Filmtipp der Woche
Moralischer Pranger zur besten Sendezeit
Robert Pattinson glänzt in „Primetime“ als medialer Vampir in einer düsteren Abrechnung mit dem Reality-TV – doch die gesellschaftlichen Ursachen bleiben ausgespart
Eine sehr weichgezeichnete Filmeszene in der Chris Hansen (gespielt von Robert Pattinson) eine geschwungene Treppe herunterkommt. Im Vordergrund steht Dan Plumb (gespielt von Skyler Gisondo) der zu ihm hinauf schaut.
Chris Hansen (Robert Pattinson) konfrontiert den ahnungslosen an Plumb (Skyler Gisondo)
A24
24.09.2026
3Min

Man hat sich als Fernsehzuschauer an Beiträge gewöhnt, in denen Menschen von einem Lockvogel mit versteckter Kamera eines Fehlverhaltens überführt und dann zur Rede gestellt werden: Jemand tut etwas Schlechtes und erhält umgehend die Quittung dafür – ein für viele Zuschauer zutiefst befriedigendes Gefühl, auch weil es die eigene Machtlosigkeit kompensiert.

Auf diese Befriedigung zielte auch die Sendung "To Catch a Predator" ab, die in den USA zwischen 2004 und 2007 zu einem überragenden Erfolg wurde: Erwachsene Lockvögel gaben sich in Online-Chatrooms als Teenager aus und suchten gezielt Kontakt zu älteren Männern, um sie nach einigen schlüpfrigen Chats zu einem persönlichen Treffen in ihrem vermeintlichen Zuhause zu überreden – tatsächlich handelte es sich um eigens angemietete, mit versteckten Kameras versehene Häuser, in denen der Journalist Chris Hansen die entgeisterten Männer konfrontierte und genüsslich zur Rede stellte. Erst ein tödlich endender Einsatz und die folgende juristische Kontroverse besiegelten das Ende der extrem populären Sendung.

englisch © A24

David Osit hat über die Sendung und ihre gesellschaftliche Wirkung den exzellenten Dokumentarfilm "Predators" gedreht, der beim Streamingdienst Paramount+ verfügbar ist. Nun folgt mit Lance Oppenheims "Primetime" eine dramaturgisch sehr freie Spielfilmvariante, die man als Ergänzung betrachten sollte. Der Film konzentriert sich nahezu vollständig auf den Kosmos der Sendung selbst, auf die ethische Skrupellosigkeit der Macher, die journalistischen Fragwürdigkeiten, die moralische Heuchelei und die korrumpierende Wirkung von Macht und Ruhm.

Im Mittelpunkt steht eine fiktionalisierte Version Chris Hansens, von Robert Pattinson mit einer Mischung aus schmierigem Charme und eisiger Kälte gespielt. Die Haltung des realen Hansen, der seine Arbeit bis heute als einen wichtigen Dienst an der Allgemeinheit verteidigt, wird hier als zynisch entlarvt: Pattinson verkörpert ihn als ebenso berechnenden wie eitlen Jäger, als medialen Vampir, der sich an der öffentlichen Bloßstellung anderer Menschen weidet und dies als journalistische Meisterleistung verkauft – ungeachtet der manipulativen Methoden, mit denen die Männer in die präparierten Häuser gelockt wurden.

Hansens Medienkalkül trifft dabei auf den nicht weniger fragwürdigen Internetaktivismus der (ebenfalls realen) Online-Bürgerwehr "Perverted Justice", die einige der Lockvögel bereitstellt. In diesem Sog aus Selbstgerechtigkeit und Narzissmus scheinen die – fiktive – Produzentin Andie (Merritt Wever) und der – ebenfalls fiktive – junge Schauspieler Dan (Skyler Gisondo), der sich von seiner "Rolle" als Lockvogel einen Karrierestart erhofft, zumindest ansatzweise als moralisches Korrektiv zu dienen. Aber auch sie werden von Hansen und dem Erfolg korrumpiert.

Der Erkenntnisgewinn ist gering

Doch so herausragend das alles gespielt ist und so beklemmend der vom Dokumentarfilm kommende Lance Oppenheim das inszeniert – in düster-schmuddeligen, grobkörnigen Bildern, deren Low-Fi-Ästhetik zwischen historischem Fernseharchiv und verstörendem Gewaltvideo changiert –, so gering ist der Erkenntnisgewinn, den der Fokus auf das Produktionsteam und die teils fiktiven Figuren letztlich bietet. Die enorme gesellschaftliche Resonanz – der damalige Jubel von Politik, Publikum und Presse – wird ebenso wenig thematisiert wie die Tatsache, dass einige der jungen Lockvögel sich selbst als Opfer der Fernsehmacher fühlten. Die reale Welt bleibt auf Distanz.

Hansen erscheint als manipulatives Monstrum. In einem dramaturgischen Missgriff wird seine eheliche Untreue gegen seine Jagd auf mutmaßliche Sexualstraftäter ausgespielt, das Drehbuch schenkt ihm am Ende sogar eine tragische Dimension. Das alles wirkt irgendwann schal – zumal das Schockierende des realen Hansen gerade in seiner nüchtern-bürokratischen Unbeirrbarkeit lag. So ist "Primetime" zwar ein bestechender Film über den Zynismus des modernen Fernsehens, doch über die kulturelle Bedeutung von "To Catch a Predator", die Rolle des Publikums und das gesellschaftliche Klima, das den Erfolg erst ermöglichte, erfährt man eigentlich nichts.

USA 2026. Regie: Lance Oppenheim. Buch: Ajon Singh. Mit: Robert Pattinson, Merritt Wever, Skyler Gisondo, Anna Faris. Länge: 112 Min. FSK: ab 12.

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