Jugendroman
Raus aus dem Tunnel
David Blums Jugendroman "Kollektorgang" spielt in einem Plattenbaugebiet im Osten. Rajko entdeckt einen unterirdischen Gang mit Versorgungsleitungen, der alle Neubaublocks miteinander verbindet. Eine Reise in die Zwischenwelt
Junger Mann rennt in dunklem Tunnel vor schwarzem Schatten eines Mannes
Der Jugendroman "Kollektorgang" spielt zum Teil auch in einem
PR Illustrationen: Sebastian Lörscher
18.10.2023
7Min

Ein Kollektorgang ist ein unterirdischer Schacht, der sich zum Beispiel durch Platten­baugebiete zieht. Darin verlaufen die Versorgungsleitungen der Häuser. Warum ist der Kollektorgang so attraktiv für die Jungen aus dem Plattenbau?

David Blum: Das ist eine Welt, zu der sie sonst keinen Zugang haben, abgeschottet von den Erwachsenen. Man kann dort Dinge machen, die man in den eigenen Zimmern oder im Hinterhof nicht machen könnte. Der Hof ist begrenzt, der Gang dagegen verbindet alle ­Neubaublocks miteinander, er ver­- größert ihre Welt. Das ist erst mal großartig.

Spielt der Titel Ihres Buches mit dem englischen Wort "Gang" für Jugendbande?

Genau, es gibt zwei rivalisierende Gruppen. Auf der einen Seite ­Mario, der nach den Sommer­ferien aufs Gymnasium gehen soll, mit seinen neuen Freunden Rajko und Ema und auf der anderen Seite gewaltbereite rechte Jugendliche.

Foto von Autor David BlumGert Mothes

David Blum

David Blum wurde 1983 in ­Potsdam geboren und hat am Leipziger Literatur­institut ­studiert. Er schreibt ­Reise­führer über ­Mitteldeutschland, ist ­Vater von zwei ­Kindern und Gründungs­mitglied des Autor*innen­netzwerks Other ­Writers Need to ­Concentrate (www.other-writers.de). Er lebt mit seiner ­Familie in Leipzig. "Kollektorgang" ­ist sein erster Roman. Er wurde mit dem mit 3000 Euro dotierten Peter-Härtling-Preis ausgezeichnet.

Warum ist Rajko eine Provo­kation für die Jugendlichen in den Springerstiefeln?

Vor allem aufgrund seiner Herkunft – die Jugendlichen ­nennen ihn Jugo. Er ist mit seinem ­Vater und seiner Schwester Ema in den 1990er Jahren vor den Jugoslawien­kriegen geflohen. Sie sind neu in den Plattenbauten und fallen schon deshalb auf, weil sie anders aussehen. Rajko entdeckt nicht nur den Zugang zum Kollektorgang, er kann sich auch noch sehr gut zur Wehr ­setzen, hat seinen ganz eigenen Boxstil. Damit bringt er das Machtgefüge unter den Jugendlichen durcheinander und stellt es infrage.

Wer war das Vorbild für ihn?

Ausgangspunkt meines Buches war die Geschichte von Johann Wilhelm Trollmann. Trollmann war ein Boxer, der 1907 bei Gifhorn geboren wurde und in Hannover aufwuchs, während der Weimarer Republik das Boxen lernte und mit der Machtergreifung der Nazis noch Deutscher Meister wurde. Aber der Titel wurde ihm wieder aberkannt. Angeblich ­wegen "armseligen Verhaltens" – weil er im Ring in Freudentränen ausbrach, als er gewann. Eigentlich aber, weil er Sinto war. Das war den Nazis natürlich ohnehin ein Dorn im Auge, aber dass er dann auch noch beim Boxen erfolgreich war, konnten sie erst recht nicht dulden.

"Trollmanns Geschichte ließ mich nicht mehr los"

Inwiefern?

Boxen galt als der Sport für junge deutsche Männer, auch als Vorbereitung für den Krieg. Sie sollten einander im Kampf gegenüber­stehen, aufeinander eindreschen und sich abhärten. Aber Trollmann hat anders gekämpft. Er tänzelte durch den Ring, war gewitzt und technisch überlegen. Damit hatte er großen Erfolg, stellte aber auch die "arischen" Boxer mit ihrem Stil und ihrer Männlichkeit infrage – im Ring, im Krieg und auf der ganzen Welt. Trollmann wurde, wie nahe­zu alle Sinti und Roma, von den Nationalsozialisten sys­tematisch verfolgt, höchstwahrscheinlich zwangssterilisiert und 1943 im KZ Neuengamme totgeschlagen.

