Verkürzt die Sommerferien!
Verkürzt die Sommerferien!
Carol Yepes / Getty Images
Verkürzt die Schulferien!
Sechs Wochen Ferien sind zu lang, findet chrismon-Autor Nils Husmann. Er hat Ideen, was wir stattdessen mit der Zeit anstellen können.
Tim Wegner
23.08.2023

Es gibt Regeln, an die man sich so sehr gewöhnt hat, dass man sie kaum mehr hinterfragt. Dass Sommerferien sechs Wochen lang dauern, zum Beispiel. In diesem Jahr wird mir als Vater klar: Sechs Wochen sind viel zu lang.

Wir haben drei Kinder, sieben, zehn und dreizehn Jahre alt. Die beiden jüngeren können nun, in der zweiten Hälfte der hessischen Sommerferien, den Hort besuchen. Super! Die evangelische Kita hat einen Pool aufgebaut, es gibt Ausflüge. Aber der Hort ist nur für Grundschulkinder. Der 13-Jährige ist zu Hause. Wir tun uns schwer, den Jungen zu aktivieren.

Tim Wegner

Nils Husmann

Nils Husmann ist Redakteur und interessiert sich besonders für die Themen Umwelt, Klimakrise und Energiewende. Er studierte Politikwissenschaft und Journalistik an der Uni Leipzig und in Växjö, Schweden. Nach dem Volontariat 2003 bis 2005 bei der "Leipziger Volkszeitung" kam er zu chrismon.

Es ist nichts dagegen zu sagen, dass Jugendliche mal richtig ausschlafen können. Aber den Tag sinnvoll planen, sich konsequent verabreden, das Smartphone oder die "Switch" gegen ein Buch eintauschen – allein packen Menschen in der frühen Pubertät das noch nicht. Die Geräte sind neu, das Phänomen alt. Auch ich kann mich an träge Ferientage erinnern, an denen ich von meinen arbeitenden Eltern vorm Fernseher vergessen wurde, die Melodie von "Neues aus Uhlenbusch" habe ich heute noch im Kopf.

Klar, niemand will zurück in die Nachkriegszeit, in der Schulkinder arbeiten mussten, oft hart und lang. Aber die Saat für lange Sommerferien wurde – jedenfalls im Westen der Republik – in einer Zeit gesät, in der sich das Alleinverdienermodell durchsetzte. Wirtschaftswunder, Papa arbeitet, Mutti ist zu Hause und kann sich um die Kinder kümmern, auch in den Ferien! Hallo, liebe Kultusministerinnen und -minister? Die 60er Jahre sind lange vorbei! Mütter wollen arbeiten. Und - man sehe sich nur die Höhe der Mieten oder Raten für Wohnungen an – müssen arbeiten. Heißt für uns und viele andere: Das Kind ist allein zu Hause. Zum Glück dürfen wir auch zu Hause arbeiten, ein bisschen Absprache ist möglich. Aber um einen 13-Jährigen unter Strom zu kriegen, bedarf es einiges an Anstrengung und vieler Anregungen. Unseren Großen schicken wir kommende Woche mit dem Evangelischen Jugendwerk auf Freizeit. Keine Luxusreise wohlgemerkt, die Mädels und Jungs schlafen in Zelten. Kostet trotzdem 600 Euro. Kann und will sich das jede Familie leisten?

Gegenvorschlag: Verkürzt die Sommerferien auf drei Wochen, Zeit für einen schönen Familienurlaub. Und streicht drei Wochen. Stattdessen: Fangt später mit dem Unterricht an (das ist ohnehin besser für pubertierende Biorhythmen) und stärkt das Angebot für Kinder, die Hilfe brauchen. Viele aus den geburtenstarken Jahrgängen, die nun in Rente gehen, würden vielleicht gerne Nachhilfe geben. Man muss sie halt auch fragen. Das könnte sogar Kindern aus Familien mit wenig Geld aus der Armut helfen.

