Mahnmal "Wir haben Gesichter" im Viktoriapark in Berlin-Kreuzberg. Die Stele erinnert an Frauen als Opfer von Vergewaltigungen
Diese Stele in Berlin erinnert an vergewaltigte Frauen
Lienhard Schulz
Gewalt gegen Frauen
Wir brauchen mehr Mahnmale
Wo einer Frau Gewalt angetan wurde, braucht es Orte der Warnung und Erinnerung, fordert unsere Autorin Marie Kröger
Tim Wegner
24.11.2023
3Min

Ausgerechnet zum Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen urteilte das Schweizer Bundesgericht: Wie lange eine Vergewaltigung dauert, kann bei der Urteilszumessung eine Rolle spielen. Wenn eine Frau also "nur" elf Minuten lang vergewaltigt wird, wäre das nicht so schlimm, als würde sie 30 Minuten oder eine Stunde lang missbraucht. Es gibt also einen "Vergewaltigungs-Tarif" für ein lebenslanges Trauma. Ernsthaft?

Tim Wegner

Marie Kröger

Marie Kröger ist Volontärin beim GEP. Zuvor arbeitete sie beim "Focus Magazin", dem "Hamburger Abendblatt" und diversen Onlineredaktionen. Sie hat Journalismus, European Studies und Philosophie in Berlin, Budapest und Stellenbosch studiert. Am liebsten schreibt sie Reportagen über Menschen, die keinen geraden Lebensweg gegangen sind – und trotzdem erfüllt sind.

Muss ich jetzt wirklich Studien auspacken, die belegen, dass auch eine gescheiterte Vergewaltigung einen lebenslangen psychischen Schaden bei einer Frau hinterlässt? Am besten wäre es doch, wenn es gar nicht erst zu einer Vergewaltigung kommt!

Ich habe in den vergangenen Jahren im Berliner Brennpunktviertel Neukölln gewohnt, in Kapstadt und vor kurzem in eine der verschrienen Straßen des Frankfurter Bahnhofsviertels gezogen. Ich habe kein Problem, einem Passanten mal eine Ansage zu machen. Ich weiß auch, wann es besser ist, nichts zu sagen.

Was mir wirklich Angst macht, sind die Spaziergänge durch einsame Parkanlangen am hellichten Tag. Sogar wenn ich Joggen gehe, weiß ich als Frau: Jederzeit könnte man mich in ein Gebüsch ziehen. Mein Rückweg vom Fitnessstudio führt über eine 200 Meter lange stillgelegte Straße, die zwar beleuchtet ist, aber auf der ich noch nie eine Person getroffen habe. Ich nehme meinen Schlüssel in die Hand, meine Kopfhörer aus den Ohren, meine Schultern ziehe ich hoch.

Mahnmal "Wir haben Gesichter" im Viktoriapark in Berlin-Kreuzberg. Der Text auf der Stele erinnert an Frauen als Opfer von Vergewaltigungen.

Denn als Frau weiß ich: Es kann schnell gehen.

Und dann laufen mir die Schlagzeilen der vergangenen Jahre durch den Kopf. Ich denke wieder an den Mord von Melanie R. aus Berlin Pankow im Jahr 2018. Ihr "Fehler" war es, dass sie sich in der Mittagspause kurz auf einer belebten Grünfläche erholen wollte. Ihr Mörder verlangte erst ihr Handy, dann ihren Körper. Ein wenig mehr "Glück" – aber trotzdem ein lebenslanges Trauma – hatte Anne K. aus Hamburg. Auf ihrem Weg durch ein Wohngebiet nach Hause, streifte sie auf dem Gehweg mitten am Tag einen Kleintransporter, die Tür stand offen. Ein Mann zog sie hinein, verschleppte und vergewaltigte sie für eine Woche.

Es sind Geschichten wie diese, die in meinem Kopf miet-frei weiterleben. Sie erinnern mich, was passieren kann und helfen mir, Gefahren besser einzuschätzen. Zum Beispiel gehe ich nachts nie auf dem Gehweg, der meist im Dunkeln liegt.

Wenn ein Motorradfahrer auf einer kurvigen Landstraße sein Leben verliert, stehen bald ein Kreuz und Rote Kerzen an der Unfallstelle. Überfährt ein Auto einen Fahrradfahrer, stellen Aktivisten ein weißes Fahrrad hin, um zu mahnen und zu erinnern. Diese Idee kommt aus den USA und heißt "Geisterrad".

Doch wenn eine Frau stirbt oder angegriffen wird, nur weil sie als Frau am falschen Ort war, steht dort fast nie ein Mahnmal. Vielleicht, weil wir sonst an der Zahl der Vorfälle erkennen müssten, dass sich wirklich etwas ändern muss? Weil es zu viele sind? Und weil Urteile, wie das in der Schweiz dann nicht mehr möglich wären?

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Überall Mahnmale gegen den Krieg. Haben sie einen einzigen neuen Krieg verhindert?

Ich plädiere für eine Umbenennung: W a h n m a l e !! Kriege sind doch Wahn, gelle? Und häusliche Gewalt? Wahnsinn!!

Und kommt ein Gott und hilft? Nochmal ein Wahn des Glaubens. Glaubenswahn.

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