Obdachlose Jugendliche
Hört uns zu!
Mit 15 lebte Lärry Be. als Punkerin auf der Straße. Jugendliche Obdachlose gelten als "Systemsprenger". Heute ist sie erwachsen und setzt sich bei einer ­Initiative für Straßenkinder ein
Die junge Frau Lärry Be mit ihrem Hund Alibi, der taub ist.
Lärry Be. mit dem tauben Hund Alibi
Miguel Ferraz
Tim Wegner
Aktualisiert am 18.02.2026
2Min

Es war kalt unter der Kennedybrücke in Hamburg, als Lärry Be. zum ersten Mal auf der Straße schlief. 15 Jahre war sie alt, wollte weg von der Mutter, die mit der rebellischen Tochter überfordert war; weg von den Schwestern, mit denen sie sich stritt; weg von der Schule, die sie nervte.

Schon öfter war sie nachts nicht nach Haus gekommen. Doch diesmal war es anders: "Ronny stopfte seine beiden Hunde mit in meinen Schlafsack, ein anderer Junge gab mir eine Decke. Ich fühlte mich geborgen."

18 Monate schlief Lärry Be., die eigentlich anders heißt, auf der Straße, dann war die Straße ihr Lebensmittelpunkt. Neun junge Punks, fünf Hunde. An den Alltag gewöhnte sie sich "erstaunlich schnell". Eine Gruppe schnorrte Geld für Hundefutter; eine für Alkohol und Drogen; eine fürs Essen. Als ihre Mutter einmal zum Hamburger Hauptbahnhof kam und sie anflehte, nach Haus zu kommen, sagte Lärry Be.: "Ich hab hier eine neue Familie."

Aber das Leben als obdachlose Jugendliche ist häufig unerträglich. Ängste, Alkohol, Drogen, dadurch finanzieller Druck. Zwar gibt es staatliche und privat finanzierte Ausstiegshilfen, doch dafür bräuchte es Vertrauen – das diese jungen Menschen früh verloren haben – in die Erwachsenenwelt.

Straßenkinder werden oft auch als "System­sprenger" bezeichnet. Sie fallen durch das eigentlich eng gestrickte Netz, weil es selten individuelle Angebote gibt. Eine Übernachtung in einer offiziellen Schutz­station geht nur ohne den beschützenden Hund? No way, berichtet Lärry Be. von ihren Erfahrungen: "Wir brauchen keine Er-, sondern eine Beziehung." Viele schaffen den Absprung nicht, so wie Ronny. Er war drogenabhängig und hat sich erhängt. Lärry Be. tat nach einem "miesen" Trip den lebensrettenden Anruf bei der Schwester, es gab die Eltern, die sich kümmerten.

Heute ist Lärry Be eine erwachsene Frau und aktiv bei der ­Initiative "Momo: The Voice of Disconnected Youth". ­Momo – nach dem gleichnamigen Buch von Michael Ende. Die Momos gibt es in Hamburg und in Essen. Laut dem Statistischem Bundesamt leben rund 137.000 Minderjährige in Notunterkünften, rund 2.000 Kinder und Jugendliche leben komplett auf der Straße. Dass sie in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen werden, wollen die bei Momo Engagierten ändern. Einige von ihnen, so auch Lärry Be., werden unterstützt von Sozialeinrichtungen, Behörden oder Vereinen; andere bekommen kein Geld und sind auf Spenden angewiesen. Lärry Be. sagt: "Ihr könnt uns nicht länger übersehen, nur weil ihr nicht wahrhaben wollt, dass es uns gibt."

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