Hans Thomas Tillschneider, fotografiert in Querfurt in Sachsen-Anhalt in seinem Wahlkampfbüro
Hans Thomas Tillschneider: Fotografiert in Querfurt in Sachsen-Anhalt in seinem Wahlkampfbüro
Felix Adler
Rechtsextremismus und Religion
Das falsche Christentum der AfD
Er inszeniert sich als frommer Patriot: Hans-Thomas Tillschneider, Vordenker der AfD Sachsen-Anhalt, will ein "deutsches Christentum" – ohne Fremdenliebe, dafür mit völkischer Schlagseite
(Berlin) 11.02.16; Dr. Johann Hinrich Claussen, Portraet, Portrait; Kulturbeauftragter des Rates der EKD, Leiter des EKD-Kulturbueros, evangelischer Theologe Foto: Andreas Schoelzel/EKD-Kultur. Nutzung durch und fuer EKD honorarfreiAndreas Schoelzel
28.08.2026
6Min

Die AfD in Sachsen-Anhalt wendet mit Erfolg eine Strategie an, die man aus Kriminalfilmen kennt. Der Spitzenkandidat Ulrich Siegmund gibt den "good cop", während der im Landesverband sehr mächtige Hans-Thomas Tillschneider den "bad cop" darstellt. Der eine ist für gute Stimmung zuständig, der andere mimt den rabiaten Kulturkämpfer. Zwischen beiden darf man keinen Unterschied vermuten, sie spielen zusammen. Für Kultur und Kirchen ist der "bad cop" der interessantere. Denn er gibt die hier entscheidenden Parolen aus.

Hans-Thomas Tillschneider wird sich nicht darüber beschweren können, dass Wikipedia ihn als "rechtsextremen Politiker" bezeichnet. Seit vielen Jahren ist er in rechtsextremen, rechtspopulistischen und neu-rechten Netzwerken aktiv. Was ihn dorthin gebracht hat, weiß ich nicht. Geboren wurde er in Rumänien, aufgewachsen ist er in Baden-Württemberg. Welche Einflüsse mag er zu Hause oder in seiner Jugend empfangen haben?

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Unterschätzen sollte man ihn nicht. Er ist ein ausgewiesener Islamwissenschaftler. Seine Doktorarbeit konnte er mit Hilfe eines Stipendiums der Deutschen Studienstiftung schreiben. Doch eine akademische Karriere scheint sich nicht ergeben zu haben oder von ihm nicht angestrebt worden zu sein. 2015 zog er aus Südwestdeutschland nach Sachsen-Anhalt und stieg aktiv bei der dortigen AfD ein, der er 2013 beigetreten war.

Er gehört also zu denjenigen hartrechten Aktivisten, die als Westimport nun ostdeutsche Politik machen. Wie er argumentiert, bzw. eben nicht argumentiert, lässt sich gut in einem Podcast nachhören, den er jüngst empört abbracht, als Host Melanie Amman, die sich seit Jahren als Journalistin mit der AfD auseinandersetzt, hartnäckig bei ausweichende Antworten nachhakte.

Bundesweit wurde Tillschneider durch das Programm der AfD Sachsen-Anhalt für die anstehende Landtagswahl bekannt. Dort wurde die Leitvorstellung einer radikal-nationalistischen Kulturpolitik formuliert. Ob dies der AfD viele Stimmen einbringen wird? Sehr wahrscheinlich interessieren sich die meisten Wählerinnen und Wähler nicht für Kulturpolitik im engeren Sinne. Aber markige nationalistische Sprüche, die das angeblich Traditionell-Deutsche feiern und das Modern-Fremde beschimpfen, dürften Sympathisanten finden. Allerdings fragt sich, was das für eine Stadt wie Dessau bedeutet. Tillschneiders AfD hat dem Bauhaus den Kampf angesagt. Dabei ist man in Dessau auf dieses Erbe stolz und profitiert genau davon.

In ihrem Wahlprogramm hat Tillschneiders AfD der evangelischen und katholischen Kirche den Kampf angesagt. Das hat zu deutlicher kirchlicher Widerrede geführt. Will die AfD von Sachsen-Anhalt das Christentum, seine Institutionen und Traditionen aus dem Land schaffen? In diese Richtung deutete eine Initiative in der Partei, christliche durch heidnische Feiertage zu ersetzen. Auch dies hat zu erheblichem Protest geführt.

Dazu hat Tillschneider in einem Interview mit dem christlich-konservativen Online-Magazin "corrigenda*" Stellung bezogen, das in Nähe zu hartrechten Medien wie "Weltwoche" oder "Junge Freiheit" steht und eng mit der Bewegung der Abtreibungsgegner verbunden ist. Er erklärt den am Ende erfolglosen Julfest-Vorschlag für unsinnig. Er sei nicht repräsentativ für seine Partei. Denn: "Wir sind mit Abstand die christlichste Partei".

Laut einem Portrait in der "ZEIT" soll Tillschneider katholisch getauft und evangelisch erzogen worden sein. Nicht untypisch für hartrechte Ideologen ist, dass er ein religiös Suchender zu sein scheint und wohl damit liebäugelt, zu einer orthodoxen Kirche zu konvertieren. Gerade die russisch-orthodoxe Kirche mit ihrer archaisch anmutenden Frömmigkeit, ihrem extremen Autoritätskult und ihrem radikalen Nationalismus bietet ihnen etwas, das sie in der evangelischen und katholischen Kirche vermissen.