Wie haben Sie ihn entdeckt?

Ich bin bei der Recherche zu ­ei­nem anderen Roman auf eine Doppelbiografie gestoßen – "Leg dich, Zigeuner: Die Geschichte von Johann Trollmann und Tull Harder" von Roger Repplinger. Eigentlich wollte ich etwas über Harder erfahren, aber dann ließ mich Trollmanns Geschichte nicht mehr los.

Warum?

In der Biografie wird ein ganz besonderer Kampf geschildert. Nachdem Trollmann der Titel aberkannt wurde, ­musste man ihm die Chance zur Titelverteidigung einräumen. Dabei wurde er zum sogenannten arischen Faustkampf gezwungen. Aus Protest trat er mit blond gefärbten Haaren und weiß gepuderter Haut an – so will es zumindest die Legende. In der fünften Runde ging er k. o. Das Bild vom geweißten Sinto hat mich nicht mehr losgelassen, weil es über die konkrete Szene im Ring hinausweist.

Wie meinen Sie das?

Trollmann war damit nicht mehr nur Spielball des Geschehens, er trat aus der Szene heraus und kommentierte und kritisierte, was ihm angetan wurde. Er entblößte die Angriffe von Verband und Presse gegen ihn als das, was sie waren, unverhohlener Rassismus.

Wie wurde ein Jugendbuch daraus?

Außer Repplingers Biografie gibt es noch einen sehr guten historischen Roman von Stephanie Bart, der diese Zeit aufarbeitet. Mir ging es eher darum, diese Szene in die Gegenwart zu ­holen. Ich bin selbst in einem Plattenbaugebiet in Potsdam aufgewachsen. Damals bin ich mit Freunden in einen ­dieser Kollektorgänge gestiegen. Wir hatten ziemlich Angst: Es war dunkel, es war unheimlich, es war feucht und unwirtlich. Aber auch eine tolle Zwischenwelt, über die ich schon länger schreiben wollte. Also habe ich mich gefragt, was passieren würde, wenn ich eine Figur, die Trollmann nachempfunden ist, dort hineinschicken und das Geschehen aktualisieren würde. Nach der Wende kamen viele Sinti und Roma im Zuge der Jugoslawienkriege als Flüchtlinge nach Deutschland.

"Er steht für alle, die anders sind"

Welche Nationalität Ihr Prota­gonist Rajko hat, bleibt offen.

Das spielt auch keine Rolle. Er steht für alle, die anders sind. Genau wie Trollmann weißt Rajko seinen Körper vor seinem letzten Kampf im Kollektorgang ein, hellt die dunklen Locken mit Staub auf. Aber mein Buch spielt in den 1990er Jahren. In der aufgeladenen Stimmung von Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen im Osten, von Solingen und Mölln im Westen. Eine Zeit der Ausschreitungen gegen Flüchtlinge und Ausländer.

Es ist auch die Nachwendezeit. Der Vater des Ich-Erzählers, ein ehemaliger Arbeiter, wird zum Trinker. Warum?

Nach dem Ende der DDR verloren viele ihre Jobs, die Zukunft wurde unsicherer, Beziehungen gerieten unter Druck, alles musste sich neu ordnen. In der DDR gab es eine ausgeprägte Trinkkultur, da war es naheliegend, zur Verdrängung der Sorgen und Nöte zur Flasche zu greifen.

Laut Umfragen liegt die AfD in Thüringen, Sachsen und Brandenburg momentan bei 30 Prozent und mehr. Wie erklären Sie sich das?

Man könnte angesichts der Prognosen an­nehmen, dass die AfD ein ostdeutsches Phäno­men wäre. Das würde aber verkennen, dass die Partei in Westdeutschland gegründet ­wurde und ihr Spitzenpersonal überwiegend westdeutscher Herkunft ist. Deindustrialisierung, Massenarbeitslosigkeit und Abwanderung – Erscheinungen, die auf politische Entscheidungen nach der Wiedervereinigung zurückzuführen sind – haben insbesondere auf dem Land zivilgesellschaftliche Strukturen erodieren lassen. Diese Lücken haben westdeutsche Neonazi-Kader, die sich in Ostdeutschland niedergelassen haben, gezielt besetzt.

Warum sind sie erfolgreich?

