Anfänge - Sie hat Zeit für traurige Kids
Anne Hövels, 61, freut sich, wenn jemand im Gespräch zu vorsichtiger Zuversicht findet
Kai Senf
"Nummer gegen Kummer": Hotline für traurige Jugendliche
Sie hat Zeit für traurige Kids
Wenn Kinder und Jugendliche anrufen, geht ­Anne Hövels dran. Viele der Anrufer machen sich nur einen Spaß. Bei denen, die erst einmal schweigen, ist es anders.
Karina ScholzPrivat
18.07.2023
3Min

Anne Hövels, 61:

Wenn ich bei der "Nummer gegen ­Kummer"* meinen ehrenamtlichen Zweistundendienst habe, sitze ich vor einer Telefonanlage im Kinderschutzbund. Bei den Anrufen ist alles ­dabei: Liebeskummer, viele Kinder aus Trennungsfamilien, Fälle von Missbrauch oder Misshandlung. Aber auch überraschend viele Spaßanrufe und sexuelle Belästigung. Das haut mich nicht um, erfordert aber ein großes Maß an Gelassenheit. Mir hilft es zu ­sagen: "Wenn ich heute von 20 Anrufen nur einen dabei habe, wo ich helfen kann, dann ist es mir das wert." Die Spaßanrufe nennen wir "alternative Kontaktversuche". Unsere Hoffnung ist ja, dass die Anrufenden, wenn sie später mal Probleme haben, bei denen sie allein nicht weiterkommen, sich positiv an uns erinnern.

Angefangen hat alles mit einem Berufsorientierungskurs. Ich hatte eine strapaziöse Zeit in meinem Job hinter mir, damals arbeitete ich in der Softwareentwicklung im Projekt- und Qualitätsmanagement. Ich wollte mich neu orientieren. Meine Arbeit sollte nicht nur Broterwerb sein, sondern auch einen Sinn haben. In dem Kurs entdeckte ich ganz neu, was in mir steckt. Meine Empathie. Das ­Zuhören-Können. Es reichte mir nicht mehr, im Betrieb gut mit Kollegen klarzukommen oder eine gute Freundin zu sein. Ich wollte mich für andere Menschen einsetzen.

Nach dem Kurs bin ich zwar aus wirtschaftlichen ­Gründen wieder in der IT gelandet, aber mir war klar, dass ich mich ehrenamtlich im sozialen Bereich ­engagieren wollte. Ich machte beim Kinderschutzbund die ­Ausbildung zur Telefonberaterin für die "Nummer gegen Kummer" am Kinder- und Jugendtelefon.

"Es ist okay, du darfst schweigen"

Es gibt Anrufe, da schweigt der oder die am anderen Ende der Leitung. Wir sagen dann: "Es ist okay, ich gebe dir Zeit, du darfst schweigen. Du hast es immerhin schon geschafft anzurufen." Manche legen einfach auf, manche beginnen dann doch zu sprechen.

Die schweren Fälle fangen oft mit ganz anderen ­Themen an, zum Beispiel "Ich habe Langeweile" oder "Ich bin ­gerade allein". Unser Ziel ist es, während des Gesprächs den ersten Schritt zu einer Lösung zu finden. Das kann in fünf Minuten erledigt sein, es kann bei großen Anliegen aber auch schon mal eine Stunde dauern. Um das Anliegen herauszufinden, plaudern wir erst einmal. Ich frage Sachen wie: "Gehst du zur Schule?" oder "Was machst du heute?" So entwickelt sich das.

Man muss nicht sagen, wie man heißt

Manchmal entwickelt es sich nicht weiter, aber dann weiß die Anruferin oder der Anrufer immerhin: Da sitzen Menschen, die mir zugewandt sind, die haben Zeit. Ich kann anonym bleiben, ich darf so sein, wie ich bin.

Wenn es um Misshandlungen oder Missbrauch geht, muss einem klar sein, dass man das mit einem Telefonat nicht beheben kann. Missbrauch wird von den Tätern ja meistens zu einem Geheimnis gemacht, die Opfer dürfen nicht darüber sprechen. Wenn sie es tatsächlich über die Lippen bekommen, ist das für uns der allergrößte Schritt. Manchmal schaffen sie nicht mehr. Dann bekräftigen wir sie: "Es ist gut und richtig, dass du angerufen hast. Du bist nicht schuld. Das, was dir passiert, ist falsch."

Einmal sprach ich mit einem Jungen, der missbraucht wurde, und der Täter drohte, dass er dem Jungen das Haustier wegnimmt, sollte er darüber sprechen. Der Junge sagte, es sei ihm egal, was mit ihm passiert, aber er habe so Angst um das Tier. Deswegen drehten sich unsere ers­ten Überlegungen um das Tier. Wo könnte es mal Ferien machen – bei einem Freund, bei jemand aus der Nachbarschaft? Die schönen Momente sind, wenn wir wirklich ­jemandem helfen können, wenn eine Antwort kommt wie: "Das versuche ich mal."

In der Ausbildung ging es auch darum, was uns zu ­diesem Ehrenamt bewegte. Viele wollten so wie ich etwas zurückgeben von der Fülle des Lebens, die wir erfahren, von unserer Stabilität. Ich bin gesund, ich habe alles, was ich brauche. Ich schenke gern etwas von meiner freien Zeit und mein offenes Ohr denen, die es brauchen. Ich bin durch diese Arbeit noch dankbarer für alles geworden, was wir so oft als Selbstverständlichkeit hinnehmen. ­Es fühlt sich schön an, wenn ein Mensch den Blick ändert – weg vom Leid, hin zu einer vorsichtigen Zuversicht.

* Kinder- und Jugendtelefon: Mo.-Sa. kostenlos14-20 Uhr: Tel. 116 111. Auch lieber schreiben statt sprechen ist möglich. Und: Es gibt auch ein Elterntelefon

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