Unter "Christentum" scheint Tillschneider ein Merkmal von "Deutschtum" zu verstehen. Mit Blick auf den abgelehnten Julfest-Vorschlag erklärte er, dass heidnische und christliche Traditionen gemeinsam zu dem gehörten, was eine deutsche Identität ausmache. Deshalb empfehle er, beide Erbschaften nicht gegeneinander auszuspielen, sondern miteinander zu versöhnen. Denn es ist "ein deutsches Christentum, das die Gestalt unseres Weges zu Gott bildet." Gleich im nächsten Satz distanzierte Tillschneider sich von den "Deutschen Christen" der NS-Zeit.

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Tillschneiders religiöse Positionierung ist keineswegs originell. Sie ist typisch für die Neue Rechte. Mit Odin-Anbetern in Springerstiefeln möchten sie nichts zu tun haben. Lieber möchte sie als Verteidigerin des christlichen Abendlands auftreten. Die Christlichkeit, die sie vertritt, soll aber für Rechtsextreme anschlussfähig bleiben, weshalb sie durchaus Sympathien für heidnische Vorstellungen zeigt (obwohl diese bloß Erfindungen aus dem 19. oder 20. Jahrhundert sind).

Entscheidend ist die Engführung auf ein dezidiert "deutsches Christentum", was mit einer expliziten oder impliziten Ausblendung des Jüdischen im Christlichen einhergeht. Deshalb ist Tillschneiders Distanzierung von den "Deutschen Christen" nicht wirklich überzeugend. Hier zeigt sich – wie bei Karlheinz Weißmann, einem historisch-theologischen Vordenker der Neuen Rechten – ein grundsätzliches Problem: Man möchte sich von offenen Nationalsozialisten und rabiaten Antisemiten abgrenzen, bleibt aber gemeinsamen völkischen und antijüdischen Denktraditionen verpflichtet.

Vor allem blendet man einen Wesenszug des Christentums aus, nämlich seine globale Tendenz. Auch wenn es sich in unterschiedlichen Kulturen jeweils anders ausprägt, gilt seine Botschaft aller Welt. Darauf hat sogar der ultrakatholische Rechtsintellektuelle David Berger in einem Kommentar zu Tillschneiders Interview aufmerksam gemacht: Das Christentum könne nicht "deutsch" sein, weil es "katholisch", also universell sei. Berger ist eine problematische Gestalt – aber wo er recht hat, hat er recht.

Christentum ist universell – nicht national

Mit dem christlichen Universalismus hat Tillschneider nicht nur wegen seines extremen Nationalismus ein Problem, sondern auch aus ethischen und politischen Gründen. Mit ihm ist nämlich die Unbegrenztheit des Liebesgebotes verbunden. Dieses gilt nicht nur mit Bezug auf die Mitglieder der eigenen Sippe, sondern auch gegenüber Fremden.

Dagegen vertritt Tillschneider eine Art deutscher Nächstenliebe: Sie "ist konkret und authentisch. Sie bezieht sich auf Menschen, die mir begegnen… Die Fernstenliebe ist abstrakt und manipulativ. Sie beruht darauf, dass wir uns ein schlechtes Gewissen angesichts des fernsten Leides einreden lassen…"

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Manipulativ ist hier die Gegenüberstellung von Nächsten- und Fernstenliebe (die Feindesliebe wird dabei einfach vergessen). Wir leben anders als Jesus von Nazareth in einer globalisierten Welt. Wenn wir ihm heute nachfolgen wollen, müssen wir über die Grenzen des eigenen Volkes hinaus (das hat Jesus übrigens selbst schon praktiziert). Natürlich müssen wir dabei nüchtern über die Grenzen unserer Möglichkeiten nachdenken, aber wir dürfen das Liebesgebot nicht im Prinzip auf "Volksgenossen" beschränken.

Indem Tillschneider aber in diese Richtung argumentiert, wiederholt er einen Kerngedanken der Hartrechten, die sich in ihrem Rassismus nicht von christlichen Geboten stören lassen wollen. Doch so unoriginell dies auch ist, bedarf es immer noch und immer wieder eines deutlichen christlichen Widerspruchs.

Zu Tillschneiders "deutschem Christentum" gehört noch etwas Zweites: die Diskriminierung von Homosexuellen und queeren Menschen sowie von emanzipierten Frauen. Da die evangelische und katholische Kirche sich – in ihrer Mehrheit – dafür engagieren, dass die Menschenwürde und die Menschenrechte auch dieser Bevölkerungsgruppen respektiert werden, diffamiert Tillschneider sie als "Regenbogenkirchen". Sie würden eine Ideologie verbreiten, die der deutschen Familie und der Reproduktion des Volks schade. Stattdessen würde nur die AfD den "biblischen Familienbegriff" verteidigen.

Hier zeigt sich, dass der Islamwissenschaftler Tillschneider die Bibel und die Geschichte der christlichen Sexualmoral nicht kennt. Denn den einen "biblischen Familienbegriff" gibt es nicht. Die Patriarchen des Alten Testaments praktizierten die Vielehe, wie man sie heute noch in einigen muslimischen Gesellschaften kennt. Und für Jesus und Pauls waren die Familienwerte der Hartrechten sicherlich kein Thema.

Auch hat Jesus seinen Jüngern keineswegs befohlen zu heiraten, und kein einziges Mal hat er sich kritisch über Homosexuelle geäußert. Sehr wohl aber hat er wiederholt und scharf die Heuchler angegriffen, die Werte propagieren, die sie selbst nicht beherzigen. Diese Passagen könnten für AfD-Politikerinnen und -Politiker besonders lesenswert sein (für unsereinen aber auch).

PS: Der Kulturbeutel macht eine Woche Pause und ist am 11. September wieder da

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Kolumne

Johann Hinrich Claussen

Auch das Überflüssige ist lebens­notwendig: Der Autor und Theologe Johann Hinrich Claussen reist durch die Weiten von Kunst und Kultur