Oder: Belasst es bei den sechs Wochen Ferien, aber verpflichtet die Kinder und Jugendlichen dazu, eine Art Lebensschule zu besuchen. Es gäbe viel zu tun, Kinder könnten kochen lernen, Theater spielen oder den Spielplatz erneuern. Auch da helfen bestimmt gerne die Babyboomer. Und ich als Vater könnte wieder konzentriert arbeiten. Worauf warten wir?

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Sechs Wochen Ferien sind absolut nötig, damit Familien mal so richtig durchatmen können. Es gibt so viele Ferienangebote, von kommunaler oder kirchlicher Seite, die wenig oder gar nichts kosten - auch für Teenager. Und mal eine Woche bei Großeltern oder anderen Verwandten / Freunden ist ja auch drin. Ohne diese sechswöchige Pause im Sommer würden wir als Familie mit vier Kindern einfach nur zusammenklappen. Wir haben gerade auch eine Dreizehnjährige, die nur schwer zu Aktivitäten zu ermuntern ist - aber dank CVJM-Freizeit, Besuch bei der Tante u.a. hat sie ein gutes Programm in diesen Wochen, das ihr andere Erfahrungen ermöglicht, als es der Schulalltag tut, der für Kinder einfach auch anstrengend und belastend ist. Ich möchte nicht, dass die Kinder auch noch diese letzten Freiräume verlieren. Daher: mindestens sechs Wochen Ferien im Sommer! Für einen Rest von Freiheit in der durchgetakteten Kindheit, die wir den jungen Menschen in unserer Gesellschaft mittlerweile zumuten.

Ich sehe es genauso wie Christine G. Aber wenn es schon unbedingt die Politik regeln soll, was nicht so toll finde, dann könnte die Forderung auch dahin gehen, einen Anspruch auf mehr Urlaub für Eltern, die Wahl zwischen Urlaubstagen und Lohnerhöhung oder unbezahlte Urlaubstage gesetzlich zu regeln. Denn auch wenn im Zusammenhang mit Schule immer wieder das Wort Betreuung fällt, in erster Linie dient die Schule dem Lernen, und Lernen braucht Pause.

Antwort auf von Karen Sell (nicht registriert)

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Das wäre natürlich super: wenn Eltern mehr freie Tage haben dürften, um Kindern Freiräume zu ermöglichen, die sie brauchen, um die Seele baumeln zu lassen und auch mal frei und ohne Anleitung ihren Neigungen nachzugehen. Dazu gehört auch mal: Träumen, Rumhängen, Dösen, Mit-sich-selbst-Auskommen ganz ohne Animation und Bespaßung. Ohne Gruppe(-ndruck oder -nzwang, der im Schulleben für so viel Stress sorgt.) Und vor allem ohne alle "Verpflichtungen". Für die innere seelische Balance und psychische Gesundheit junger Menschen ist das so wichtig. Mir fehlt bei den Forderungen nach der Ausweitung der Betreuung von Kindern immer die Frage, was eigentlich den Kindern gut tut? Was sie sich wünschen? Im Blick sind immer nur die arbeitenden Eltern - und die Anpassung der Kinder an deren Arbeitswelt. Und wie soll man eigentlich erwachsen und zu einer eigenständigen Persönlichkeit werden, wenn man von 1 bis 17 immerzu in einer Einrichtung ganztagesbetreut wird und unter pädagogischer Aufsicht steht? Ich beobachte bei meinen Kindern, dass gerade freie Zeiten, in denen sie nicht gelenkt werden, dazu beitragen, dass sie entdecken, was ihnen selbst eigentlich liegt. Wie sie sich als Persönlichkeiten weiterentwickeln. Aber das würde bedeuten, dass wir endlich damit aufhören, Kinder und Familien an die Wirtschaft anzupassen - sondern es genau andersherum machen. Das zu fordern, wäre ein echter Tabubruch - leider werden lieber Artikel geschrieben, in denen Eltern sich ganz dem Primat der Erwerbsarbeit verschreiben. Macht die totale Arbeitsgesellschaft uns und die nachwachsende Generation wirklich glücklich? Darüber würde ich gerne mal etwas lesen.

