chrismon: Was bedeutet Erntedank heute für bäuerliche Betriebe?
Žana Schmid-Mehić: Hier in Südbaden und dem angrenzenden Südschwarzwald ist Erntedank ein großes Thema. Viele Höfe und Häuser sind geschmückt, zum Beispiel mit alten Wagenrädern oder mit Körben, die gefüllt sind mit Feldfrüchten. Auch Erntedankfeste mit Festumzügen gibt es in einigen Dörfern noch. Ich freue mich darüber, weil es uns ins Bewusstsein ruft, wie viel Arbeit in der Ernte steckt und wer diese Arbeit leistet.
Hartmut Schneider
Žana Schmid-Mehić
Hartmut Schneider: Viele Landwirte freuen sich auf die Erntedankfeste. Mir ist aufgefallen, dass daraus mancherorts schon richtig große Events werden. Ich glaube, es ist aber auch eine gewisse Ambivalenz dabei. Menschen aus der Landwirtschaft haben oft auch die Befürchtung, dass die Pfarrerin oder der Pfarrer eigentlich nur Fehler machen können.
Welche Fehler können das sein – und wie können Pfarrerinnen und Pfarrer sie vermeiden?
Schneider: Landwirte befürchten, dass da jemand kommt, der alles besser wissen will. Diese Bedenken kann man aber sehr gut aufgreifen, wie es einmal eine Pfarrerin einmal getan hat.
Was sagte die Pfarrerin denn?
Schneider: Gleich zu Beginn ihrer Predigt auf einem Erntedankfest vor zwei Jahren sagte sie, dass sie selbst nicht aus der Landwirtschaft komme und dass das, was Landwirte tun, daher eher fremd für sie sei, sie aber dennoch viele Gedanken zum Thema habe. Mit so einer Offenheit konnten alle gut umgehen.
Schmid-Mehić: Studien und Erhebungen zeigen, dass Landwirte und Landwirtinnen in der Bevölkerung zu den angesehensten Berufsgruppen gehören. In ihrer Selbstwahrnehmung sind sie das Gegenteil: Viele haben den Eindruck, die Leute erklärten sie zu den Buhmännern im Naturschutz oder hielten sie mitverantwortlich für den Klimawandel.
Schneider: Ein ehemaliges Mitglied unseres Beirats hat ein Speed-Dating mit Landwirten, Verbrauchern, der Kirche, Vertretern von Behörden und Verbänden veranstaltet, auch Umweltorganisationen waren vertreten. Nach fünf Minuten ging man einen Platz weiter und hatte einen neuen Gesprächspartner. Ich saß zu Beginn einem Landwirt gegenüber, der sagte: "Ich bin Massentierhalter." Ich fragte: Was für eine Tierhaltung betreiben Sie denn? Er sagte: "Ich halte Milchkühe." Darauf ich: Wie viele Milchkühe halten Sie? Er meinte: "80." Da erwiderte ich: Wie kommen Sie nur darauf, sich als Massentierhalter zu sehen? Und er meinte: "Aber das sagen doch alle über uns! Wir Landwirte sind Massentierhalter!" Ich erwiderte, dass ich dieses Etikett niemals verwenden würde und für mich Kühe zu den Tieren in der Landwirtschaft gehören, die am besten gehalten werden. Und dann sind wir ins Gespräch gekommen. Die Front, die er in mir gesehen hat, war weg. Aus diesem Speed-Dating sind später regional Projekte zwischen Nabu und Landwirtschaft zum Thema Biodiversität entstanden.
Lesetipp: Warum Tierhaltung gut fürs Klima sein kann
Die Bundesarbeitsgemeinschaft Familie und Betrieb ist der Zusammenschluss der landwirtschaftlichen Familienberatungen und Sorgentelefone. Viele Mitglieder befinden sich in kirchlicher Trägerschaft. Warum ist Kirche auf diesem Feld wichtig?
Schneider: Das geht auf eine Studienreise in die USA zurück. Mitte der 1980er Jahre beschäftigten sich Mitarbeitende der Evangelischen Kirche in Deutschland mit der Farmkrise im Mittleren Westen. Reihenweise gingen dort Familienbetriebe in Konkurs. Die Farmer-Familien stützten sich gegenseitig, bauten eine SOS-Hotline auf. Das imponierte den Gästen aus Deutschland, und sie ahmten die Idee nach. Das hat sich in vielen Bundesländern in Deutschland durchgesetzt und bewährt.
