Die Sonne brennt auf das Grab von Friedrich Ebert auf dem Heidelberger Bergfriedhof. Henri Hirt wünscht sich Schatten. Zwanzig, dreißig Meter weiter entfernt findet er ihn unter hohen Laubbäumen. Er betrachtet einen Grabstein, aber der Name sagt ihm nichts. Hier liegt keine Berühmtheit, kein Friedrich Ebert, der in der Weimarer Republik Reichspräsident war und seit mehr als 100 Jahren tot ist. Friedhöfe faszinieren Henri Hirt, 23 Jahre alt, vor allem, wenn dort berühmte Persönlichkeiten begraben sind. Und der Tod, der interessiert ihn auch. Er zieht kurz sein Shirt hoch und zeigt auf eine lange Narbe auf seinem Bauch. "Ich wäre fast gestorben, aber als ich wieder aufgewacht bin, wusste ich, was mein Traum ist."
Es ist seine Antwort auf die Fragen, die er immer wieder hört. Warum machst du das, Henri? Und wie schaffst du das? Henri Hirt hat graue Augen, einen Dreitagebart, das feine, dunkelblonde Haar ist unter einer Schirmmütze verborgen, wie Michel aus Lönneberga sie trug, ein frecher Junge aus Astrid Lindgrens Roman. Henri hat einen Bürojob, er schreddert Akten, sortiert Ordner, stempelt Unterlagen. Und er ist Prüfer für Texte in Leichter Sprache, für die es bestimmte Regeln gibt, zum Beispiel, dass Wörter wie "nicht" oder "kein" fett geschrieben werden und dass in jedem Satz nur eine Aussage ist.
Aber das sind Jobs, wie viele Menschen sie machen: Man verdient Geld damit, es macht Spaß, man kommt unter Leute – aber das Herz schlägt für eine ganz andere Leidenschaft. Und bei Henri Hirt ist es das Schreiben. Auf dem grauen T-Shirt, das er an diesem Sommertag im Juni trägt, steht "Schriftsteller". Es ist seine Berufung.
Besonders wird die Geschichte dadurch, dass Henri das Downsyndrom hat. Aber das denken wohl nur Menschen über ihn, die 46 und nicht 47 Chromosomen in ihren Körperzellen haben. Menschen mit 47 Chromosomen wie Henri sehen ein bisschen anders aus. Henri ist zum Beispiel nur 1,50 Meter groß. Kinder mit Downsyndrom entwickeln sich häufig langsamer, können aber später vieles lernen, was andere Kinder auch können. Manche sind körperlich und geistig stärker eingeschränkt als andere. Ihre Persönlichkeiten sind bunt, das haben sie mit allen anderen Menschen gemein. Und: Es ist sehr wichtig, dass Menschen mit Downsyndrom gefördert werden. Dass man ihnen etwas zutraut.
Henri hat dieses Glück. Seine Eltern begleiten ihn auch auf den Bergfriedhof, die Familie lebt in Walldorf, ganz in der Nähe von Heidelberg. Anfangs sucht Henri ihre Nähe, dem fremden Reporter mag er sich nicht so recht anvertrauen. Aber das ändert sich schnell. Henris Gedanken springen hin und her, sein Kopf ist noch voll vom Besuch in Berlin, von dem er gestern erst zurückgekommen ist. Auch dort war er auf Friedhöfen unterwegs. "Loriot!", ruft er und freut sich, dass sein Gesprächspartner mit dem Namen etwas anfangen kann. An dessen Grab war Henri auch. Den mag er. Den Wortwitz haben sie gemeinsam. Henri verschenkt gern Taschentuchpackungen, die eines seiner Gedichte ziert.
Reim reimt sich auf Keim,
und gesund reimt sich auf bunt.
Es läuft die Nase.
Das ist nur eine Phase.
Ab und an erzählt Kirsten Ehrhardt, Henris Mutter, die Geschichte ihres Sohnes aus ihrer Sicht. "Uns war es wichtig, dass Henri gut lesen und schreiben kann. So kann er sich eine eigene Welt erschließen." Die Eltern lasen Henri viel vor. Er liebte Geschichten und fing irgendwann an, Märchen umzuschreiben und Verse zu reimen. Vieles schrieb er sich auf. Oft kam er damit auch zu seiner Mutter, die seine Gedichte tippte, ehe Henri sie wieder vergaß. In der Schule machte Henri alles mit, was die anderen Kinder auch lernten, ein Sonderpädagoge unterstützte, die Lehrerin an seiner Realschule glaubte an ihn. Während der Inklusionsgedanke heute immer wieder infrage gestellt wird, weil Geld fehlt oder weil Inklusionskinder angeblich das Leistungsniveau einer Klasse mindern könnten, ist Henri das lebende Beispiel, wie viel man Menschen mit Downsyndrom zutrauen kann: alles. In der 8. Klasse saßen die Kinder in Henris Klasse beisammen, es ging darum, wer später mal welchen Beruf ausüben könnte. Eine erste Orientierung, mehr nicht. Und als Henri an der Reihe war, sagte er: "Ich will Schriftsteller werden."
