KRIEG IN DER UKRAINE: SO SIEHT DAS LEBEN IM DONBAS AUS
Piotr Kaszuwara
"Es ist zu befürchten, dass viele erfrieren oder verhungern"
Der polnische Journalist Piotr Kaszuwara und der britische Fotograf Bradley Wood verteilen Hilfsgüter im Osten der Ukraine und dokumentieren, was sie erleben.
privat
Carsten Selak
17.10.2022

Wir fahren durch den "Central Park" von Nju Jork, im Autoradio singt die britische Popsängerin Lily Allen. Deutsche Siedler haben die einst 10.000 Einwohner zählende Siedlung im Oblast Donezk im Osten der Ukraine gegründet. Die dicke Steinmauer, die den Park seit dem 19. Jahrhundert schützte, liegt in Trümmern. Hier und da ragen Raketenteile aus ihr heraus.
Wir rollen mit dem klapperigen Auto über die zerlöcherten und zerbombten Straßen, die Häuser links und rechts bestehen nur noch aus Gerippen verkohlter Dachbalken. In der Ferne steigt Rauch auf, dort brennt es gerade wieder. Geschätzt jedes zehnte Haus in Nju Jork ist noch bewohnt. Zwischen 12 und 16 Uhr ist es meist ruhig. Dann sitzen die wenigen verbliebenen Menschen auf Bänken vor ihren Häusern, holen Wasser aus einer Zisterne oder kaufen im einzigen Supermarkt ein.

privat

Piotr Kaszuwara

Piotr Kaszuwara ist ein polnischer Journalist und berichtet seit 2014 über die Lage im Donbas. Während Russlands Krieg gegen die Ukraine reiste er viel mit Hilfstransporten durchs Land. Mittlerweile verteilt er Hilfsgüter in kleinen Orten in der Ostukraine, durch Spenden seiner eigenen Stiftung UA Future finanziert.
Carsten Selak

Marta Thor

Marta Thor ist freie Journalistin und Fotografin. Seit 2021 arbeitet sie als Social-Media- und Online-Redakteurin für chrismon.de. Sie hat an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen Allgemeine Rhetorik & Neuere Englische Literatur studiert und in der Verlagsgruppe Rhein-Main volontiert. Seit 2022 berichtet sie als Korrespondentin aus Polen für ZDF, Deutsche Welle und weitere Medien.

Nju Jork liegt jetzt in der Zone Null, dem militärischen Sperrgebiet. Die Siedlung liegt schon seit 2015 in Schussweite der prorussischen Separatisten. Man hört die Frontlinie nicht nur. Man riecht die metallisch verbrannte Luft, sieht die Rauchschwaden und spürt die Einschläge dumpf in der Magengegend. Elf Einschläge zählen wir während unseres Besuchs. Ukrainische Soldaten fangen uns ab und verhören uns. Wir dürften gar nicht hier sein. Aber sie sind wohl so überrascht, dass sie uns passieren lassen. Wir dürfen Pakete mit Mehl, Zucker, Gries, Zahnpasta und Damenbinden verteilen, dann fahren wir wieder zurück.

Die Straßen aus dem Donbas nach Charkiw sind zerstört, voller Schlamm und Trümmerteile. Am Straßenrand liegen ausgebrannte Panzer, Militärfahrzeuge oder Busse, einige russische Raketen stecken im Asphalt.
Manche Raketen haben so große Krater gerissen, dass der Wagen hochkant darin verschwinden könnte. Von einigen Orten ist nach den Bombardierungen kein Stein auf dem anderen geblieben. Auf der Rückfahrt zerfetzt ein riesiges Schlagloch zwei unserer Räder. Jemand schleppt uns zurück nach Kramatorsk, wo wir seit dem 27. August in der Wohnung eines freiwilligen Helfers leben. Er wohnt jetzt im Haus seiner Tante, wir zahlen nur die Verbrauchskosten.

Was will man hier machen? Es gibt kaum noch Jobs

Vor wenigen Tagen war erstmals der Strom über mehrere Stunden weg. Dann ging auch das WLAN nicht mehr. Die ganze Nacht über hatte russisches Militär die Infrastruktur bombardiert. Vergangene Woche traf es zwei Hallen, in denen Lebensmittel lagerten. Im Umkreis von 200 Metern stand nichts mehr. Es ist seltsam still in der Stadt. Bis auf Soldaten trifft man kaum jemanden auf der Straße.

Kramatorsk ist Verwaltungssitz der ukrainisch kontrollierten Teile im Oblast Donezk und zählte vor dem Krieg etwa 160.000 Einwohner. Kaum ein Zehntel sind geblieben, meist Alte, Behinderte, Arme und Alkoholkranke. Wer nicht schon in den Westen der Ukraine oder in die EU geflohen ist oder zum Helfen bleibt, ist zu arm und hat aufgegeben. Was will man hier machen? Es gibt kaum noch Fabriken und Jobs. Die Supermärkte bieten nur das Nötigste und manchmal nicht einmal das.

