Gedankenexperiment
Kann man Schmerzen teilen?
Könnte ich dir doch nur helfen, sagt man zu Kranken. Und wenn das wirklich ginge, anderen Schmerzen abzunehmen? Mit einer App? Wären Sie dabei?
Illustration einer Figur, die auf einem Nagelbrett sitzt. Die Nägel sind aber Menschen, die die Figur auf ihren Händen tragen
Francesco Ciccolella
Aktualisiert am 23.03.2026
6Min

Du hast starke Schmerzen. Ich denke manchmal, ich würde dir gern etwas abnehmen davon. Vielleicht zehn Prozent. Oder 15. Eins von den vielen Schmerzpaketen, die du da mit dir rumträgst. Das könntest du mir rüberreichen, dann ginge es dir etwas besser. Und mir ginge es gut, weil ich dir ein bisschen helfe und ich das kleine Paket gar nicht groß spüre.

Vielleicht sollte es eine App geben, mit der man sich am Ertragen von Schmerzen beteiligen kann. Ich logge mich ein, wische so lange auf dem Bildschirm, bis ich eine sympathische Person mit passendem Schmerz gefunden habe, übernehme fünf Prozent ihrer Kopfschmerzen, sie bedankt sich, alles prima. Jemand anders nimmt drei Prozent, eine Frau aus Berlin sogar zwölf. Für, sagen wir, zwei Stunden sind wir auf diese Weise verbunden. Bei mir würde es heute Nachmittag passen, wenn ich in diesem blöden Meeting sitze. Dann hätte das wenigstens einen Sinn.

Ich nehme an, das merke ich gar nicht. Fünf Prozent von einer sympathischen Person mit chronischen Schulter­schmerzen. Vielleicht ein Bauarbeiter Anfang 60. Der trägt keine Speiseimer mehr, kann nicht mehr arbeiten, sitzt mit kleinem Geld zu Hause. Da kann ich doch mal sagen, okay, ich hatte es besser, ich habe keine Schmerzen, ich übernehme da was.

Dann ­können wir das Schmerzniveau ausgleichen, quer durch die Gesellschaft

Natürlich nur, wenn das technisch sicher ist. Ich meine, das wird doch wahrscheinlich so funktionieren, dass die Schmerzimpulse, die seine Schulternerven losschicken, quasi abgezweigt und in mein Hirn umgelenkt werden. Wahrscheinlich kriegt er Sensoren auf die Schulter geklebt, und ich müsste irgendeinen Chip unter der Kopfhaut haben, der auf mein Gefühlszentrum wirkt. Die Frage ist, ob sich da jemand reinhacken könnte. Trolle aus Petrograd oder so. Das möchte man sich nicht vorstellen. Oder dass jemand im Vorbeigehen Zugriff auf den Chip in meinem Kopf kriegt, mir einen Schmerzstoß in die Schulter jagt und ich gehe schreiend zu Boden. Die Leute denken: ein epileptischer Anfall. Aber ich weiß, da hatte jemand den Code. Die App braucht extreme Firewalls und die Chips dürfen nicht in China produziert werden, das ist mal klar.

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