Als Vorkämpfer für die Inklusion sieht Henri Hirt sich aber nicht. Er will kein Aktivist sein, sondern macht einfach das, was ihm Freude bereitet. Und schreibt. Mittlerweile hat er zwei Bücher veröffentlicht, "Herz ist eine Sprache, die wir verstehen", einen Gedichtband, das war 2024. Und, ganz neu, "Schreiben ist ein gutes Gefühl", in dem auch Gedanken, kurze Geschichten und umgedichtete Märchenpassagen zu lesen sind. Mit den Büchern und den Lesungen verdient Henri mittlerweile gutes Geld. Es klingt nach einer bürokratischen Formalie, aber für Henri Hirt war es ein Meilenstein: Er ist pflichtversichert in der Künstlersozialkasse. Ein Künstler ist er, das hat er nun schriftlich. Die nächsten Ziele hat er sich schon gesteckt: "Ich will in die ‚Tagesschau‘, aber die ‚Tagesthemen‘ sind auch gut, und den Literaturnobelpreis gewinnen", sagt Henri Hirt. Auf Instagram folgen ihm schon Hunderte, seine Lesungen sind oft ausverkauft.
Es mag Menschen geben, die Henri belächeln. Aber die meisten erfreuen sich an seiner Lyrik, mit der er einen unverstellten Blick auf seine Gefühle gewährt, was mal berührend und dann wieder komisch ist. Und manchmal auch beides. Seine Sprache ist schön, reduziert und schnörkellos. Henri Hirt schreibt auch über Liebe, nach der er sich sehnt.
Du bist meine Dame.
Leg dich in meine Arme.
Ich spiele für dich
ein Lied über mich.
Ich lache in dein Gesicht
wie ein Gedicht.
Ich will kein armer Akkordeonspieler sein.
Ich bin nicht mehr allein.
Ein Thema taucht immer wieder auf, Verlust und Tod. Auf dem Heidelberger Bergfriedhof erzählt er, dass er selbst überhaupt keine Angst habe, eines Tages sterben zu müssen. Der Tod fasziniert ihn. Henri Hirt hat sogar einmal ein Praktikum bei einem Bestatter in Berlin gemacht und tote Menschen versorgt, erzählt sein Vater Norbert Hirt, der ihn in die Hauptstadt begleitete. Der Bestatter habe sich sehr über Henris Offenheit und Neugierde gewundert, obwohl doch viele andere Menschen dieses Thema verdrängten.
Einmal ohne seine Eltern auf der Welt zu sein, das beschäftigt Henri Hirt. Jedenfalls meint man dieses Gefühl – neben großer Liebe und Dankbarkeit – aus seinen Zeilen herauslesen zu können. Seinen Eltern hat er ein Kapitel gewidmet: "Beim Bauch meiner Mutter".
Ich bin dein Sohn.
Danke, du hast mich geboren lassen.
Ich war in Mamas Bauch.
Ich wollte meinen Vater kennenlernen.
Du hast mich im Arm getragen.
Wir haben gekuschelt und umarmt.
Du liebst mich.
Und ich liebe dich.
Mein Vater. Mein Vater.
Und:
Mama,
wenn du stirbst,
bist du ein Engel.
Und wir beten zur dir.
Eine Stunde ist Henri Hirt nun mit seinem Gast unterwegs, er hat immer mehr Vertrauen gefasst, viel erzählt und gelacht, aber langsam macht ihn die Wärme müde. Er sucht Schatten und die Nähe zu seinen Eltern. Als er auf den Ausgang zugeht, wird Henri wieder munter. Hier steht ein großes Mausoleum, Philipp Bartholomae, ein Bierbrauer, der in Amerika reich geworden war, stiftete es Ende des 19. Jahrhunderts seiner Ehefrau Sophie. Henri stellt sich zwischen zwei Säulen und sagt: "Wenn ich mal tot bin, bekomme ich auch ein Mausoleum!"
Vielleicht ist der Tod so präsent in Henris Denken, weil seine Narbe auf dem Bauch ihn jeden Tag daran erinnert, dass wir verletzlich sind. Seine Mutter erzählt die Geschichte. "Henri kam mit einem Darmverschluss zur Welt, er musste sehr bald operiert werden, damals war er erst wenige Tage alt", sagt Kirsten Ehrhardt. Henri schaltet sich ein. "Ich hätte sterben können, habt ihr euch Sorgen gemacht?" – "Natürlich, du warst drei Wochen im Krankenhaus, aber danach war auch alles gut mit dir, Henri!"
Aber wie kann es sein, dass Henri als Neugeborenes, das aufwacht aus einer Narkose, genau in jenem Moment gewusst haben will: "Ich bin zum Schriftsteller geboren!"? Das fragt ihn nun auch seine Mutter, aber Henri bleibt dabei. Genau so war es. Sein Weg steht fest, seit 23 Jahren schon.
Man muss es glauben. Man möchte es auch glauben, so stolz wie Henri strahlt, weil er Schriftsteller ist. Und wenn es nur dichterische Freiheit ist – was macht das schon?





