Solidarisches Gärtnern
Eine ganze Woche geschenkte Arbeitszeit
Sie erfüllen einmal im Jahr einem sozialen Projekt große Wünsche: die Gärtner*innen der Bundesarbeitsgemeinschaft selbstverwalteter Gartenbaubetriebe. Doch sie hinterlassen mehr als nur schöne Gärten
Gemeinschaftlich arbeiten Freiwillige am Bau eines Amphitheaters
Die Mitglieder der Bundesarbeitsgemeinschaft selbstverwalteter Gartenbaubetriebe bauten dem Wohnprojekt Hitzacker unter anderem ein Amphitheater
Jutta Beer
Tim Wegner
28.07.2026
4Min

Wie diese Woche war? "Einfach unfassbar toll", erinnert sich Immo Gottbehüt von der Genossenschaft Dorf Hitzacker im Wendland: "Es war ein Festival!"

Ein Festival der guten Taten, an dessen Ende die Bewohnerschaft in Hitzacker über ein völlig neu gestaltetes Außengelände verfügen konnte. Dazu zählten ein Amphitheater, eine große Holzterrasse, gepflasterte Wege, ein Pizzaofen, ein begehbares Labyrinth, ein begrüntes Dach und vieles, vieles mehr.

Wie kam die Dorf-Genossenschaft in Niedersachsen dazu? Durch eine ganze Woche geschenkte Arbeitskraft von der BaseG, der Bundesarbeitsgemeinschaft selbstverwalteter Gartenbaubetriebe.

Die BaseG gibt es seit 1986, 2026 feiern sie ihren 40. Geburtstag. Ich treffe mich online mit zwei Menschen, die schon seit Jahrzehnten dabei sind: Hans Berger, gelernter Baumschuler, Garbenbauingenieur, früher mit eigenem Betrieb, jetzt in Rente; und Michael Kramer-Groessbrink, gelernter Gärtnermeister, ebenfalls schon in Rente.

Die Gründung der BaseG, so berichten es mir die beiden, fand in einer Zeit statt, als konventionelle Gärtnereien sich vor allem durch eines auszeichneten: "Sie waren betonlastig, nadelholz- und maschinenverliebt", berichtet Hans Berger. Die alternativen Betriebe, die damals überall in Westdeutschland entstanden, wollten anders sein. Sie wollten ökologisch gärtnern und sich selbst verwalten. Statt eines patriarchalischen Führungsstils praktizierten sie Basisdemokratie und Parität der Geschlechter auch in den Führungsetagen.

Heute sind immer noch einige der Gründerfirmen aktiv, doch vieles hat sich in den letzten Jahren geändert, berichten mir Hans und Michael. Der einstige Gegensatz zwischen "konventionell" und "alternativ" sei längst nicht mehr so scharf. Mit der Wende kamen Betriebe aus den neuen Bundesländern dazu, aber da "dürften es gern ein paar mehr sein", wirbt Michael Interessenten, die diesen Text hier lesen.

Und einmal im Jahr fahren an die 100 Fachkräfte, Azubis wie Planer*innen, Angestellte aus dem Garten- und Landschaftsbau, aber auch Menschen aus anderen Berufszweigen (z. B. aus holz­verar­beitenden Berufen) zu einem gemeinwohlorientierten Projekt. Das kann eine freie Schule sein, oder ein Wohnprojekt wie in Hitzacker, ein Umwelt- oder Jugendhilfezentrum. Und dort bauen sie, nach intensiver Planung und Rücksprache mit dem jeweiligen Projekt, deren Wunsch-Gartenlandschaft.

Es gibt die "Alten", die wie Hans und Michael noch aktiv dabei sind. Aber es gibt auch viele Junge, die neu dazustoßen.

"Familiär" ist das Wort, das den beiden als erstes einfällt, wenn sie die DNA der BaseG beschreiben sollen. An der Orga hat sich seit Gründung nichts geändert. Es gibt keine Satzung, keine Mitgliedsanträge, keine feste Organisationsform. Zweimal im Jahr treffen sich alle Aktiven, persönlich, zum Plenum. Dort wird geredet und abgestimmt – eben auch über das nächste Reiseziel vom Sommercamp.

