In einem kleinen Dorf im Schwarzwald wird die Zukunft des Zusammenlebens verhandelt. Und zwar, wie an diesem Februartag, immer donnerstags – bei der Blaskapellenprobe. Immer mehr Autos schlängeln sich in der Abenddämmerung auf der schmalen Fahrbahn zum Gemeindehaus hinauf, das über Waldau thront. Vorbei an der Wiese, die vom Winter ausgelaugt und struppig ist. Vorbei an einem Bauernhof. Der Landwirt hebt die Hand zum Gruß. Vorbei am Friedhof. Die meisten Gräber dort teilen sich dieselben acht Familiennamen.
Gerhard Winterhalder rückt seine Lesebrille zurecht. Feines, silbernes Gestell, in derselben Farbe wie sein Flügelhorn. Er holt tief Luft, hebt das Instrument, setzt es an die Lippen, senkt den Blick und spielt den ersten Ton. Seine Augenbrauen formen sich zu strengen Wellen, die Furche in seiner Stirn wird mit jedem Takt tiefer. Gerhard bereitet den Bässen mit einer Fanfare den Weg – und: Abbruch. Die Bässe haben ihren Einsatz verpasst. "Atlantic Overture" – die Partitur schlägt ein Metronom-Tempo von 108 vor, also Andante, Schritttempo. Die Waldauer spielen es schneller.
Seit 126 Jahren gibt es den Musikverein Waldau. Er hat zwei Weltkriege überlebt, die französische Besatzung des Schwarzwaldes, mehrere Wirtschaftskrisen, die Corona-Pandemie. Seine Musikanten haben Hunderte Stücke eingeübt und sind rund 4000-mal aufgetreten. Wie schafft ein Verein es, zu bestehen, während in ganz Deutschland vom Vereinssterben die Rede ist? Reicht die Musik als Kitt zwischen den Generationen?
Die Waldauer haben ihr eigenes Rezept entwickelt. Aus der Vereinsgeschichte gelernt haben sie dabei etwas über Verantwortung, Rücksicht und Generationenwechsel. Lehren, die das Leben nicht nur im Verein, sondern im ganzen Dorf prägen können.
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