Apokalypse
Raunen auch Muslime vom Ende der Welt?
Es hat Konjunktur, das Schlimmste zu erwarten oder herbeizureden. Gerade rechte, christliche Politiker sprechen viel von der Apokalypse. Doch wie ist es im Islam? Unser Kolumnist klärt auf
Blick auf die Sonne hinter Wolken. Das Bild wurde im Freien an einem bewölkten Tag aufgenommen, ohne Personen.
Sonne hinter Wolken - Symbolbild
El Ojo Torpe / Getty Images
Peter Grewer
11.05.2026
4Min

Spätestens seit dem Podcast "Die Peter Thiel Story" ist wieder vom Antichrist, dem Katechon und der Apokalypse die Rede. Der Podcast erzählt, dass der Tech-Milliardär und Trump-Unterstützer Peter Thiel viel über diese alten religiösen Vorstellungswelten nachgedacht hat. Mehr noch: Sie scheinen für ihn ganz real zu sein und unsere Gegenwart zu bestimmen. Damit steht er in der Tradition des deutschen Juristen Carl Schmitt (1888 - 1985), dessen politische Theologie gerade auch in den USA eine Renaissance erlebt. Thiel ist Christ, Schmitt war es auch. Aber wie hält es eigentlich der Islam mit der Apokalypse?

In den vergangenen Monaten kursierte in einigen sunnitischen Kreisen, insbesondere unter Predigern in sozialen Medien, die sich sowohl gegen iranische und schiitische Akteure als auch gegen Israel positionieren, eine angebliche Prophezeiung. Sie wird dem Propheten Mohammed zugeschrieben. Darin geht es um das bevorstehende Auftreten einer endzeitlichen Gestalt, die im islamischen Kontext als "Daddschāl" bezeichnet wird und der angeblich "70.000 Juden aus Isfahan", einer Stadt im heutigen Iran, folgen sollen. Dass diese Prophezeiung jetzt geteilt wird, steht natürlich vor dem Hintergrund der aktuellen Spannungen im Nahen Osten.

Der politische Konflikt wird durch diese Prophezeiung religiös aufgeladen. Ob die Prophezeiung wirklich auf Mohammed zurückgeht, ist fraglich. Vieles spricht dafür, dass die konkrete Nennung Isfahans aus späteren Überlieferungen stammt, die in Zeiten militärischer und politischer Auseinandersetzungen mit persischen Reichen oder in sunnitisch-schiitischen Konflikten entstanden und rückwirkend dem Propheten zugeschrieben wurden.

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Interessant für unsere Frage ist die Figur des Daddschāl. Sie wird oft als eine Art Gegenfigur zur Wahrheit verstanden, vergleichbar mit dem Antichristen in christlichen Traditionen. Dass Social-Media-Prediger auf diese Figur in der aktuellen politischen Situation zurückgreifen, zeigt, dass die Faszination für das Ende der Welt auch unter Muslimen eine Rolle spielt.

Der Glaube an den Jüngsten Tag gehört zu den Grundpfeilern des Islams. Der Koran spricht häufig von der Auferstehung aller Menschen am Tage des Gerichts. Der Zeitpunkt bleibt bewusst verborgen: "Sie fragen dich nach der Stunde, ihr Wissen ist jedoch bei Gott verborgen." (Koran 7:187) Das Ende entzieht sich menschlicher Berechnung. Viele konkrete Endzeitvorstellungen stammen deshalb nicht aus dem Koran selbst, sondern aus der Hadith-Literatur, also aus späteren Überlieferungen, die dem Propheten Mohammed zugeschrieben werden.

Dort taucht der "Daddschāl" auf. Anders als im Christentum kennt der Islam keinen systematisch ausgearbeiteten "Antichrist"-Begriff. Der Daddschāl steht vielmehr für Täuschung und religiöse Verführung. Auffällig ist, dass er in vielen Überlieferungen als "al-Masīḥ ad-Daddschāl" bezeichnet wird – als "Messias der Täuschung", also als falscher Messias. Während das Christentum den Antichrist als Gegenfigur zu Christus kennt, begegnet der Islam dieser Vorstellung indirekter: durch eine Figur, die Wahrheit beansprucht und sie zugleich pervertiert.

