Illustration zeigt ein Frau die ein Fenster öffnet. Viele weiß-gelbe Schmetterlinge fliegen nach draußen
"Damit die Seele rausfliegen kann"
Ælfleda Clackson
Letzte Hilfe-Kurs
Was guttut, ist erlaubt
Vor dem Tod spielt der menschliche Körper ein regelrechtes Programm ab, das mehrere Tage dauern kann. Wie können wir einem Menschen in seinen letzten Tagen und Stunden beistehen? Ein Kurs in "Letzter Hilfe" liefert Antworten
Tim Wegner
30.10.2023
6Min

Der Alltag kann vieles sein – hektisch, Routine, hoffentlich auch bunt und schön. Ein Thema aber hat selten einen Platz: der Tod. "Was kann ich noch für dich tun, wenn du einmal stirbst?" Das ist eine schwierige Frage, aber Christine Krause, Geschäftsführerin des Würdezentrums in Frankfurt am Main, Altenpflegerin und Pflegemanagerin, rät trotzdem dazu, sie zu stellen. Und hat einen Tipp, wie man Gelegenheiten schafft. Zum Beispiel, wenn man mit dem hochbetagten Vater einen Film schaut, in dem ein Mensch stirbt. Dann könne man sagen: "Oje, so möchte ich mich nicht quälen müssen – wie siehst du das eigentlich?"

Tim Wegner

Nils Husmann

Nils Husmann ist Redakteur und interessiert sich besonders für die Themen Umwelt, Klimakrise und Energiewende. Er studierte Politikwissenschaft und Journalistik an der Uni Leipzig und in Växjö, Schweden. Nach dem Volontariat 2003 bis 2005 bei der "Leipziger Volkszeitung" kam er zu chrismon.

Ein Mittwochabend im Frankfurter Stadtteil Sachsenhausen. Im ersten Stock eines Bürogebäudes besuchen 13 Menschen einen Letzte-Hilfe-Kurs. Unten auf der Straße rauschen Busse, Autos und Menschen auf Fahrrädern vorbei. Das pralle Leben, während es oben ums Sterben geht. Ganz praktisch. Denn wer im Sterben liegt, ­möchte nichts mehr trinken und lässt den Mund offenstehen. Lippen und Mundhöhle trocknen aus.

Conny Sciborski, gelernte Altenpflegerin und zweite Referentin an diesem Abend, und Christine Krause verteilen Stäbchen an die Gäste. ­Auf den ersten Blick sehen sie aus wie Lollis. Aber an der Spitze ist Schaumstoff angebracht, den man befeuchten kann, um Lippen und Mundhöhle abzutupfen. Das lindert. Mit Wasser? Nicht unbedingt.

Sterben ist ein Prozess, auf den das ganze Leben zuläuft. Alle wissen es, aber vielen macht der Gedanke Angst. Einige der Kursbesucher im Würdezentrum erzählen, sie kümmerten sich gerade um Menschen, die krank oder alt sind und vermutlich schon bald sterben müssen. Wie wird das sein? Wie kann man ihnen zur Seite stehen?

Und was passiert eigentlich, bevor und wenn wir sterben? (Das hier im Text verlinkte Video war auch Teil des Letze Hilfe-Kurses, Anm. d. Redaktion.) Der Körper von älteren oder sehr kranken Menschen spult ein regelrechtes Programm ab, das eine ganze Weile vor dem Tod beginnen kann. Nicht alles muss, vieles aber kann so ­kommen, dass Angehörige, Freundinnen und Außenstehende die Zeichen lesen lernen können. Auch wenn es wehtut.

Menschen, die bald für immer gehen werden, haben wenig Energie. Es kann sein, dass sie kein Interesse mehr an Dingen zeigen, die ihnen immer wichtig waren. Chris­tine Krause erlebt das gerade mit ihrem Vater. Der war Fernfahrer, konnte ihr auch im Ruhestand immer sagen, auf welcher Strecke die größte Staugefahr besteht – vorbei, es kümmert ihn nicht mehr. Es kann auch passieren, dass Besuch nicht mehr willkommen ist, ein Mensch sich immer mehr zurückzieht, nichts mehr unternehmen möchte – und viel schläft. "Die Phase kann eine längere Zeit andauern, es kann auch sein, dass sich manches für einige Zeit wieder bessert, aber wer die Zeichen erkennt, kann sich auch besser darauf einstellen, dass ein geliebter Mensch aufs Lebensende zugeht", sagt Christine Krause.

Und dann kommen, irgendwann, die letzten Tage und Stunden. Es gibt kein Schema, wir sterben alle unterschiedlich. Und doch gibt es verlässliche Anzeichen, auch wenn nicht alle auf alle Menschen zutreffen müssen.

"Sterbende hören auf zu essen und zu ­trinken, das ist ganz normal." - Christine Krause

Bei Sterbenden verändert sich das Bewusstsein. Manche sind unruhig, andere verwirrt, wieder andere traurig, weil sie spüren, dass es zu Ende geht. Kreislauf und Puls werden schwächer, wer bald stirbt, kann nur noch liegen. Viele Menschen sind dann immer weniger ansprechbar, auch wenn sich Palliativmedizinerinnen sicher sind: Sie spüren, wenn wir sie begleiten. Arme, Hände und Beine sind kalt, häufig auch bläulich gefärbt. Und was viele quält, die Sterbenden beistehen: Das Atmen kann schwer werden und rasselnde Geräusche machen, weil die Kraft fehlt, um Schleim abzu­husten. Aber Christine Krause und Conny Sciborski, die beide schon vielen Menschen beigestanden haben – "wir durften sie begleiten", so nennen sie das –, sind sich sicher: "Wer stirbt, erlebt dieses Rasseln nicht als quälend."