Was hören Sie derzeit aus den Betrieben hierzulande?
Schneider: Ich kann nur für Hessen sprechen. Der Weinbau in Rheinhessen und im Rheingau steht unter großem Druck, unter anderem, weil weniger Wein getrunken wird, Märkte weggebrochen sind. Was aber alle Betriebe betrifft, ist die Übergabe an die nächste Generation. Bis vor zehn Jahren war es selbstverständlich, dass ein Familienmitglied weitermacht. Und dass die Geschwister, die nicht weitermachen, auf alles Mögliche verzichten.
Das ist heute wirklich nicht mehr selbstverständlich. Selbst wer als Sohn oder Tochter eine landwirtschaftliche Ausbildung gemacht hat, sagt nicht mehr von vornherein: Ich will das. In den allermeisten Familien wird das gut ausgehandelt, mit Fachberatung, Steuerberatung, Rechtsberatung. Aber es gibt Familien, die an der Hofübergabe zu zerbrechen drohen. Solche Anfragen zu begleiten ist der Schwerpunkt unserer Arbeit.
Wer meldet sich bei Ihnen?
Schneider: Zunehmend sind das Menschen vor der Übergabeentscheidung, die sich rechtzeitig beraten lassen oder ihre Sorgen ansprechen möchten. Bei uns sind das beinahe zu gleichen Teilen Übergebende wie Übernehmende. Es gibt aber auch viele Ratsuchende, bei denen die Übergabe schon etwas zurück liegt und nicht gut gelaufen ist. Dann erzählt uns eine Frau beispielsweise: "Ich habe einen Landwirt geheiratet, aber ich wollte keinen Betrieb heiraten. Ich verdiene gut, ich will meinen Beruf weitermachen. Jetzt will mein Mann den Hof übernehmen, und ich merke: Mit meinem Mann habe ich eine Übergabe eingekauft. Damit hatte ich nicht gerechnet."
So etwas kann eine Krise auslösen. Wie gehen Sie vor?
Schneider: Am Anfang steht das Zuhören. Wir bieten ein Gespräch an. Was ist das Anliegen? Früher hörte ich von der älteren Generation öfter: "Unser Sohn muss nur wieder richtig in die Spur kommen, dann läuft das." Das kommt kaum noch vor. Die heute Älteren wissen, dass sie sprachfähige Kinder und Enkel haben.
Dann klären wir gemeinsam: Wer ist beteiligt? Wissen die anderen, dass sich jemand an uns gewandt hat? Sollten sie es wissen? Idealerweise gibt es irgendwann ein gemeinsames Gespräch, möglichst mit zwei Beratern oder Beraterinnen, an einem neutralen Ort. Idealerweise erarbeiten die Parteien gemeinsam Lösungsvorschläge oder sie klären ihr Anliegen ganz persönlich für sich.
"Bei den Sorgentelefonen kann man anrufen, ohne sich zu erkennen zu geben"
Žana Schmid-Mehić
Schmid-Mehić: Eine Kollegin sagt immer: Es geht bei um das Zwischenmenschliche auf den Höfen. Für Stallbau oder Futteroptimierung holen sich Landwirte und Landwirtinnen Fachberatung. Aber das Bewusstsein wächst, dass das Zwischenmenschliche auch ein Betriebsfaktor ist. Wenn es zwischen uns - also zum Beispiel zwischen den Generationen oder auch zwischen den Ehepartnern - nicht funktioniert, können wir den Hof nicht gut führen, schon gar nicht gemeinsam. Leider melden sich viele erst, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist. Ein weiteres Thema, mit dem sich die Menschen aus der Landwirtschaft an uns wenden, ist die Einsamkeit.
Inwiefern?
Schmid-Mehić: Die Beratenden werden immer wieder damit konfrontiert: Einsamkeit und Isolation sind auf dem Land leider ein Thema. Manche leben auch einfach allein auf den Höfen, weil die ältere Generation verstorben ist, weil sich kein Partner, keine Partnerin gefunden hat. Auf dem Land ist es weitläufig, immer mehr Stammtische und Dorfkneipen schließen. Wo trifft man sich noch? Und es gibt immer weniger Berufskollegen und -kolleginnen. Wenn man dann mit dem einen, der noch da ist, nicht kann, wird es schwierig.