Dass Ostdeutsche weniger Einkommen und Rente erzielen, dass sie weniger Vermögen besitzen und damit auch ­weniger vererben, ist durch zahlreiche Studien belegt. In Sonneberg beispielsweise arbeiten 44 Prozent der Beschäftigten zum Mindestlohn, mehr als in jedem anderen Landkreis. Diese Tatsachen ­fallen aber im öffentlichen Diskurs kaum ins Gewicht, wahrscheinlich weil die Spitzenpositionen in der Bundesrepublik fast ausschließlich mit Westdeutschen besetzt sind, wie Dirk Oschmann gerade noch einmal in seinem Buch "Der Osten: eine ­westdeutsche Erfindung" gezeigt hat. Zu dieser Mittel- und Sprachlosigkeit gesellt sich eine gezielte Marginalisierung linken Engagements: In Sachsen regiert seit über 30 Jahren durchgängig die CDU – und Antifaschismus wird hier mit ­langer Tradition als Extremismus markiert und kriminalisiert. Mit fatalen Folgen.

Sind die rechten Jugendlichen der 1990er Jahre die AfD-Wähler von heute?

Ich bin kein Soziologe, dazu kann ich nichts sagen.

In "Kollektorgang" gerät Ich-­Erzähler Mario zwischen die Fronten und stirbt beim Versuch, Rajko zu helfen. Er erzählt seine Geschichte als Toter auf einem Grabstein. Warum haben Sie ­diese Perspektive gewählt?

Gewählt kann man nicht sagen. Ich habe mich sogar lange gegen seinen Tonfall gewehrt. Habe mich gefragt, warum er so abgeklärt ist, ein bisschen zu weise für sein Alter, oft fast zynisch. Aber dann wurde mir klar, dass er das Schlimmste schon erlebt hat, dass ihm das Leben genommen wurde. Er spricht aus dem Jenseits. Reflektiert die entscheidenden Szenen der sechs Wochen Sommerferien, in denen die Geschichte sich abspielt.

David Blum: Kollektorgang. Beltz & Gelberg, Weinheim 2023.128 Seiten, 14 Euro

Mit viel schwarzem Humor.

Er ist ja erst 13 und versucht, seine Trauer mit Coolness zu überdecken. Außerdem sind die Themen Rassismus, rechte Gewalt und Nachwendezeit schon schwergewichtig genug. Das muss man mit Leichtigkeit er­zählen.

Es geht aber nicht nur um den Tod, sondern auch um den Mut zum Leben.

Mario beweist unglaublichen Mut, indem er sich für den einsetzt, dem Unrecht angetan wird, seinen Freund Rajko. Er steht voll für das ein, wovon er überzeugt ist und auch für seine Gefühle. Denn es gibt ja auch eine kleine Liebesgeschichte – mehr eine Schwärmerei. Mario findet Ema, Rajkos Schwester, toll.

Das Buch ist ihr gewidmet – dem Mädchen schön wie Himbeereis, das ihn vielleicht ­erlösen könnte.

Das ist wie ein kleines Rätsel für den Leser. Ostdeutschland ist ja eines der am stärksten säkularisierten Gebiete der Welt. Es gibt bestimmte Rituale, was man macht, wenn ­jemand stirbt, aber dahinter steht keine ­Institution. Das bietet Freiraum für ­Gedanken, wie es wohl nach dem Tod weitergeht. Was zum Beispiel passiert, wenn die Liegezeit auf dem Friedhof endet. Eine der Theorien unter den Toten ist, dass derjenige vor das Grab ­treten muss, der einen am meisten liebt.

"Kinder und Jugendliche bekommen ja alles mit. Dann kann man ihnen auch alles zumuten"

Und dann?

Dann wird man vielleicht erlöst. Wer weiß. Marios Grabnachbar Hoffmann glaubt jedenfalls daran.

Warum haben Sie ihm diesen Grabnachbarn gegeben und wie unterscheidet er sich von Mario?

Hoffmann steht im Buch stellvertretend für die Erwachsenen, die auf der anderen Ebene komplett fehlen, weil sie nach der Wiedervereinigung mit ihren eigenen Problemen ­beschäftigt sind. Er versucht, für Mario das Erlebte zu ordnen, ­dabei sind seine eigenen Über­zeugungen mit dem Mauerfall selbst hinfällig geworden.

Was bedeutet es für Sie, den nach Peter Härtling benannten Preis für unverlangt eingesandte Manuskripte bekommen zu haben?

Ich habe mich natürlich sehr gefreut. Aber Härtling war in Ostdeutschland nicht so bekannt wie im Westen. Dabei ist er in der Nähe von Chemnitz aufgewachsen, wie ich jetzt er­fahren habe. Er hat einmal gesagt, dass in der Kinder- und Jugendliteratur alles an ­Realität stattfinden darf. Das gefällt mir. Kinder und Jugendliche leben ja in unserer Welt und bekommen alles mit. Dann kann man ihnen auch alles zumuten.

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