Ein Mann mit grauen Haaren und Schnauzer sitzt vor einer Backsteinmauer und schaut ernst in die Kamera. Er trägt ein blaues Hemd.
Wolf Biermann, Liedermacher und Zeitzeuge, im Gespräch kurz vor seinem 90. Geburtstag
Dirk von Nayhauß für chrismon
Wolf Biermann
"Ich bin der Einzige, der überlebt hat"
Widerstand begleitet Wolf Biermann seit seiner Kindheit. Der Liedermacher erzählt vom Tod seiner Familie, seinem Abschied vom Kommunismus und warum er bei allen Irrtümern noch immer an den Menschen glaubt
Dirk von Nayhauß
07.10.2026
6Min

chrismon: Wie wäre ein Leben ohne Trotz und Rebellion?

Wolf Biermann: Tja … eigentlich möchte auch ich nur munter und angenehm leben, weich liegen und gut essen – aber wenn mich irgendetwas quält in der Seele, dann wehre ich mich mit allen Mitteln dagegen. Das ist für mich wie Luftholen, das ist meine politische DNA.

Ich wurde 1936 in der Blütezeit des Faschismus als Kommunisten- und Judenkind geboren. Und wenn man wie ich eine Mutter hat, die ihrem Kind jeden Morgen beim Frühstück etwas von seinem Vater erzählt, der im Gefängnis sitzt, weil er ein Widerstandskämpfer war gegen die Naziherrschaft, dann frisst man dieses Elixier des Widerstandes.

Ich bin 1953 allein von Hamburg in die DDR gegangen, ich war 16 Jahre alt und kam in Gadebusch auf ein Internat. Meine allererste Lektion, was öffentliche Demütigung und Repression bedeutet, bekam ich dort durch ein Christenmädchen, Margot Ullerich. Auf der Vollversammlung aller Schüler wurden diejenigen einzeln aufgerufen, die Mitglieder der evangelischen "Jungen Gemeinde" waren. Einer nach dem anderen musste aufstehen und sagen: "Ich trete aus der Jungen Gemeinde aus." Eine öffentliche Demonstration gegen die Kirche.

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