Alltag in der Zone Null: Nahe Isjum trifft der britische Fotograf Bradley Wood auf ukrainische Soldaten und einige Zivilisten. Um sie herum gibt es außer Zerstörung fast nichts mehr.
Brot haben wir schon lange keines gekauft. Der Käse kostet 350 Hrywnja (ca. 10 Euro), jetzt ist er alle. 300 Gramm Wurst kosten 500 Hrywnja (ca. 14 Euro) und für eine 1,5-Liter-Flasche Wasser zahlen wir etwa 100 Hrywnja (ca. 3 Euro). Die Preise sind astronomisch, weil die Lieferketten zusammengebrochen sind. Manchmal finden wir auch Pakete, die als humanitäre Hilfe gedacht waren, in den Regalen.

Weronika hatte überlegt, sich das Leben zu nehmen

Vor allem das Wasser wird jetzt knapp. Was aus der Leitung kommt, ist oft nicht trinkbar. Man muss es abkochen. Andernorts ist die öffentliche Wasserversorgung komplett zusammengebrochen. Die Menschen sind auf angelieferte Wassertanks angewiesen. Gas fließt schon lange nicht mehr durch ukrainische Leitungen, Strom in der Regel schon noch. Wir kochen Tee in der Mikrowelle.

Auf einer unserer Fahrten haben wir in Siwersk im Rajon Bachmut die 70-jährige Weronika (Name geändert) mitgenommen. Als sie erfuhr, dass wir sie aus der Stadt bringen können, hatte sie genau zwei Minuten Zeit zu packen. Unterwegs erzählt sie, dass sie seit drei Monaten auf einem Brett im Keller geschlafen habe. Das Haus ihrer Nachbarin sei eines Nachts von Raketen getroffen worden. Die Nachbarin verbrannte.

Nach Raketenangriff ausgebrannt: Ruine eines Lagers für Lebensmittel in Kramatorsk
Weronika will so nicht sterben. Sie hatte bereits überlegt, sich das Leben zu nehmen. Sie kramt zwei Packungen mit Schlaftabletten hervor und hält sie uns hin. Zum Glück seien wir ihr zuvorgekommen, sagt sie. Wir bringen sie weit im Westen des Landes unter, in Jaslowez, Oblast Ternopil, in einer Flüchtlingsauffangstelle von polnischen Nonnen.

"Dein Stecken und Stab trösten mich"

Es wird kühler. Dass die Russen noch einmal eine Großoffensive starten, gilt als unwahrscheinlich. Das Gelände wird für das schwere Gerät zu unwegsam. Dennoch greifen sie weiter die Energieversorgung mit Raketen an. Wie es im Winter werden wird, bei Temperaturen von bis zu minus 30 Grad ohne Gas und ohne Strom, können wir uns nicht vorstellen. Es ist zu befürchten, dass viele Menschen erfrieren oder verhungern werden.

Vor einigen Tagen kamen wir in der Nähe von Siwersk an einer Kirche vorbei, wo eine Messe gefeiert wurde. Dort trafen wir eine Frau. Ich erzählte ihr, dass mir Psalm 23, Vers 4, Kraft gibt. Sie zitierte den Vers auswendig: "Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich." Dann weinte sie. Ich weinte auch. Und dann weinte auch der Priester.

Erzählt von Piotr Kaszuwara, protokolliert und aus dem Polnischen übersetzt von Marta Thor.

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Man kann es kurz fassen: Auch dieser Krieg findet statt, weil besonders im Westen keine Institution über eine Welt OHNE wettbewerbsbedingte Symptomatik kommunizieren will - Der Kolonialismus des "freiheitlichen" Wettbewerbs, der wie vieles andere zeitgeistlich-reformistisch nur einen neuen Namen bekommen hat, nämlich Globalisierung, ist gescheitert, jedenfalls für den Westen, für die Chinesen eher nicht, doch deren Gewinn dieses zynischen "Monopoly-Spiels" will der Westen nicht anerkennen, weshalb er nun Schach, Mensch ärgere dich nicht, Poker und Roulette spielt, koste es was es wolle.

Laut und ehrlich zu Gott sollte jetzt nur beten, wer um die einzig menschenwürdig-gottgefällige Wahrheit des globalen Gemeinschaftseigentums "wie im Himmel all so auf Erden" bittet, damit endlich Friedensverhandlungen mit allen Ländern dieses vom Kreislauf des imperialistisch-faschistischen Erbensystems geschundenen Planeten stattfinden mögen, damit dann die ganze Kraft des Geistes im ganzheitlichen Wesen Mensch ...

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