Rechte Gewalt
"Das völkische Denken ist tief verwurzelt"
Die Zahlen der Opfer rechter Gewalt steigen kontinuierlich, überall in Deutschland. Interview mit Heike Kleffner vom Dachverband der Beratungsstellen für Betroffene
Eine Besucherin geht durch das Denkmal 'Dokumentation Oktoberfest-Attentat, das im August 2021 am Bavaria-Ring ausgestellt war
Denkmal "Dokumentation Oktoberfest-Attentat". 1980 kamen zwölf Mensch ums Leben, über 200 wurden verletzt
Johannes Simon/picture alliance/SZ Photo
20.03.2024
6Min

Der Verein Opferperspektive in Brandenburg hat gerade neue Zahlen veröffentlicht. Demnach wurden allein in diesem Bundesland im vergangenen Jahr 242 Menschen Opfer von rechter Gewalt, fast doppelt so viele wie im Vorjahr. Was sagen Sie dazu?

Heike Kleffner: Dieser Anstieg ist sehr alarmierend. Schon jetzt werden täglich in Deutschland mindestens fünf Menschen Opfer einer rassistisch, antisemitisch oder rechtsextrem motivierten Gewalttat. Leider ist davon auszugehen, dass sich dieser unhaltbare Zustand noch verschlechtern wird.

Was fällt unter "Gewalttat"?

Mehrheitlich handelt es sich um einfache und gefährliche Körperverletzungen, beispielsweise um Angriffe mit Waffen wie Messern oder Äxten. Aber auch um Brandstiftungen und versuchte Tötungsdelikte.

Sie koordinieren im Dachverband 18 Beratungsstellen in 14 Bundesländern. Dazu kommen weitere Anlaufstellen und Onlineberatung. Auf welchen Quellen fußen die Opferzahlen, die Sie veröffentlichen?

Hinter jeder Zahl stehen Schicksale von Menschen: Viele von ihnen wenden sich hilfesuchend an unsere Beratungsstellen oder an Kooperationspartner wie Schulsozialarbeiter*innen oder Flüchtlingshelfer. Der weitaus größte Teil, gut 90 Prozent der Fälle, sind auch bei der Polizei registriert. Weil die Betroffenen Strafanzeigen stellen oder von Amts wegen ermittelt wird.

Das heißt, es gibt Menschen, die nach einem Angriff nicht zur Polizei gehen?

Ein Beispiel: Eine geflüchtete Familie aus Syrien ist gerade nach Deutschland gekommen und lebt in einer Flüchtlingsunterkunft. Wenn das Kind der Familie in der Schule aus rassistischen Motiven angegriffen wird, befürchten manche Eltern negative Konsequenzen: für das Asylverfahren oder für das Weiterlernen in der Schule, wenn sie den Vorfall bei der Polizei anzeigen. Aber vielleicht gibt es eine andere Person in dem Heim, die schon mal mit einer unserer Beratungsstellen Kontakt hatte und die hilfesuchende Familie weitervermittelt. So erfahren wir von dem Fall.

Martin Neuhof/Herzkampf

Heike Kleffner

Heike Kleffner ist freie Journalistin und Geschäftsführerin des Verbands der Beratungsstellen für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt (VBRG e.V.). Sie ist Mitherausgeberin zahlreicher Fachbücher, zuletzt erschienen "Staatsgewalt: Wie rechtsradikale Netzwerke die Sicherheitsbehörden unterwandern" (Herder 2023) und Report 2024: Recht gegen Rechts (Fischer 2024).

Es gibt auch Menschen, die von Linksextremisten attackiert werden. Warum braucht es einen Dachverband für die Opfer von rechter Gewalt?

