Skulptur: Auguste Rodins "Eva"
Hausverbot im Paradies
Fast 20 Jahre wartete der französische Bildhauer Auguste Rodin, bis er die unvollendete Skulptur 1899 doch als vollendet präsentierte
Auguste Rodin: Eva
Städel Museum, Frankfurt am Main
Pierre Jarawan
29.08.2025

"Mist, was habe ich da nur getan? So lecker war der Apfel nun auch wieder nicht!" Dieser Gedanke scheint Eva durch den Kopf zu gehen. Schamhaft, schuldbewusst und ungeschützt versteckt sie sich vor der Welt. Gleichzeitig sieht die Figur aus, als würde sie sich vorbildlich in die Armbeuge niesen.

Der französische Bildhauer Auguste Rodin zeigt Eva kurz nach dem Sündenfall und der Vertreibung aus dem Paradies – damals eine eher ungewöhnliche Skulptur. Denn Ende des 19. Jahr­hunderts wurde Eva häufig vor dem Sündenfall dargestellt. Sie war meist eine erotische Verführerin, die Adam die verhängnisvolle Frucht andreht wie eine über­engagierte Obst­verkäuferin.

Rodin präsentierte seine Eva 1899 erstmals der Öffentlichkeit, und zwar ohne Sockel, nur mit einer Boden­platte. Was uns ­heute unspektakulär erscheint, war in dieser Zeit eine künstlerische Neuheit. Plötzlich befand sich die Skulptur auf Augen­höhe mit dem Publikum, Eva trat nun als verletzlicher, nahbarer Mensch in Erscheinung, die Kunst stieg von ­ihrem hohen Ross hinab. ­Rodins Eva macht außerdem besonders, dass das Kunstwerk unvollendet und gleichzeitig vollendet ist. Wie kann das sein?

Rodin arbeitete mit einem weiblichen ­Modell, im Werkprozess stellte er jedoch verwirrt fest, dass er bei jeder Sitzung den Bauch der Figur ­anpassen musste. Das Modell wurde immer rundlicher, ­ bis der Bildhauer realisierte: Sie war schwanger. Die Eva-Skulptur blieb unvollendet und stand fast 20 Jahre lang in Rodins Atelier, bis er sich schließlich doch entschloss, sie als vollwertiges Werk auszustellen. Der Bildhauer hatte begonnen, den Reiz im Unfertigen zu erkennen.

""Non-finito" wäre die ­optimale Ausrede für all meine halbfertigen Hausaufgaben gewesen"

Jakob Schwerdtfeger

Zu ­Rodins Zeit war es üblich, dass Skulpturen eine glatt polierte Oberfläche hatten und die dargestellten Körper idealisiert waren – im Prinzip Barbies aus Marmor. Dagegen erinnerte die unebene Metall­oberfläche der Eva eher an einen Hagelschaden. Rodin ging es nicht um Perfektion, er wollte möglichst ausdrucksstarke Kunst schaffen. ­Daher machte er­ seine Arbeits­spuren ­sichtbar und gab einen Einblick, wie das Werk entstanden war. Der Künstler lieferte hier das Making-of direkt mit.

Diesen Fokus auf Andeutung statt Ausformulierung, dieses absichtlich Unfertige nennt man "Non-finito", italienisch für unvollendet. ­Hätte ich das mal in meiner Schulzeit ­gewusst, "Non-finito" wäre die ­optimale Ausrede für all meine halbfertigen Hausaufgaben gewesen. Der berühmte Künstler Michelangelo gilt als ein Vorreiter dieser Technik, denn ­einige seiner Skulpturen weisen bewusst Partien von grob behauenem Stein auf.

Von ­Michelangelo ließ sich ­Rodin auch bei Evas Körperhaltung ­inspirieren. Anfang des 16. Jahrhunderts ­hatte ­Michelangelo in der Sixtinischen Kapelle ebenfalls ­eine Eva gemalt, die ihr Gesicht in der Arm­beuge zu verbergen versucht und reuevoll das Paradies verlässt. Rodin bezieht sich auf die Kunstgeschichte und entwickelt sie zugleich weiter. Seine Skulptur ermöglicht uns einen ­inno­va­tiven Blick auf Eva und ihre Erkenntnis, es ist die ­Vollendung im Unfertigen.

Infobox

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