Florian Slowatas "Pension Josefine"
Höhlenkunst im Hotel
In Hotels, Wohnungen und Museen arrangiert Florian Slotawa das Mobiliar neu – für eine Nacht. Nach dem Beweisfoto erfolgt der Rückbau
Pension Josefine, München, Zimmer18, Nacht zum 5. Juli 1999
Florian Slowata / VG Bild-Kunst, Bonn 2026
Pierre Jarawan
27.02.2026

Als Kind habe ich mit Decken, Kissen und Matratzen leidenschaftlich gern Höhlen gebaut, in denen ich am liebsten dauerhaft gewohnt hätte. Meldeadresse: Deckenburg.

Der zeitgenössische Künstler Florian Slotawa machte etwas sehr Ähnliches, allerdings als Erwachsener. Geboren wurde Slotawa 1972 in Rosenheim und studierte Bildhauerei in Hamburg und München. Bereits in jungem Alter entwickelte er 1998/99 seine Serie "Hotelarbeiten". In diversen europäischen Hotels baute Slotawa mitten in den Zimmern eigene Behausungen. Dafür nahm er das komplette Mobiliar auseinander und benutzte alles, was nicht niet- und nagelfest war.

In der Pension Josefine in München nahm Slotawa zwei kitschige Bilder von der Wand und arrangierte daraus seine Schlafhöhle. Diese Umfunktionierung von Kunst ist fast so frech wie die von dem Künstler Martin Kippenberger, der 1987 ein Gemälde von Gerhard Richter zu einer Tischplatte degradierte.

Florian Slotawa hinterlässt keine Spuren

Slotawa verwendet für seine Hotelinstallationen aber auch abmontierte Türen, umgekippte Schränke oder waghalsig eingedrehte Sessel. Teils erinnern die großen Gebilde in ihrer Statik an einen fragilen Jenga-Turm. Nach dem aufwendigen Aufbau folgte stets das Fotografieren und anschließend der Rückbau, so dass am nächsten Morgen keine Spuren von den künstlerischen Interventionen zu sehen waren.

Florian Slotawa verändert mit dieser Werkserie die Anonymität von Hotels. Durch seine improvisierten Bauten setzt er den meist funktionalen Zimmern etwas Eigenes entgegen – das Hotel wird zur Höhle, zum persönlichen Rückzugsort und Schutzraum. Ich kann mich mit Slotawas Hotelarbeiten sehr identifizieren, denn mit meinem Comedyprogramm über Kunst bin ich in ganz Deutschland auf Tour. Hotels gehören zu meinem Alltag, aber sie sind kein angenehmer Teil, weil ich mich in ihnen nie zu Hause fühle. Deshalb habe ich oft meine flauschigen Hausschuhe dabei, weil sie mir ein Gefühl von Behaglichkeit und Heimeligkeit vermitteln.

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In seinen Arbeiten setzt sich Slotawa immer wieder mit dem Thema Wohnen auseinander. So ließ er zum Beispiel für eine Ausstellung im Kunstmuseum Thun den offiziellen Museumsshop leer räumen. Im nächsten Raum richtete er dann einen eigenen Shop ein, dessen Theke, Regale etc. ausschließlich aus privaten Einrichtungsgegenständen der Museumsdirektorin bestanden. Für andere Werkreihen kreierte Slotawa abstrakte, geometrische Skulpturen aus Ikea-Möbeln oder präsentierte sein eigenes Mobiliar im Schaufenster eines Möbelhauses.

Aber der Künstler verändert nicht nur unsere Wahrnehmung von Hotels, Wohnungen und Museen, sondern auch von Kunst, wie etwa mit seiner Videoreihe Museums-Sprints. Dabei trägt er Sportklamotten und rennt in Rekordzeit durch Museen nach dem Motto: Hab ich gesehen, abgehakt. Mit diesen Performances überspitzt er den hektischen Kunsttourismus, der häufig daraus besteht, schnell Fotos von Meisterwerken zu machen und sofort weiterzuziehen.

Slotawas Werke umgeben durchgehend ein feiner Humor und ein spannender Perspektivwechsel. Seinetwegen verliere ich mich oft in Gedanken, wie ich meine eigene Hotelhöhle baue. Und schon fühlt sich unterwegs jedes Zimmer gemütlicher an.

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