Bundesinnenministerin Nancy Faeser bezeichnet Rechtsextremismus als größte Bedrohung für die Innere Sicherheit der Bundesrepublik. Wir sollten nicht vergessen, dass es sich hier um sogenannte "Botschaftstaten" handelt. Das heißt, dass mit dem rechtsterroristischen Attentat auf den CDU-Politiker Walter Lübcke in Hessen, mit den antisemitisch und rassistisch motivierten Attentaten in Halle und Hanau mit vielen Toten und Schwerverletzen eine Botschaft des Schreckens verbunden ist, die sehr viele Menschen in Deutschland betrifft: dass sie allein aufgrund von Zuschreibungen und äußeren Merkmalen in ihrem Alltag nie mehr sicher sein können. Leider gibt es in der Gesellschaft und teilweise auch bei der Polizei bei Gewalt von rechts ein massives Wahrnehmungsproblem.

Das müssen Sie erklären!

Nehmen wir an, Sie werden auf der Straße überfallen. Ihnen wird die Handtasche geklaut. Das ist ein klarer Fall für die Polizei. Sie sind das Opfer, der Dieb der Täter. Doch wenn – und ich rede hier von einem realen Fall aus Berlin vor einigen Jahren – eine junge Frau, die in Deutschland geboren ist, hier gerade ihr Abitur gemacht hat, aber aus einer Familie mit Migrationsgeschichte stammt, in der Coronazeit in der Straßenbahn von sechs Deutschen zusammengeschlagen wird, weil sie angeblich keine Corona-Maske trug … dann besteht leider die Gefahr einer Täter-Opfer-Umkehr. So wie auch bei der Mordserie des neonazistischen Terrornetzwerks NSU: Da wurden teilweise über ein Jahrzehnt lang die türkei- und kurdischstämmigen Hinterbliebenen verdächtigt, ihre eigenen Ehemänner oder Geschwister ermordet zu haben. Sie wurden so stigmatisiert und kriminalisiert, dass sie nicht einmal in Ruhe trauern konnten. Es gibt – sei es bei Polizisten oder Journalisten – immer noch die Vorstellung, dass ganz "normal" aussehende Männer wie Frauen unmöglich rassistische oder antisemitische Angriffe verüben und aggressiv werden können. In dem Berliner Fall wurde den Angreifern und nicht der Abiturientin geglaubt. Am Ende, so haben es Zeugenaussagen belegt, war es genau umgekehrt. Die Deutschen hatten die Maskenpflicht verweigert, die junge Abiturientin hat sie darauf hingewiesen, dann eskalierte die Situation.

Ist die Gewalt in der Mitte unserer Gesellschaft angekommen?

Leider ja. Wir denken bei rechten Gewalttaten immer an brutal aussehende junge Männer mit Springerstiefeln. Doch das stimmt schon lange nicht mehr. Es gibt ein tief verwurzeltes völkisches und rassistisches Denken in unserer Gesellschaft.

Was haben wir als Gesellschaft versäumt?

Ich erkläre es am besten an einem Beispiel: 1991 starb Samuel Yeboah aus Ghana bei einem rassistisch motivierten Brandanschlag auf die Unterkunft in Saarlouis im Saarland, in der er wohnte. Erst vergangenen Herbst, mehr als dreißig Jahre später, wurde ein polizeibekannter Neonazi verurteilt. Aber nicht, weil die Polizei ihm auf die Spur kam, sondern weil dieser Mann bei einer Grillparty mit der Tat geprahlt hatte und eine mutige Zeugin sich daraufhin bei den Sicherheitsbehörden gemeldet hat. Und dies ist kein Einzelfall. Von 1990 bis 1994 gab es in Deutschland über 1300 Brand- und Sprengstoffanschläge durch Rechtsextremisten, die bekanntesten geschahen in Mölln und Solingen. Mehr als zwei Dutzend Menschen starben in dieser Zeit. Noch heute leiden viele Hinterbliebene und Überlebende an den Folgen. Doch gerade mal 20 Prozent dieser Fälle sind aufgeklärt. Das heißt, da draußen laufen noch mehrere Hundert Täter und Täterinnen rum, die sich nie verantworten mussten.

Solche Versäumnisse wirken sich bis heute aus?

Leider ja. Wir registrieren täglich mehr Fälle. Ganz aktuell ist der Fall eines Lehrers aus Cottbus, der Schüler aus rassistischen Gründen geschlagen haben soll. Seit einem halben Jahr wird gegen den Lehrer ermittelt, der an einer anderen Schule weiter unterrichtet. So unglaublich das klingt – wir hören häufiger von derartigen Attacken an Schulen.

