Der Protest in Iran geht weiter - und eine Vergiftungswelle an Mädchenschulen schockiert Eltern
MADRID, SPAIN - 2023/03/04: A woman holds a placard with a drawing of a girl wearing gas masks in Iran during the demonstration. Iranian citizens residing in Spain, protest in Plaza de Cibeles, Madrid, against the hundreds of cases of girls poisoned in schools that have been reported since last November in Iran. (Photo by Diego Radamés/SOPA Images/LightRocket via Getty Images)
SOPA Images/Getty Images
"Der Widerstand zeigt sich inzwischen anders"
Der Protest in Iran geht weiter – und eine Vergiftungswelle an Mädchenschulen schockiert Eltern. Im Gespräch schildert die deutsch-iranische Journalistin Gilda Sahebi die aktuelle politische Situation in ihrem Heimatland.
David Kühn
08.03.2023

Sie waren zuletzt als 14-Jährige in Iran, Ende der 1990er Jahre. Damals haben Sie selbst erlebt, wie frauen- und menschenfeindlich das Regime ist. Was ist damals passiert?

Ich war auf der Straße unterwegs und habe auch das Kopftuch getragen, hatte es allerdings nach den strengen Kleidervorschriften nicht optimal übers Haar gezogen. Da kam ein uniformierter Mann auf mich zu und hat mich direkt aufs Übelste beleidigt, ich sei eine Schlampe und gehöre ins Gefängnis. Ich war so verwirrt, dass ich ihn auf Deutsch zurück beleidigt habe – meine Eltern haben mir keine persischen Schimpfwörter beigebracht, was vermutlich meine Rettung war.

Wie ist die aktuelle Lage vor Ort?

Die täglichen Straßenproteste, die es bis Dezember gab, sieht man inzwischen nicht mehr. Der Widerstand zeigt sich anders. Immer noch weigern sich viele Frauen, das Kopftuch zu tragen, Häuserwände sind bemalt mit Anti-Regime-Slogans. Die Menschen protestieren gegen den wirtschaftlichen Verfall, gegen nicht ausgezahlte Löhne. Und jetzt, Anfang März, protestieren Eltern jener Schulmädchen, die in den vergangenen Wochen in der Schule vergiftet wurden, mutmaßlich von Extremisten.

Paul Gäbler

Gilda Sahebi

Gilda Sahebi, geboren 1984 in Iran, musste als Dreijährige mit ihrer Familie aus dem Land fliehen. In Deutschland studierte sie Medizin und Politikwissenschaft und arbeitet als freie Journalistin und Autorin unter anderem für die "taz". Seit dem Tod der 22-jährigen Jina Mahsa Amini und den zunehmenden Aufständen in ihrem Heimatland gibt sie wöchentlich einen Überblick der Geschehnisse in ihrem Podcast "Das Iran Update", zusammen mit der Regisseurin Sahar Eslah.
David Kühn

Paul Gäbler

Paul Gäbler (Jahrgang 1993) wurde in eine Musikerfamilie hineingeboren und war eigentlich mal Schauspieler. Nach Rollen als Neonazi, Strichjunge und Fußballtorwart sehnte er sich nach einem normalen Leben, studierte Geschichte, Politik und Soziologie in Berlin und arbeitet seitdem als freier Journalist, Podcaster und Fotograf unter anderem für die FAZ, die NZZ und den Tagesspiegel.

Sie meinen die Vergiftungsfälle vor allem an Mädchenschulen, in deren Folge Hunderte Mädchen im Krankenhaus behandelt werden müssen?

Richtig. Auch wenn immer noch nicht klar ist, wer dahintersteckt: Die Ideologie dahinter ist, dass Mädchen nicht zur Schule gehen sollen. Das ist mit der Ideologie der Herrschenden deckungsgleich, weshalb viele Iranerinnen vermuten, dass es sich um eine Aktion des Regimes handelt.

