Ein zerbrochener Eierbecher - Symbolbild
Peter Dazeley/GettyImages
Familiengeschichte
Wofür habe ich gekämpft?
Ein zerbrochener Eierbecher gibt Fragen auf: Woher kam die Wut, die zu den Scherben führte? Woher der Zorn auf Mann und Schwiegermutter? chrismon-Leserin Helga Majer-Trendel erinnert sich
Aktualisiert am 28.03.2024
3Min

Drei Tage nach der Beerdigung räumte ich ihren Schreibtisch aus. Biedermeier, schlichtes Kirschholz mit schöner Maserung. Ich tat es ungern, fast widerwillig. Ich kam mir voyeuristisch vor, und fürchtete, vielleicht auf irgendwelche Geheimnisse zu stoßen, die besser verborgen bleiben sollten oder möglicherweise das Bild, das ich seit 40 Jahren von meiner Schwiegermutter in meinem Kopf hatte, verändern würden. Mit einem rosa oder hellblauen Seidenband verschnürte Liebesbriefe wie bei Effi Briest. Fotos unbekannter Männer in versiegelten Umschlägen. Geheime Geldreserven "für den Notfall". Sorgsam gehütete Tagebücher...

Helga Majer-Trendel

Helga Majer-Trendel, Jahrgang 1929, ist Rentnerin und lebt in München. Früher hatte sie 25 Jahre lang als Buch- und Grafik-Restauratorin eine eigene Werkstatt betrieben und später auch ein Kochbuch herausgebracht. Ihr Mann starb im April 2018.

Nichts dergleichen fand ich in den verschiedenen Schubladen und Fächern. Lediglich eine alte Briefwage, eine Löschwiege, dunkelblaues Durchschlagpapier, himmelblaue dünne Luftpostumschläge, Briefpapier mit schwarzem Trauerrand , eine typisch florentinische Lederschachtel, weinrot mit Goldprägung, für Briefmarken gedacht, aber mit zu kleinen Fächern für inzwischen zu große Marken. Einen Gummi- Stempel mit Namen und Adresse, als Absender zu verwenden, aber mit längst ungültiger Postleitzahl und einem eingetrockneten Stempelkissen dazu. Solche Sachen halt, die keiner mehr verwendet. Nutzlos, uninteressant. Das war alles.

Aber dann ertasteten meine Finger plötzlich hinten in der Schublade ganz unten links etwas, das sich so gar nicht nach altmodischen Schreibwaren anfühlte: Ein schmuddeliges Plastiktütchen, ursprünglich mal mit einem, nun brüchigen, zerissenen, Gummiring umwickelt.

Na, also!

Dieser Text ist Teil einer Serie über Familiengeheimnisse, in der wir auch Zuschriften von Leserinnen und Leser veröffentlichen. Lesen Sie hier weiter

Einige kleine blaue Tonscherben und ein vergilbtes Zettelchen fielen auf die Schreibtischplatte. Typisch die Schrift meiner Schwiegermutter: mit großen Buchstaben beginnend, dann immer kleiner werdend, weil der Platz bis zum Rand dann doch zu knapp wurde (jedes mal das gleiche, auf jedem Einkaufzettel oder Weihnachtsgeldumschlag mit drumherumgeklebten Goldsternen "für einen besonderen Wunsch").

Auf dem Zettel stand: Diesen Eierbecher hat mir meine Schwiegertochter am 3. Juli 1970 beim Frühstück im Bauernhaus vor die Füße geschmissen mit den Worten: Ich hasse Euch.

Ich versuchte, die Scherben zusammenzusetzen. Ja, stimmt, das war einmal ein Eierbecher gewesen, einer, den ich nie leiden konnte, weil er so eine plumpe Form hatte, ich erinnerte mich...

Aber warum hatte ich ihn am 3. Juli 1970 auf den Boden geschmissen? Warum hatte ich sie gehasst, die beiden, Mutter und Sohn, Schwiegermutter und Ehemann? Was hatten sie gesagt (mal wieder gemeinsame Sache gemacht gegen die Preußin, die arme Nichtprinzessin, die widerwillig, dem einzigen Sohn zuliebe, akzeptierte Schwiegertochter?) Was hatte ich gesagt? Wofür hatte ich gekämpft? Was hatte ich verteidigt? Was war geschehen? Ich wusste es nicht mehr! Ich stellte mir vor, wie es gewesen sein muss: Morgensonne auf dem Tisch, die rotweißen Burgenland-Tassen, die Kaffekanne, Honigtopf und Butterdose. Brotkorb und weiche Eier in bunten Eierbechern. Wer hatte den blauen?

Ich sehe mich, wie in einem Film, die alte Stiege hinaufrennen, mich schluchzend auf mein Bett werfen und bittere Tränen in mein blaugeblümtes Bettzeug heulen.

Ich hatte die Contenance verloren.

Ich hatte die Basis meiner Erziehung verlassen: man schreit nicht

man weint nicht man jammert nicht man klagt nicht

man stampft nicht mit den Füßen auf, man tut dies nicht, man tut das nicht, man muss immer

man darf nie man sollte nie

man sollte immer, aber nie zuviel wollen

...und und und...

Contenance, der Schlüssel zum Glück - so hatte es mir meine Großmutter beigebracht. Und ich hatte wieder einmal versagt.

Und dann?

Naja, dann ist das Leben wieder weiter gegangen, wie immer, wie jedenTag, einfach nur so.

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