THEKLA EHLING
"Der Wunsch nach Nähe hört nie auf"
Sex und Alzheimer? Geht natürlich, sagt die Psychologin
Tim Wegner
23.02.2012

chrismon: Ein dementes Liebespaar im Heim – wie oft kommt das vor?

Nicole Richard: Immer häufiger. In den letzten zehn Jahren ist die Zahl der Männer in Heimen stark gestiegen, davor hatten wir die Kriegsgeneration, bei der ja viele Männer gefallen waren. Also wächst die Chance, dass demente Männer und Frauen sich begegnen. Außerdem kommt heute eine Generation ins Heim, die ein Leben lang ein aktives und freies Sexualleben hatte.

Wie verändert sich Sexualität bei Demenzkranken?

Orientierte Menschen würden nicht ­ohne weiteres Fremde anfassen. Bei Menschen mit Demenz hingegen geht die hirnorganische Kontrollinstanz zunehmend verloren. Dies erklärt die Bereitschaft, körperlich Kontakt – auch zu unbekannten Personen – aufzunehmen.

Und dann?

In vielen Heimen wird das Thema Sexualität noch tabuisiert. Dennoch wächst die Zahl der innovativen Einrichtungen,  die bei Angehörigenabenden und in Fortbildungen der Pflegekräfte das Thema offen und respektvoll ansprechen. Es braucht große Sensibilität, Vertrauen und viele Gespräche. Dennoch bleibt die Befürchtung, dass sensationsheischende Medien die Offenheit dieser Einrichtungen in falsche Zusammenhänge bringen – und letztendlich die Angst vor Angehörigen, die sagen: Da geb ich meinen Vater aber nicht hin.

Wie reagieren überhaupt Angehörige?

Für die ist es belastend, ihre Lieben – den Ehepartner, ein Elternteil – in zärtlicher Nähe mit vermeintlich Fremden zu ­sehen. Oft genügt es Menschen mit ­Demenz jedoch, einfach einen Anderen neben sich zu spüren. Das Wissen, dass es vielen Menschen mit Demenz meist um die Anbahnungsphase geht, um das Kokettieren und das Imponieren, ent-las­tet Angehörige sehr. Die Ausführungsphase – zu der kommt es oft gar nicht.

Alzheimer und Liebe, geht das?

Ja, klar. Der Wunsch nach körperlicher Nähe hört nie auf im Leben.

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