Kürzlich machte die Meldung die Runde, der Iran hätte die Sittenpolizei abgeschafft.

Das sind Fake News – man muss es so hart sagen. Die Sittenpolizei ist einer der größten Arbeitgeber des Landes, aus meiner Sicht wäre es fahrlässig vom Regime, in so einer Situation mehrere Zehntausend Menschen auf die Straße zu setzen. Der Chef der Sittenpolizei wurde auch noch zum Chef der gesamten iranischen Polizei befördert. Die "New York Times" hat die angebliche Auflösung groß getitelt, die Falschmeldung aber später korrigiert. Leider hat sich das aber in den Köpfen vieler Menschen festgesetzt. Es zeigt, mit welchen Propagandatricks das Regime arbeitet. Vor drei Jahren hat das Regime ein Passagierflugzeug mit 167 meist iranischen Insassen und neun ukrainischen Crewmitgliedern abgeschossen, angeblich aus Versehen. Das wurde hier weitestgehend unkommentiert übernommen.

Haben die Erdbeben in der Türkei und Syrien den Iran aus der öffentlichen Wahrnehmung hier verdrängt?

Die meisten Medien sind meiner Beobachtung nach eher wieder in das altbekannte Muster verfallen: Über den Iran wird berichtet, wenn es um das Atomabkommen oder sicherheitspolitische Fragen geht, während die gesellschaftlichen Entwicklungen nur wenig beachtet werden. Wir wissen also viel zu wenig über das Land. Angesichts dessen, dass der Iran das größte in der Region ist und seine Führer Israel vernichten wollen, ist das kein guter Zustand.

Präsident Ebrahim Raisi gilt als Hardliner. Sein Vorgänger Hassan Rohani, der bis 2021 regierte, wurde häufig als "gemäßigt" dargestellt. Teilen Sie diese Einschätzung?

Nein, das klingt dann immer wie ein guter Kompromiss. Es kann keinen gemäßigten Präsidenten in einem menschenfeindlichen Regime geben. Es gab in der Islamischen Republik lange so etwas wie einen stummen Gesellschaftsvertrag. Das Regime sagt: Ok, ihr macht unser demokratisches Theater mit und dafür geben wir euch bestimmte Freiheiten. Ihr dürft die Satellitenschüsseln auf den Dächern lassen, es gibt weniger Bestrafungen und ihr dürft hinter den verschlossenen Türen machen, was ihr wollt. Der jetzige Präsident Raisi ist schon seit Jahrzehnten ein einflussreicher Mann im iranischen Staat und war in den 80er Jahren an Massenexekutionen beteiligt.

Gibt es überhaupt die Möglichkeit, das politische System des Iran von innen zu reformieren?

Es gibt in Iran keine Opposition, so wie wir das aus europäischen Ländern kennen. Ein Kandidat, der damit Wahlkampf machen würde, die herrschende Ordnung abzuschaffen, würde gar nicht erst zugelassen werden. Gewählt werden kann nur der Präsident und das Parlament, und selbst diese Wahlen sind extrem anfällig für Manipulationen. Die alleinige Macht liegt weiterhin beim Obersten Führer Ali Chamenei.

Der Philosoph Francis Fukuyama schrieb einmal, es gebe ein allgemeines Streben des Menschen nach Freiheit, und jedes totalitäre Regime sei nur ein System auf Zeit. Stellen Sie sich manchmal vor, wie es wäre, wieder nach Iran zurückzukehren?

Ja, ich stelle mir dann vor, dass ich in einem Flugzeug sitze, was voll ist mit Iranerinnen, die alle ausrasten vor Freude, weil sie seit Jahrzehnten nicht in der Heimat waren. Dann wird im Flugzeug getanzt – Iraner tanzen sehr viel und überall, auch auf Busreisen.

Wie groß ist Ihre Hoffnung, dass das bald passieren wird?

Hoffnung habe ich nicht, aber Träume.

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