Las Restreadores, Mütter suchen mit Schaufeln nach den Leichen ihrer Familienmitglieder
Las Restreadores, Mütter, suchen mit Schaufeln nach den Leichen ihrer Familienmitglieder
Guillaume Herbaut/Agence VU/laif
Spurensuche in Mexiko
Wo sind ihre Liebsten?
In Mexiko graben Mütter mit Schaufeln und Sonden nach den Knochen ihrer ­verschwundenen Söhne und Männer. Man nennt sie "Las Rastreadoras" – Spuren­sucherinnen. Die Journalistin Laura Uribe hat sie begleitet und ein preisgekröntes Hörspiel geschaffen. Ein Interview
Tim Wegner
22.12.2023
4Min

Sie haben die Rastreadoras begleitet. Nach wem suchen diese Frauen?

Laura Uribe: Seit Jahrzehnten herrschen krimi­nelle Kartelle in Mexiko nicht nur über die Zivilbevölkerung, sondern sind auch mächtiger als Polizei und Justiz. Sie morden und lassen Leichen verschwinden, die Familien können keinen Abschied nehmen. Die Ras­treadoras wollen sich damit nicht ab­finden. Sie machen sich auf die Suche nach ihren Söhnen, ihren Männern. Sie schaufeln mit einfachen Geräten in der brütenden Hitze nach potenziellen Gräbern. Vor Verwesung ekeln sie sich nicht. Im Gegenteil, es be­deutet etwas Gutes für sie, einen Fund. Viele von ­ihnen tragen ihre Entschlossenheit am Körper: auf Halsketten oder T-Shirts mit Bildern der Vermissten. Und haben die Frauen die Gräber gefunden, hören sie nicht auf: Sie ­helfen dann den anderen.

Wie findet man ein Grab?

Man braucht einen Anhaltspunkt. Also be­ginnt man zu telefonieren, rumzufragen im Ort, an Türen zu klopfen. Die wichtigsten Zeugen sind meist die Farmer, die den ganzen Tag auf ihren Feldern arbeiten, sie hören und sehen am meisten. So gut wie jede Suche wird mit einer kleinen Zeremonie eröffnet. Die Mütter singen und beten zusammen. Im nächs­ten Schritt gehen die Gruppen die Stellen ab, an denen sie Knochen vermuten, und suchen nach unterschiedlichen Erdtönen. Die Erde, in der die Körper vergraben liegen, ist dunkler. Das kommt durch die Gase, die irgendwann aus dem toten Körper austreten. Manche wählen auch einen spirituellen Weg, sie sprechen mit den Toten und bitten sie, ihnen zu ver­raten, wo sie liegen. Mit einer Art Speer ­stechen sie Boden ab, um zu prüfen, ob es einen Widerstand gibt. Gibt es keinen, besteht der letzte Schritt darin, an den Speerspitzen zu riechen. Ausgerechnet der beißende Geruch löst bei den Müttern positive Gefühle aus.

Tim Wegner

Laura Uribe

Laura Uribe, ­geboren 1984, ist eine mexikanische Autorin und Performance-­Künstlerin. In ­ihrem Hörspiel "Campo" erzählt sie in Interviews und Augenzeugenberichten von der Suche nach ­verschwundenen Menschen in ­Mexiko. "Campo" wurde 2023 mit  dem Robert Geisendörfer ­Preis ausgezeichnet, dem Medienpreis der evangelischen Kirche.

Man stößt auf Knochen – was geschieht dann?

Um die DNA zu überprüfen und die Identität festzustellen, müssen die Frauen sich an die örtlichen Behörden wenden. Bis die überhaupt erst mal zum Tatort kommen, dauert es meist drei Tage oder länger. Bei den Knochen und dem DNA-Nachweis gibt es auch regionale Unterschiede. Im Norden Mexikos verfügen die Drogenkartelle über Bagger, mit denen sie die Leichen tiefer vergraben. Dort werden ­Tote auch oft in Säure aufgelöst, dadurch ist die DNA nur anhand der Zähne nachweisbar.

Können sich die Frauen die Suche überhaupt leisten?