Schneider: Als ich Anfang der 80er-Jahre eine landwirtschaftliche Ausbildung gemacht habe, gab es in meinem Heimatdorf 15 oder 16 Betriebe. Wenn wir mit den damals großen 60-PS-Schleppern unterwegs waren, hat man zu den Spitzenzeiten im Feld immer Kollegen getroffen. Selbstverständlich hat man angehalten und sich ausgetauscht.
Heute bewirtschaftet ein Betrieb aus dem Nachbardorf die ganze Gemarkung nebenher mit. Dessen Mitarbeiter haben überhaupt keine Zeit anzuhalten. Und ein Einzelhof bei uns im verstädterten Rhein-Main-Gebiet ist noch mal etwas ganz anderes als im Allgäu oder im Wendland. Da können Menschen tatsächlich vergessen werden. Wenn da nur noch eine Person wohnt, der vielleicht die alte Mutter pflegt und keine Zeit hat, Kontakte zu pflegen.
Schmid-Mehić: Man kann sich auch in der Gemeinschaft einsam fühlen. Es ist auch dieses Gefühl: Mich versteht keiner, ich bin hier falsch.
Schneider: Ein ganz junger Landwirt hat mir von einer anderen Einsamkeit erzählt. Er sitzt stundenlang in einem hochtechnisierten Schlepper, der eigentlich alles selbst macht. Er muss nur aufpassen, dass der am Feldrand ordentlich wendet. Er hört Spotify, und abends um acht ruft er Freunde und Bekannte an, damit er nicht einschläft.
Jeder Landwirt würde sagen: Ich will auf gar keinen Fall einen Bürojob. Aber dieser junge Landwirt sagte: Abgesehen vom Rumpeln am Ende des Feldes sitze ich in einem vollklimatisierten Raum, höre meine Musik, telefoniere über WhatsApp. Das ist fast wie im Büro. Das ist Vereinsamung bei der Arbeit selbst.
Wie helfen Sie Menschen, die einsam sind? Es gehört ja Mut dazu, das zuzugeben.
Schmid-Mehić: Das Schöne ist: Bei den Sorgentelefonen kann man anrufen, ohne sich zu erkennen zu geben. Dann geht es ganz viel darum, Stärken und Ressourcen zu finden. Was tut diesem Menschen gut? Wo gibt es doch Berührungspunkte mit anderen? Was brauche ich? Darüber machen wir uns im Alltag wenig Gedanken. Und es gibt Berufsgruppen, da gehört die Landwirtschaft sicher dazu, in denen man nicht gelernt hat, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen.
Wo das Bett steht, ist auch die Arbeit. Freizeit und Arbeit sind in der Landwirtschaft nicht getrennt. Ist das ein Problem?
Schmid-Mehić: Es kann zum Problem werden, ja. Da muss man bewusst hinschauen: Ich gehe jetzt raus und sehe nicht nur meine Felder, auf denen etwas zu tun wäre, sondern bewege mich an der frischen Luft, weil es mir guttut. Das im Kopf auseinanderzukriegen, das kann nicht jeder. So etwas muss man mal gehört haben: dass man so denken darf. In der Landwirtschaft gibt es leider ganz viele Glaubenssätze.
"Da muss man durch, ist halt so!"
Schmid-Mehić: Zum Beispiel, ja. Oder: Landwirtschaft ist halt anstrengend. Das ist sie bestimmt auch. Aber solche Sätze verhindern, dass wir uns erlauben, darüber nachzudenken, wie es anders sein könnte.
Schneider: Wir können Impulsgeber sein. Wir fragen jeden Klienten, jede Klientin: Wie können wir für Sie hilfreich sein? Wir machen gut vorbereitete, gut gemeinte Angebote. Ob ein Angebot hilfreich erlebt wird, das kann selbstverständlich nur die Klientenseite sagen. Oft beginnt die Begleitung mit einer Tasse Kaffee. Eine Beraterin oder ein Berater hört zu, stellt Fragen und signalisiert: 'Sie müssen das nicht allein tragen.' Aus einem solchen Gespräch kann neues Vertrauen entstehen. Manchmal folgen weitere Gespräche, manchmal die Einbindung der Familie oder die Inanspruchnahme weiterer Hilfen. Am Anfang stand ein offenes Ohr. Wir haben übrigens eine ganze Reihe ehemaliger Klientinnen und Klienten, die später selbst ehrenamtlich oder nebenberuflich in die Beratung einsteigen.