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Die Welt besteht nicht nur aus Ihrer Familie, Herr Husmann.
Es gibt auch Lehrer:innen, die einen Anspruch auf Urlaubstage haben und die Institution Schule und ihre Beschäftigte, die außerhalb des Unterrichtsbetriebes einiges an Organisation zu bewältigen haben. Ich hatte z.B. die ersten drei Wochen der Sommerferien Urlaub, - wie alle Kolleg:innen, - ab Woche vier laufen bei uns Besprechungen, In-House-Fortbildungen, Konferenzen, sind verschiedene Dinge vorzubereiten und zu organisieren, Nachprüfungen laufen usw. Dazu kommt die persönliche Unterrichtsplanung fürs Schuljahr, Vorarbeiten wenigstens bis zu den Herbstferien, die in diesem Jahr auch wieder sehr kurz sind. Wann sollte das gemacht werden?
Mit ihrem genialen Plan, später mit dem Unterricht anzufangen, ist ja keineswegs allen Familien gedient. Es gibt auch Eltern, die früh aus dem Haus müssen und deshalb darauf dringen, die Kinder auch sehr früh in die Schule schicken. Auch die Betreuung muss organisiert werden, von den Schulen. Die sowieso schon unter Personalmangel ächzen.

Ich habe in meinen Klassen außerdem Kinder, deren Familien sehr weit weg leben, teils in anderen Ländern. Die Sommerferien bieten die einzige Gelegenheit im Jahr die weitere Familie zu besuchen, auch die gleichaltrigen Kinder der Familie, die in den meisten Ländern übrigens sehr viel länger Sommerferien haben als bei uns. Deutschland hat mit Dänemark im europäischen Vergleich die kürzesten Sommerferien. In Norwegen und den USA dauern die 8 Wochen (in den USA auch teilweise 10), in Schweden und Finnland 8, in Griechenland 10 und in Italien und Lettland sogar 13 Wochen.
Erstaunlicherweise wissen sich die Kinder dort zu beschäftigen und man traut es sogar 7-jährigen zu, am Vormittag oder Nachmittag zu Hause ohne die Eltern klar zu kommen.

Wer das bei uns nicht mag, findet wirklich genug günstige Möglichkeiten, die Kinder zu beschäftigen. Bei uns bietet die Stadt die ganzen Sommerferien Ferienprogramm, an dem die Kinder zwei Wochen unentgeltlich teilnehmen können, der CVJM bietet ein Zeltlager vor den Toren an, die Feuerwehr und das DRK haben Schnuppertage angeboten und die Sportvereine jeden Tag Spiel-Treffpunkte organisiert, wo z.B. auf dem Bolzplatz zwei erwachsene Aufpasser abgestellt waren.

Berufstätige Eltern haben ihre durchschnittlich 30 Tage außerdem nicht nur dafür, gemeinsam Zeit zu verbringen, sondern auch dafür Alltag zu organisieren. Muss ich ja auch. In den ersten beiden Wochen war ich zu Hause, dann waren wir gemeinsam 7 Tage weg, dann hat mein Mann zwei Wochen die Kinder betreut und in der letzten Woche kümmern sich die Patinnen. Der Älteste ist in einem Pfadfinder-Camp, das 80€ kostete. Rein gefühlt hab ich die Kinder in den Sommerferien weit weniger gesehen als in der Schulzeit, weil sie ständig unterwegs waren, sehr oft einfach nur zum Bolzen oder Skaten oder bei Freunden eingeladen. Sie organisieren sich da selbst, auch die Jüngste, die jetzt ins 2. Schuljahr kommt.

Natürlich haben die, die immer im Leben ihrer Kinder herum helikoptern, eine größere Herausforderung zu bewältigen. Die ist aber von ihnen selbst produziert. Es ist nicht die Schuld der Kinder und auch nicht die von uns Lehrer:innen. Warum also sollen wir es ausbaden?

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