Kunstwerk
Mein kleiner grüner Kaktus
Ein Pointenbild von Carl Spitzweg, dem Komiker unter den Malern: "Der Kaktusliebhaber", offenbar überidentifiziert mit seiner Pflanze
Carl Spitzweg: Der Kuktusliebhaber
"Der Kaktusliebhaber" von Carl Spitzweg, um 1850
Museum Georg Schäfer Schweinfurt/bpk
Pierre Jarawan
18.05.2026

Es gibt das Sprichwort "Wie der Hund, so das Herrchen/Frauchen", das darauf anspielt, dass sich Mensch und Tier häufig einander anpassen. Aber gilt das Ganze auch für Pflanzen? Dem Münchner Maler Carl Spitzweg (1808 bis 1885) zufolge scheint das durchaus der Fall zu sein. Sein Gemälde "Der Kaktusliebhaber" zeigt einen Mann, der in puncto Körperhaltung, Kopfform und Kleidungsfarbe seinem Kaktus erstaunlich ähnelt. Sogar die rote Nase des Mannes findet in der roten Knospe auf dem Kaktus ihre Entsprechung. Mensch und Pflanze sehen aus, als würden sie sich vorbeugen und ein anregendes Gespräch miteinander führen – eine klassische Kaktuskonversation.

Pierre Jarawan

Jakob Schwerdtfeger

Jakob Schwerdtfeger, Jahrgang 1988, ist Kunsthistoriker und Comedian. 2023 erschien sein Buch "Ich sehe was, was du nicht siehst, und das ist Kunst" (dtv). Er tritt in vielen Museen auf und lebt in Frankfurt am Main. Am 15. Mai 2026 erscheint sein neues Buch "Punkt Punkt Komma Strich, fertig ist die Kunstgeschicht" (dtv, 272 Seiten, 25 Euro).

Solche humorvollen Szenen sind typisch für Spitzweg, der einer der wenigen lustigen Künstler des 19. Jahrhunderts war. Spitzweg malte gern Motive mit einem Augenzwinkern, wie etwa einen eingeschlafenen Nachtwächter, strickende Soldaten oder einen Mönch, der wehmütig einer Frau hinterherschaut. Seine Werke werden auch Pointenbilder genannt und bringen ein Schmunzeln ins Museum, wo sonst gern mal eine gewichtigere Stimmung herrscht als im Gerichtssaal.

Spitzweg wird meist der Kunstströmung des Biedermeier zugeordnet, die grob in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts anzusiedeln ist. Es war eine Zeit des politischen Umbruchs, nach den Napoleonischen Kriegen erstarkten die europäischen Monarchien, Gegenbewegungen wurden unterdrückt. Zensur, Überwachung und politische Repression führten bei der Bevölkerung zu einem starken Rückzug ins Private.

Dementsprechend wurden viele idyllische, häusliche Szenen gemalt, das Biedermeier war gewissermaßen das "Schöner Wohnen" der Kunst. Passend dazu befasste sich Spitzweg mit dem kleinbürgerlichen Leben, er nahm Marotten und schrullige Charaktere liebevoll aufs Korn. Das Malen brachte sich Spitzweg übrigens selbst bei, denn bevor er sich komplett der Kunst widmete, arbeitete er als Apotheker. Spitzweg kam also von der Medizin zur Malerei und von Pillen zum Pinsel.

"Der Kaktusfreund" befindet sich im Museum Georg Schäfer in Schweinfurt, wo die weltweit größte Spitzweg-Sammlung beheimatet ist. Das bekannteste Werk dieses Malers ist allerdings in München in der Neuen Pinakothek und trägt den Titel "Der arme Poet". Darauf sieht man einen Literaten, der auf seinem Bett sitzt und in seiner ärmlichen Wohnung an einem Text feilt. Das Dach scheint undicht zu sein, weshalb der Poet einfach einen Regenschirm über dem Bett aufgespannt hat – eine sehr eigenwillige Version eines Himmelbetts. Mit dem Gemälde karikierte Spitzweg das Stereotyp eines mittellosen, weltentrückten Künstlers.

Das Bild ist so berühmt, dass es nicht nur eine Briefmarke davon gab, sondern sogar die Sängerin Madonna das Werk aufgegriffen hat. In ihrem Musikvideo zu dem Song "Holiday" hängt das Werk im Hintergrund, während davor getanzt wird. "Der Kaktusfreund" wiederum hätte perfekt zu einem Schlagerlied der Comedian Harmonists gepasst: "Mein kleiner grüner Kaktus".

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