Es ist ein Vollzeitjob mit Wochenendarbeit. Zwei bis drei Tage pro Woche brauchen die Frauen, um das Internet nach potenziellen Zeugen zu durchsuchen, zu telefonieren. An den anderen Tagen sind sie draußen. Der Staat zahlt offiziell eine Entschädigung, um­gerechnet 300 Euro pro Monat – aber nur sehr wenige erhalten diese Entschädigung. Die Frauen müssen ihre Suche dokumen­tieren, was viele nicht können. Einige Brigaden, Suchtrupps werden durch Spenden unterstützt. Viele Frauen suchen aber auch allein. Sie gehen mit einer Schaufel und Speer los, manchmal auch auf dem Grund und Boden der Kartelle.

Ungewissheit ist für die ­Frauen schlimmer als der Tod

Haben die Frauen keine Angst?

Nicht zu wissen, wo ihre Männer und Söhne geblieben sind, ist für sie schlimmer als der Tod. Ihre Trauer und Ohnmacht sind vermischt mit Wut und Trotz. Das macht stark. Viele der Mütter hatten eine sehr starke Be­ziehung zu ihren Kindern und fühlen sich um einen Teil ihrer Seele beraubt. Das haben auch die Kartelle verstanden, die die Frauen des­wegen kaum einschüchtern können.

Und wo sind die Männer in all dem?

Einige sind selber verschwunden. Andere ­wollen irgendwann damit abschließen und ­hören auf zu suchen. Dadurch gehen viele Ehen in die Brüche. Die Männer trennen sich von ihren Frauen, weil sie keine emotionale Kraft mehr übrig haben. Hinzu kommt, dass die Männer nicht wie die Mütter ihre Jobs dafür aufgeben. Und sie werden von den Drogenkartellen mehr bedroht.

Welche Rolle spielt Korruption?

Mexiko ist korrupt von ganz oben bis ganz ­unten. Nachdem der damalige Präsident ­Felipe Calderón 2006 den Krieg gegen die Kartelle ausgerufen hat, haben die Vermisstenfälle und Morde stark zugenommen. Calderón steckte jedoch mit einem der Kartelle unter einer Decke. Die anderen bekämpfte er mit Armee und Polizei. Dieser Krieg dauert bis heute an. Für die Rastreadoras bedeutet Korruption zum Beispiel, dass die gefundenen Knochen bei den Forensikern und im Institut angeblich verloren gehen. Sie hören dann ausgedachte Geschichten. Die Behörden und der Staat boykottieren die Ermittlungen, streichen Gelder für DNA-Testverfahren oder Kühlräume, sogar für einen einfachen Kühlschrank, um die DNA zu lagern.

Kann das Ausland helfen? So, wie deutsche Forensiker in der Ukraine helfen?

Das ist schwierig. Spenden werden sicherlich angenommen. Doch viele Mexikanerinnen und Mexikaner fürchten sich eher vor Abhängig­keiten. Die Angst ist groß, dass aus­ländische Interessen an Einfluss gewinnen und das Land weiter destabilisieren – wie sie es in anderen Ländern in Lateinamerika ­beobachten.

Welche der Frauen, die Sie begleitet haben, hat die stärkste Wandlung durchgemacht?

Die 69-jährige Maria hatte vier Söhne. Zwei verschwanden 2014. Die anderen beiden 2016. Damals lebte Maria in einem kleinen Dorf. Sie trug lange, altmodische Blumenkleider und verkaufte Snacks an einem Holzstand vor ­ihrem Haus. Davon konnte sie gerade so ­leben. Heute trägt sie Militärstiefel, eine Kappe und Cargohosen, führt mehrere ­Kollektive und Brigaden an, berät die Polizei und be­nötigt deswegen auch Polizeischutz sowie private Security. Maria war die erste Mutter, die mit dem Präsidenten Felipe Calderón sprach und ihn öffentlich aufforderte, ihre Söhne zurückzubringen. Keinen von ihnen hat sie bisher gefunden. Die Suche ist nun ihr Vollzeitjob, und sie hat nicht vor, in Rente zu gehen.

Hier können Sie das Hörspiel von Laura Uribe hören.

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