"Der Tod und das Mädchen", 1872, Hans Thoma
Hans Thoma: "Der Tod und das Mädchen" (1872)
Museum Folkwang Essen/Artothek
Coming-of-Age im 19. Jahrhundert
Eindeutig zweideutig
Wovon der als Heimatmaler verschriene Hans Thoma hier wohl erzählt? Vielleicht von etwas ganz anderem als dem Tod
Lukas Meyer-BlankenburgPrivat
25.11.2022

Ein Bild für Botaniker. Zumindest ist hier, wer etwas von Pflanzen versteht, im Vorteil. Denn die ­Blumen in "Der Tod und das Mädchen" von 1872 verraten: Es ist eindeutig zweideutig. Klar, das Werk von Hans Thoma ließe sich ganz im grauen November-Blues interpretieren als Sinn-Bild für Vergehen, für Tod und Ende. Dargestellt in Form des größtmöglichen Kontrasts, die Schöne wird dahingerafft vom Biest – oder hier: die blühende ­Jugend vom Gerippe mit der Sense.

Der Blick auf die Blumen aber öffnet weitere Interpretationsmöglichkeiten. Ist das womöglich gar kein Bild des Todes, sondern eines, das von Glück und Unglück der Liebe erzählt?

Im rechten Vordergrund – und damit nah an der für Bilddeutungen so wichtigen goldenen Mitte – blüht der Mohn. Die Blume ist in Kunst und Mythologie Symbol für Trauer und Tod, in der christlichen Bildsprache ihrer blutroten Blütenblätter wegen gar für den Tod Christi. Heute gedenken die Menschen in England ihrer Gefallenen aus dem Ersten Weltkrieg mit Mohnblumen. Aber Mohn verweist seiner betäubenden Wirkung wegen auch auf traumähnliche Zustände, vielleicht auch auf das zum Rausch neigende Verliebtsein. Gedenkt das Mädchen hier womöglich einer solchen Liebe, stellt der Tod ihr Verfließen dar?

"Er liebt mich, er liebt mich nicht" – unzählige Gänseblümchen weltweit haben für dieses Ausrupfritual, mit dem auch das Mädchen im Bild offenbar hofft, tiefere Erkenntnisse über das persönliche Schicksal zu erlangen, mit ihren Blütenblättern bezahlt. Gänseblümchen müssen zudem als Symbol für kindliche Unschuld herhalten. Vielleicht ist es sogar diese Unschuld, von deren Abschied das Bild zeugt.

In dem Fall wird der große Sensenmann noch mal degradiert und zwar zu einem kleinen Tod, "la petite mort", wie auf Französisch der Orgasmus bezeichnet werden kann. Dann wäre der Rausch, von dem das feine Lächeln im Gesicht des Mädchens kündet, noch ein ganz anderer, indem er den Übergang des unschuldigen Mädchens zur sexuell aktiven Frau markiert.

Liebe (im umfänglichsten Sinne) und Tod (ebenfalls ziemlich weit gefasst) sind in dem Bild vereint, gerade so wie Hell (auf Mädchenseite) und ­Dunkel (überm Totenschädel) im ­Himmel ineinander übergehen. Hans Thoma hat etwas übrig für­ große ­Symbole und Anspielungen auf Mythos und Religion.

Am erfolgreichsten war er jedoch als Maler seiner Schwarzwälder ­Heimat und kräftiger Porträts, für die das Wort "ausdrucksstark" wie geschaffen scheint. Seiner Umwelt galt der 1839 in Bernau geborene und spät zu Ruhm gelangte Künstler gar als der bedeutendste deutsche Maler der Jahrhundertwende.

Zum Verhängnis wurde Hans Thoma postum, dass auch die Nazis ihn schätzten und er mit ­seinen regionalen Motiven, den Trachten und heimeligen Landen, die viele seiner ­Bilder zeigen, bestens ins deutschtümelnde Kunstverständnis passte. Davon hat sich die Bewertung seines Schaffens bis heute nicht erholt.

Lediglich in Bernau feiern sie ­ihren Maler alljährlich mit einem ­eigenen Hans-Thoma-Fest, Museum und ­Straßennamen inklusive. Es ist in diesem Fall beim Künstler wie bei seiner Kunst: Mit jedem Blick bekommt die Blume ein Blütenblatt mehr dazu – ­eindeutig zweideutig.