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Der ältere Herr in Badehose, mit Laubharke in der Hand, kommt gern an den Gartenzaun und erzählt. Wie er und seine Frau vor über 30 Jahren ein Haus in der Hufeisensiedlung von Bruno Taut gemietet und dann später gekauft haben. Wie sie heute hier in der kleinen Gemeinschaft der schmalen Wege zusammenleben und regelmäßig über eine WhatsApp-Gruppe kommunizieren. Gerade gestern Abend hätten sie mal wieder zusammen gegrillt: "Wissen Sie, hier ist jeden Tag Sonntag."
Der Architekt Bruno Taut (1880-1938) war Stadtplaner, Architekt, Künstler und ein Visionär. Wie seine wohl noch berühmteren Zeitgenossen Walter Gropius oder Le Corbusier war er ein Vertreter des sogenannten "Neue Bauens" in einer Zeitspanne von circa 1910 bis in die 1930er Jahre hinein. Die Bauhaus-Universität in Weimar und später Dessau war eines ihrer Zentren.
Zwischen 1925 und 1933 initiierte und verantwortete Taut den Bau der Hufeisensiedlung in Berlin-Neukölln. Auf dem Gebiet des ehemaligen Rittergutes Britz, damals noch weit draußen im Grünen, sollten 2000 Wohnungen entstehen, bezahlbar und doch für die damalige Zeit komfortabel, alles organisiert in einer großen, gemeinnützigen und gewerkschaftsnahen Baugenossenschaft, der GEHAG.
Das zumindest, gemeinnützig und gewerkschaftsnah, ist heute Geschichte, erzählt mir chrismon-Kollege Uli Raschke, der mit Ehefrau Sabine für uns eine Führung durch die Hufeisensiedlung organisiert. Beide sind echte Architekturfans, leben seit vielen Jahren in Berlin und erkunden auf immer wieder neuen Wegen Architekturdenkmäler der Stadt. Ende der 1990er Jahre hat die Stadt das gesamte, schon damals unter Denkmalschutz stehende Ensemble privatisiert.
Aus der GEHAG wurde die Deutsche Wohnen, ein Name, der gerade in Berlin wenig Sympathie weckt; auch bei Uli, der sich noch heute darüber ärgert, dass die Stadt so bedenkenlos ihr kostbarstes Gut - Grund und Boden - verschleudert hat. Privat oder staatlich: Seit 2008 ist die Hufeisensiedlung auch noch "Unesco-Welterbe".
Wir beginnen vorn am Haupteingang ins "Hufeisen", den riesigen ikonografischen Rundbau. An die 350 Meter ist er lang, mit 26 Treppenaufgängen und über 140 Wohnungen, dazu einige Gewerbeeinheiten. Wunderbar ruhig und grün ist es in dem parkähnlichen Innenhof mit See, Bäumen, Bänken. Alle Wohnungen haben Balkone und durch die runde Bebauung Sichtkontakt miteinander. Taut und sein Team haben umgesetzt, was heute wieder sehr aktuell ist: wenige, standardisierte Wohnungstypen mit einfachen Grundrissen. Das senkte damals wie heute die Baukosten.
Wir wandern einmal rundherum, dann heraus aus einem Seiteneingang durch die anliegenden kleinen Straßen, die sich sternenförmig um das Hufeisen ausbreiten. Auch hier noch einige größere Mietbauten und dazu über 650 Reihenhäuser, teilweise wie im Fall des Herrn in Badehose in schmalen Fußweg-Zeilen aneinander gereiht. Wie viele andere hat auch unser Gesprächspartner damals gekauft, als die Stadt privatisierte: "Da wir schon hier wohnten, hatten wir ein Vorkaufsrecht", erzählt er. 90 000 Euro habe er bezahlt…
Das ist jetzt viele Jahre her, und wer heute sein Häuschen mit einem der wunderbaren Gärten verkauft, der kann das Vier- bis Fünffache aufrufen. Und das machen einige, wie uns der freundliche Hausbesitzer erzählt. Er und seine Frau gehörten mittlerweile zu den Ältesten. Überall kämen junge Familien nach, doch bis jetzt erhalte sich der Gemeinschaftsgedanke, den Taut mit seiner Architektur und seinen Plänen explizit verfolgt habe: "Wir leben alle in einem Denkmal, das schweißt zusammen." Und das Thema Denkmalschutz ist nicht trivial. Sonnenkollektoren auf den Dächern? Nicht erlaubt, ebensowenig wie Wärmepumpen in den ebenfalls denkmalgeschützten Gartenanlagen.