Ist rechte Gewalt ein Phänomen der Nachwendezeit?

Rechte Gewalt gibt es überall, in allen Bundesländern, und es gab sie auch schon vor der Wiedervereinigung. Das Oktoberfestattentat 1980 in München mit zwölf Toten und mehr als 200 Verletzten oder die Ermordung von Shlomo Lewin und Frida Poeschke in Erlangen durch einen Anhänger der Wehrsportgruppe Hoffmann werden allzu oft vergessen. Was sich nach der Wende veränderte: In den ostdeutschen Bundesländern kam es vor aller Augen, in aller Öffentlichkeit, zu rassistischen Jagdszenen und pogromartigen Angriffen etwa auf ehemalige Vertragsarbeiter und Geflüchtete in Hoyerswerda 1991 und 1992 in Rostock-Lichtenhagen. In den sogenannten "Baseballschlägerjahren" entstanden Angstzonen für alle, die von extremen Rechten als "Feinde" oder "minderwertig" markiert wurden. In unserer Web-Dokumentation "Gegen uns" sprechen Zeitzeuginnen und Überlebende über diese Zeit. Die Dokumentation wurde 2021 mit einem Grimme Online Award ausgezeichnet. Dort erzählen Betroffene, wie es damals war.

Vier Jahre nach Hanau und die Übergriffe nehmen wieder zu. Unsere Reporterin war vor Ort

Tragen Parteien wie die AfD zur weiteren Brutalisierung in der Gesellschaft bei?

Ja. Sie vertreten offen ein völkisches und rassistisches Weltbild. Aber es gibt auch eine gute Entwicklung. In den vergangenen Monaten sind viele Hunderttausend Menschen in Dörfern, Klein- und Großstädten für Demokratie und gegen Rassismus und Antisemitismus auf die Straßen gegangen. Wir reden wieder mehr darüber, dass wir gemeinsam demokratische Werte verteidigen und dafür einstehen - bei Familienfesten, in Schulen, auf der Arbeit.

Ein wichtiger Bereich Ihrer Arbeit ist der Opferhilfefonds.

Ja, wir bitten immer wieder dringend um Spenden. Es gibt so viele Fälle rechter Gewalt, die in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen werden. Im Leben der Betroffenen ist nach solchen Angriffen vieles nicht mehr wie zuvor: Da müssen Familien umziehen, es entstehen Anwaltskosten, es braucht Benzingeld, weil das Kind nicht mehr alleine mit dem Bus zur Schule fahren kann, ein Fahrrad wird zerstört, die Schaufensterscheiben eines kleinen Ladens werden eingeschlagen. Für Menschen, die so etwas erleben, steht auch die materielle Existenz auf dem Spiel. Wir können mit Spenden unbürokratisch und direkt helfen.

Spendeninfo

Beim Verband der Beratungsstellen für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt gibt es einen - rein ehrenamtlich - organsierten Fonds für die Opfer vergangener und aktueller Taten, an den Sie direkt oder über Betterplace spenden können.

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Solange Mensch die Konfusion und den geistigen Stillstand mit dem zeitgeistlich-reformistischen Kreislauf des imperialistisch-faschistischen Erbensystems betreibt und es in gleichermaßen unverarbeitet-gepflegter Bewusstseinsschwäche "freiheitlicher" Wettbewerb nennt, also diese menschenUNwürdige Symptomatik mit wechselseitiger Schuld- und Sündenbocksuche in "gut & böse" die Deutungshoheit, solange sind wir alle mehr und/oder weniger heuchlerisch-verlogene Nazis in stumpf-, blöd- und/oder wahnsinniger Bewusstseinsbetäubung in Überproduktion von Kommunikationsmüll.

Das ganzheitlich-ebenbildliche Wesen Mensch, in einem globalen Gemeinschaftseigentum "wie im Himmel all so auf Erden", OHNE wettbewerbsbedingte Symptomatik, ist der Sinn des Lebens.

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