'Judith I', 1901 von Gustav Klimt. Die Mörderin und das Haupt ihres Opfers Holofernes
'Judith I', 1901 von Gustav Klimt. Die Mörderin und das Haupt ihres Opfers Holofernes
Heritage Images/dpa Picture-Alliance/Fine Art Images
Die Kunst der Verführung
Der Wiener Maler Gustav Klimt umfasste alles mit Gold: die Mörderin und das Haupt ihres Opfers Holofernes. Die "Judith" von 1901
Lukas Meyer-BlankenburgPrivat
19.09.2017

Der verführerische Blick einer Mörderin. Selten war der Blickkontakt mit einem Kunstwerk so spannungsgeladen und lustvoll, wie der mit Gustav Klimts "Judith" von 1901. Ihr Blick führt ans Wesentliche: Liebe und Tod, toller Eros und tödliche Raserei, sinnliche Erotik und rauschhafte Gewalt. Dabei klingt der Name Judith eher nach Bausparkasse und Unschuld vom Lande. Aber ein – ganz nüchterner – Blick in die Heilige Schrift genügt, um zu wissen: in diesem Fall ist der Name nicht Programm. Denn diese Judith bringt den Mann erst um den Verstand und dann um.

Was Sigmund Freud, Wiener Nachbar von Klimt, sechzehn Jahre später etwas gestelzt als Kastrationsangst des Mannes beschreibt, nämlich die Angst vor der Macht weiblicher Erotik, bringt der Künstler mit diesem einen Blick auf die Leinwand. Das Buch Judith erzählt die Geschichte einer jüdischen Heldin. Die junge Witwe Judith will ihre Heimatstadt Betulia von der grausamen Belagerung des Holofernes befreien. Als sie dem assyrischen Herrscher begegnet, lässt der – von ihrer Schönheit berauscht – ihr zu Ehren ein Festmahl halten. Dabei kann Holofernes nicht an sich halten und schaut, was großen Herren bei der Face-to-Face-Kommunikation mit hübschen Damen nicht selten passiert, ein bisschen zu tief ins Glas. Satt vor Lust und Satt vor Lust und matt vom Wein fällt Holofernes in einen tiefen Schlaf, von dem er nicht mehr erwachen soll. Denn Judith enthauptet den schnarchenden Belagerer und mit dessen Kopf fällt auch die Belagerung Betulias.

Die Story liefert eigentlich eine wunderbare Rechtfertigung für ein wahres Leinwand-Massaker. Roter Wein, der sich im Todes-Rausch mit dem Blut des Enthaupteten mischt. Klimt, ein wahrer Künstler, ist wesentlich subtiler. Blut ist keins zu sehen, und auch den abgetrennten Kopf des Holofernes muss man am rechten unteren Bildrand suchen. Dafür dominiert der doppeldeutige, triumphale Blick der Judith das Bild, umrahmt von ihrem schwarzen, vollen Haar, einem Sinnbild lustvoller Abgründe, und von extravagantem Goldschmuck, der – im durchgehenden Halsband – die Enthauptung noch einmal aufnimmt.

Wer es mit Freud hält, darf sogar noch eins drauflegen: Im Orgasmus der Frau, kenntlich am Nachglühen ihrer roten Wangen, verglüht das Leben des Mannes. Klimt malte sozusagen als Empiriker und auf Grundlage reicher Anschauung. Anders gesagt: Der Künstler selbst war ein Schwerenöter vor dem Herrn und der Frauen-Akt so etwas wie sein exklusives Betätigungsfeld. Für die biblische Judith stand des Künstlers Geliebte Adele Bloch-Bauer Modell. Die war allerdings etwas gnädiger als Judith. Klimt durfte, im Gegensatz zu Holofernes, seinen Kopf behalten.

Wer sich von Gustav Klimts neo-impressionistischen Blicken verzaubern lassen möchte, dem sei ein Besuch im Wiener Museum Belvedere empfohlen. Dort ist seit zehn Jahren die größte Sammlung von Klimt-Gemälden dauerhaft ausgestellt.

 

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Wozu die Aufregung, lieber Herr Meyer-Blankenburg? Judith, "die Mörderin", hat doch alles richtig gemacht. Hand aufs Herz: Wer hätte nicht schon mal, für den Menschen plötzlich und unvorhersehbar, das Begehren verspürt, einen Supermann eigenhändig zu köpfen! Mir jedenfalls ist Judith nicht grundunsympatisch - was bestimmt nicht an den Brüsten der Adele Bloch-Bauer liegt.