Der Name "Daddschāl" leitet sich vom arabischen dajal ab: Täuschung, Lüge, Verblendung. In den Überlieferungen erscheint er als Gestalt, die göttliche Eigenschaften für sich beansprucht. Seine Gefahr liegt weniger in der Gewalt als in der Verführung. Ihm werden außergewöhnliche "Wunder" zugeschrieben, allerdings als Mittel der Täuschung. So heißt es, er bringe scheinbar Wasser und Feuer mit sich: Was wie Wasser aussieht, ist in Wahrheit Feuer und umgekehrt.

Bemerkenswert ist auch, dass nach islamischer Überlieferung ausgerechnet Jesus (Isa) den Daddschāl am Ende besiegen wird. Jesus spielt im Islam also nicht nur eine wichtige Rolle als Prophet, sondern erscheint hier auch als entscheidende Figur im Kampf gegen Täuschung und Unwahrheit. Der Daddschāl ist damit weder ein "Katechon", also eine aufhaltende Kraft des Bösen, noch eine neutrale Figur, sondern eine Gestalt der Täuschung, die am Ende von der Wahrheit überwunden wird.

Im Alltag der meisten Muslime spielt der Daddschāl allerdings kaum eine Rolle. Er bleibt eine Randfigur religiöser Überlieferung und taucht vor allem in Predigten oder auf Social Media auf, wo er als Projektionsfläche für das Böse oder als einfache Erklärung komplexer Krisen dient.

Die detaillierten Daddschāl-Erzählungen stammen eben auch nicht aus dem Koran und sie sind alles andere als einheitlich. Sie widersprechen sich, steigern sich im Laufe der Zeit und tragen deutliche Spuren ihrer jeweiligen Entstehungskontexte.

Auffällig ist, wie eng sie mit politischen Konflikten verbunden sind. Formulierungen wie die Behauptung, dem Daddschāl würden "70.000 Juden aus Isfahan" folgen, sind kaum als zeitlose Offenbarung zu verstehen. Sie spiegeln historische Spannungen, in denen religiöse Bilder genutzt wurden, um Gegner zu markieren und Feindbilder zu stabilisieren. Aus einer spirituellen Warnung vor Täuschung wird so ein politisches Instrument.

Der Koran selbst betont dagegen wiederholt, dass solche Macht, wie sie dem Daddschāl zugeschrieben wird, nicht im Zugriff des Menschen liegt (etwa Koran 6:109 oder 17:90–93). Wer sie für sich beansprucht, überschreitet eine Grenze, die dem Menschen grundsätzlich nicht zusteht.

Vor diesem Hintergrund erscheint der Daddschāl weniger als historische Figur, sondern als symbolische Verdichtung einer immer möglichen Gefahr: die Verführungskraft der Täuschung. Seine "Wunder" wären dann keine physikalischen Phänomene, sondern Ausdruck einer tieferen Wahrheit: dass Menschen sich blenden lassen, wenn Macht, Angst und die Sehnsucht nach Sicherheit zusammenkommen.

So verstanden, kann uns die Figur des Daddschāl doch helfen, unsere Gegenwart zu verstehen. Sie verdeutlicht ein Muster, das sich in der Geschichte immer wieder zeigt: Die Fähigkeit des Menschen, Täuschung zu produzieren und ihr zu erliegen. Dieses Muster erkennen wir ganz konkret in unserer Gegenwart: nämlich dort, wo Religion zur Waffe wird, Feindbilder religiös aufgeladen werden und Menschen im Namen der Wahrheit beginnen, andere zu entmenschlichen. All das wird als göttliche Wahrheit verkauft, ist aber doch eine Täuschung, die niemals im Sinne Gottes sein kann.

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Kolumne

Mouhanad Khorchide

Für den islamischen Theologen Mouhanad Khorchide ist die Freiheit des Glaubens sehr wichtig. Er tritt ein für einen Glauben, der die Menschen frei macht und die Liebe Gottes vermittelt. Für chrismon blickt er auf Gott und die Welt, mal religiös, mal politisch, immer pointiert.