Hitze? Dann gibt es eben Schattendächer. Hauptsache, sie kommen voran

Wer den Jackpot an ehrenamtlichem Engagement "gewinnen" will, muss sich ganz schön ins Zeug schmeißen und frühzeitig bewerben. Im Dorf Hitzacker entstanden die ersten Ideen zu der Bewerbung im Sommer 2020, mitten in der Corona-Zeit. Immo Gottbehüt erinnert sich gut daran, wie spannend das alles war und wie knapp am Ende das Ergebnis ausfiel. Mit nur einer Stimme Mehrheit bekam das Dorf Hitzacker den Zuschlag.

Es folgten Monate und Wochen der Vorbereitung. Die BaseGler*innen spenden ihre Arbeitskraft, bringen auch viele Werkzeuge mit, doch alles andere, große Maschinen, Material, Verpflegung und sonstige Infrastruktur muss von dem Projekt kommen. In Hitzacker haben sie Spenden gesammelt und Sponsoren gesucht. Im August 2022 fand das Sommercamp statt.

Lesen Sie hier: Wen macht ein Ehrenamt glücklich? Und wer sollte es lassen?

Die Woche, die dann folgte war großartig, inspirierend, aber so Immo, auch eine echte Herausforderung an die Dorfgemeinschaft. Die 70 Erwachsenen in ihren 12 Wohnhäusern der Genossenschaft mussten über 120 Menschen sieben Tage lang versorgen: "Frühstück, Mittag, Kaffee, Abendbrot", zählt Immo auf.

Es gab ein Zeltlager und Campwagen, täglich wechselnde Duschpatenschaften in den Dorfhäusern und zum Glück eine nahegelegene, öffentlich zugängliche, Toilettenanlage, die genutzt werden konnten. Viele Camp-Teilnehmende opfern für diese Woche Ehrenamt ihre Urlaubstage und bringen dann auch Familie mit. Sprich: Auch für die Kinder braucht es ein Programm.

Abends wurde gemeinsam Musik gemacht, Theater gespielt, getanzt, gefeiert. Ein Festival eben.

Michael Kramer-Groessbrink mitten im Geschehen auf der neuen Holzterrasse in Hitzacker

2026 reist die BaseG nach Rügen, auf das Lebensgut Frankenthal. Auf dem historischen Gutshof verbindet eine Gruppe engagierter Menschen ein soziales, ökologisches und kulturelles Gemeinschaftsprojekt mit nachhaltiger Landwirtschaft, regionaler Vermarktung und gemeinschaftlichem Leben. Am 31. Juli, in wenigen Tagen, geht es los. Noch sucht der Verein nach Spenden, vielleicht, so Michael, werden sich nicht alle Wünsche umsetzen lassen.

Das kennen sie bei der BaseG. Dann wird improvisiert, vielleicht wird auch mal gestritten und um Einzelheiten gekämpft. Wichtig ist immer der letzte Tag, dann gibt es eine Abnahme und eine letzte Feier. Und alle zusammen vergewissern sich noch mal, was diese gemeinsame Woche ihnen gebracht hat.

In Hitzacker, erzählt Immo, laufen sie täglich über die Wege und an den Mauern und Bauten vorbei, die ihnen die Woche der BaseG geschenkt hat. Doch fast noch wichtiger als Steine, Gründächer oder eine Terrasse seien die unsichtbaren Spuren, die geblieben sind: "In unseren Köpfen und Herzen."

Wäre ich Gärtnerin oder ähnliches – ich wäre gerne mal mit dabei!

Infobox

Informationen über die BaseG gibt es auf ihrer Webseite. Die Genossenschaft Dorf Hitzacker hat eine schöne Webseite über die gemeinsame Arbeitswoche gestaltet. Und das Lebensgut Frankenthal e.V. freut sich auch noch über kurzfristige Spenden.

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Kolumne

Dorothea Heintze

Wohnen wollen wir alle. Bitte bezahlbar. Mit Familie, allein oder in größerer Gemeinschaft. Doch wo gibt es gute Beispiele, herausragende Architekturen, eine zukunftsorientierte Planung? Dorothea Heintze lebt in einer Baugemeinschaft in Hamburg und weiß: Das eigene Wohnglück zu finden, ist gar nicht so einfach.