Zum Glück für die Siedlung und Menschen wie uns, die sich informieren wollen, gibt es nicht nur freundliche Hausbesitzer, sondern auch den Verein der "Freunde und Förderer der Hufeisensiedlung Berlin-Britz e.V." (s. unten). Der unterhält einen eigenen kleinen Info-Laden mit Café (an diesem Tag leider geschlossen), eine sehr informative Website und eine Litfaßsäule mit Infos zur Geschichte dieser Siedlung, alles ehrenamtlich organisiert.
Der Worpsweder Künstler Heinrich Vogeler lebte von 1927 bis 1931 hier. Viele der Bewohner, traditionell der Arbeiterbewegung zugetan, wurden in der Nazizeit verfolgt und ermordet. Bis 1945 befand sich mitten in der Siedlung ein Zwangsarbeiterlager für verschleppte Menschen aus Osteuropa.
Auch Bruno Taut floh vor den Nazis ins Ausland. Erst nach Japan, später nach Istanbul, wo er an einer Universität lehrte, großen Einfluss hatte, aber schon 1938 verstarb, vermutlich an seiner schweren Asthma-Erkrankung. Bei einem Besuch in der Türkei ehrte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier Bruno Taut als "deutschen Architekten von Weltruf", der maßgeblich durch seine Arbeit auch zur Völkerverständigung beigetragen habe.
Wir könnten an diesem Tag noch lange weiterlaufen. So viel gibt es zu entdecken - die farbig gestrichenen Fenster zum Beispiel, die uralten Obstbäume, die jetzt im Frühling prachtvoll blühen, die vielen unterschiedlichen Haustypen, die an Schweden erinnernde rote "Ochsenblut"-Farbe der Fassaden und vieles mehr. Immer wieder könnten wir vergessen, dass wir uns mitten in Berlin befinden. Die Straßen wirken wie eine dörfliche Idylle. Die nächste U-Bahn-Station Blaschkoallee ist in Fußwegnähe. Wir kommen an einer Schule vorbei, Kitas, auch ein paar Läden, also Gewerbeflächen, die schon von Taut und seinem Team mit eingeplant wurden.
Wie sich das alles in Zukunft entwickeln wird? Wenn immer mehr Häuser weiterverkauft werden, sich weniger Menschen in der Siedlung für die Geschichte und den sozialen Zusammenhalt interessieren? Bruno Taut und sein Team haben jedenfalls das Beste getan, das zu ihrer Zeit möglich war, um all dies auch noch die nächsten Jahrzehnte funktionieren zu lassen.
Zum Abschluss rätseln wir über einige Straßennamen: die "Onkel-Bräsig-Straße" zum Beispiel oder die "Paster-Behrens-Straße", alles Figuren aus Romanen von Fritz Reuter. Warum nun gerade Fritz Reuter? Diese Frage können wir heute nicht mehr klären. Vielleicht beim nächsten Besuch?
Im Denkmal wohnen? Das geht tatsächlich in der Hufeisensiedlung - dank der Initiative des Architekten- und Gestalterpaars Katrin Lesser und Ben Buschfeld. Unter dem Namen "Tautes Heim" haben sie eines der kleinen Reihenhäuser original instandgesetzt, mit historischen Möbeln, Farben, Küche, Accessoires, und wurden dafür mehrfach ausgezeichnet. Beide sind aktiv im Förderverein, organisieren Führungen und geben gerne an Interessierte Auskunft. Mehr dazu hier.