Warum ist das so, wie kann das sein? Das Gehirn von Sterbenden schüttet Botenstoffe aus, die stärker sind als Hunger und Durst. Wer nichts trinkt, trocknet aus. Dadurch gelangen weitere Stoffe ins Blut, die beruhigen und Schmerzen lindern. ­Niere und Leber stellen ihre Arbeit ein, Giftstoffe fluten das Blut, auch sie lähmen das Gehirn – wir werden bewusstlos. "Man stirbt nicht, weil man aufhört zu essen und zu trinken, sondern man hört auf zu essen und zu trinken, weil man stirbt", sagt Christine Krause.

Spätestens jetzt ist es an der Zeit, Lippen und Mundhöhlen der Sterbenden zu befeuchten. Nur wie? Christine Krause und Conny Sciborski haben ein Gerät dabei, mit dem sie Flüssigkeit aufschäumen können. Für den Kurs haben sie das mit Apfelsaft und Weißwein gemacht. Wer mag, kann einen Löffel probieren. Tatsächlich! Die ­Lippen werden angenehm feucht, und man schmeckt ­sofort ­heraus, ob es Saft oder Wein ist.

Welche Flüssigkeiten wir Sterbenden aufschäumen, ist egal. Was guttut, ist erlaubt. Die beiden Frauen haben schon mit geschäumtem Gin Tonic oder ­Trinkschokolade Lippen befeuchtet – alles, wirklich alles gehe und sei viel besser, als den Mundraum mit fettiger Butter feucht zu halten, wie es früher üblich gewesen sei. "Das war für ­Sterbende unangenehm", sagt Christine Krause.

Auch vertraute Düfte und Musik können helfen, sterbende Menschen zu beruhigen. Oft sind es Lieder und Melodien, die man schon als Kind sang oder hörte; Schlaf­lieder, "Der Mond ist aufgegangen" zum Beispiel. Was genau Sterbenden helfe – ein dünnes Leinentuch statt einer Decke, klassische Musik oder ein leises Gebet –, müsse man ausprobieren. "Ihr könnt nichts falsch machen, Haupt­sache, ihr seid da, die Menschen zeigen euch, was sie brauchen", sagen Krause und Sciborski. Es ist zu spüren, dass dieser Satz den Zuhörenden hilft. Eine Last fällt ab.

Leider sterben nicht alle Menschen erlöst und friedlich. Manche sind unruhig, hadern, haben Angst vor Schmerzen. Im Letzte-Hilfe-Kurs lernt man, dass es an den Händen und Handgelenken Akupressurpunkte gibt, die man drücken und halten kann; das kann gegen Schmerzen und Übelkeit helfen. Und dass es vier ­Medikamente gibt, die Ärztinnen und Ärzte gegen Schmerzen, Atemnot, Angst, Unruhe, Übelkeit, Verwirrtheit oder Darmverschluss verordnen können. Es sind sehr starke Schmerzmittel wie Morphine, die kann man natürlich nicht in der Apotheke kaufen, darum ist es wichtig, gerade in den letzten Tagen einen engen Draht zum Hausarzt zu halten.

Die Letzte Hilfe hört nicht mit dem Tod auf. Wenn ein Mensch gestorben ist, empfehlen Sciborski und Krause, sich Zeit zu nehmen für den Moment und in Ruhe Abschied zu nehmen. Auf keinen Fall solle man den Notruf 112 wählen, sondern die Hausärztin oder den Ärztlichen Bereitschaftsdienst anrufen. Ein Mediziner stellt den Tod fest, das muss so sein. Tote können in den meisten Bundesländern bis zu 36 Stunden zu Hause bleiben, ehe ein Bestattungsunternehmen den Leichnam holt. So können Angehörige in gewohnter Umgebung Abschied nehmen, wenn sie möchten.
Wenn ein Mensch in dem Heim gestorben ist, in dem Conny Sciborski arbeitet, öffnet sie das Fenster, ­damit die Seele rausfliegen kann. Nicht einmal Agnostiker hätten ihr je gesagt, dass das Quatsch sei. Die Geste helfe allen. "Weil sie guttut", meint die Pflegedienstleiterin.

Für viele ist das an diesem Abend die größte Erkenntnis: Was Sterbenden wie Helfenden guttut, ist erlaubt. Sogar Gin Tonic. Und: Es hilft, Bescheid zu wissen, was alles passieren kann. Es könne zum Beispiel sein, erklären die beiden ­Referentinnen, dass Menschen, die nur noch Stunden zu leben haben, keine Berührungen mehr ertragen. Muss man akzeptieren, ist normal! Aber man kann die Hand mit der Handfläche nach unten aufs Laken legen.

Vielleicht will sie doch jemand ergreifen. Ein letztes Mal.

Infobox

Kurse in ­"Letzter Hilfe"

Der erste Kurs in Letzter Hilfe fand in Deutschland 2015 in Schleswig statt, die Idee hatte der Palliativ­mediziner Georg Bollig. Mittlerweile haben etwa 50 000 Menschen teilgenommen. Ein Kurs gliedert sich in vier Module à 45 Minuten: Sterben ist ein Teil des ­Lebens, Vorsorgen und Entscheiden, ­Leiden lindern und Abschied nehmen. Infos und Kurs­angebote (aufgelistet nach Bundesländern) unter letztehilfe.info

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