wie meinen Sie das?

Wenn man versucht, die Debatten im Keim zu ersticken, dann sucht sich der Unmut andere Wege. Die Uni Bonn zum Beispiel hat ein Protestcamp für einen gewissen Zeitraum akzeptiert – das hat die Debatte dort ermöglicht. Die Studierenden haben ein politisches Anliegen, das berechtigt ist und das raus muss, Raum braucht. Gleichzeitig müssen die Unileitungen natürlich für die Sicherheit der Studierenden sorgen – besonders derzeit für die Sicherheit von jüdischen Studierenden.

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Warum politisiert gerade der Nahostkonflikt die Studierenden derart?

In Deutschland ist die aktive Studierendenschaft insgesamt wieder politischer. Und da sie das Gefühl haben, in den offiziellen Runden, Gesprächsveranstaltungen und in der Politik nicht gehört zu werden, eskaliert das immer mehr. Ein verknöchertes Beharren auf einer unpolitischen Universität manch alter Professoren oder Unileitungen hilft da nicht weiter.

Sind die Proteste wirklich vor allem eine Reaktion auf dieses verknöcherte Beharren? Mir kommen die Proteste viel aufgeladener vor.

Ja, das stimmt. Im Gespräch mit Studierenden begegnet mir vor allem ein sehr waches postkoloniales Bewusstsein: Das Narrativ ist, dass Israel hier eine Form von Kolonialismus betreibe. Und dass die Palästinenser dort in ihrem Kampf gegen Israel zumindest ein gerechtes Anliegen haben. Die Debatte um Kolonialismus hatte an den Universitäten in den letzten zehn bis 15 Jahren eine große Bedeutung und hat sie immer noch, so dass hier eine sehr große Sensibilität herrscht. Das lädt diesen Konflikt viel mehr auf als den Ukraine-Krieg. Denn in der Ukraine ist es viel eindeutiger, wer Aggressor und wer Opfer ist. Zugleich werden die Proteste natürlich auch instrumentalisiert, wogegen die Unileitungen zu Recht vorgehen.

Aber ist die Idee, den Nahostkonflikt als Teil des Kolonialismus zu verstehen, nicht schon antisemitisch?

Nein, natürlich nicht. Denn der Vorwurf richtet sich ja an eine bestimmte Richtung der Politik des Staates Israel – gegen die auch in Israel selbst massiv demonstriert wird. Sobald diese Kritik verallgemeinert und auf eine religiöse Gruppe zugespitzt wird, überschreitet sie die Grenze zum Antisemitismus. Antisemitismus darf an den Universitäten keinen Platz haben – das haben sowohl die Studierenden als auch Lehrende deutlich gemacht.

Sollte es in den Universitäten politischer zugehen?

Politik gehört an die Uni. Ich glaube, dass wir eine Debatte brauchen um die gesellschaftliche Bedeutung von universitärer Bildung. In den Geistes- und Sozialwissenschaften muss deutlicher werden, warum das, was gelernt wird, wichtig für die Gegenwart ist. Das kann man machen, indem man die aktuellen gesellschaftspolitischen Diskurse aufnimmt und in der Uni darüber spricht. Das Gegenteil wäre: sich in den Elfenbeinturm zurückziehen. So unterrichte ich zum Beispiel auch Kurse zum Thema "Populismus", damit die Pfarrer*innen und Lehrer*innen sensibilisiert werden für populistische Argumentation und ihre religiöse Instrumentalisierung.

Lesen Sie hier einen Bericht aus dem Auguste-Viktoria-Krankenhaus in Ostjerusalem, wo hundert Palästinenser festsitzen

Wie könnte der Nahostkonflikt beispielsweise im Theologiestudium vorkommen?

Als politische Debatte in allem, was so schön Fakultätsleben heißt. Diskussionsrunden mit der Fachschaft, im Professorium, man kann einen Studientag anbieten. Als Fakultät solche Veranstaltungen anzubieten, halte ich für sehr wichtig. Es geht um Zivilgesellschaft an Universitäten. Wenn wir als Kirchen Player in der und Orte für Zivilgesellschaft sein wollen, müssen wir das einüben, auch und gerade im Gespräch mit den anderen Fächern. So ein Übungsfeld haben wir nur an der Uni!

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Ockenga zu: ,Politik gehört an die Universitäten" und auch unter die Kanzeln?
Jetzt erwarte ich als Offenbarung den aktuellen politischen Geist der EKD. Zu vielen Anlässen gibt es Kommentare. Sowohl Wohlwollen für die Kleber, die Ablehnung von Bratwurst und Tempo, als auch gegen Extreme und für den Segen auf dem Jahrmarkt. Jetzt hat in Berlin eine Grüne Abgeordnete über den Mord an einen Polizisten gelacht und andere haben gewitzelt. Laschet hat unter Beifall die Wahl verloren, obwohl er im Gegensatz zu mehreren Grünen nicht über den Anlass gelacht hat. Was sagt die Kirche (Landesverbände, EKD) dazu?. Wird sie, wie nach den Klebern und dem Desaster mit dem Wohlwollen für den "Offener Brief" (beschämt?) schweigen, als eine besondere Form der Verantwortung? Oder gilt bei Bedarf auch hier die Toleranz der Intoleranz? Kann auch in diesem Fall mit Worten und Ansprüchen alles "geglättet" werden, wie es uns vom "Mastermind" Fulbert Seffrensky so schön erklärt wurde?