chrismon: Frau Stockmann, wovor haben Sie aktuell Angst?
Pauline Stockmann: Was mir am meisten Angst macht, ist die fehlende Gleichberechtigung auf der Welt und die starke Diskriminierung von so vielen Menschen. Aktuell ist das Ganze zu sehen am Fall von Christian Ulmen und Collien Fernandes.
Warum macht Ihnen dieser Fall persönlich Angst?
Die zunehmende Gewalt gegenüber Frauen bereitet mir große Sorge. Der Fall verdeutlicht, dass Übergriffe und strukturelle Benachteiligung keine Einzelfälle sind, sondern Teil eines größeren gesellschaftlichen Problems. Das macht mir als Frau in dieser Gesellschaft sehr Angst.
Ihr Buch heißt: "Lass mal über Anxiety reden". Warum Anxiety und nicht Angst?
Es ist wichtig, zwischen Angst und Furcht zu differenzieren. Furcht ist die konkrete Bedrohung im Außen, Angst ist das Sorgen im Innen vor einer ungewissen Zukunft. Letzteres meinen junge Menschen heutzutage, wenn sie von Anxiety sprechen. Das Englische hat den Vorteil, zwischen "fear" und "anxiety" zu unterscheiden. Im Deutschen benutzen wir das Wort "Angst" sowohl für "Furcht" als auch für die eigentliche "Angst". Der Rückgriff auf das Englische hilft bei der Unterscheidung.
Was meinen Sie mit "Außen" und "Innen"?
Im Studium haben wir immer über den Säbelzahntiger gesprochen – den ich wirklich noch nie gesehen habe. (lacht) Wenn wir merken, dass hinter uns ein Tiger steht, eine konkrete reale Bedrohung in unserem Umfeld. Bei Angst geht es dagegen um fehlende emotionale Sicherheit.
Pauline Stockmann
Wodurch wird Angst ausgelöst?
Oft wissen wir gar nicht genau, warum wir emotional überfordert sind, warum unser inneres Alarmsystem anschlägt. Das kommt daher, dass wir alle in unserer Kindheit und Jugend Erfahrungen machen, die uns aufgrund der emotionalen Wucht in dem Moment so überfordern, dass wir sie nicht richtig verarbeiten können. Wir spalten sie ab - wir bauen eine Art emotionales Hochsicherheitsgefängnis, weil sie uns sonst durch ihre emotionale Wucht immer wieder in Gefahr bringen würden.
Wenn uns im Hier und Jetzt dann etwas an sie erinnert, schlägt unser Alarmsystem an, um uns zu schützen. Wir können die Angst aber auch nutzen, um uns anzuschauen, was wir nicht verarbeitet haben.
Gab es in Ihrem Leben etwas, das lange zu Angst geführt hat?
In meinem Hochsicherheitsgefängnis waren Momente von Trauer und Verlust, die ich in meiner Jugend nicht verarbeiten konnte. Ein guter Freund, der quasi zur Familie gehörte, ist mit noch nicht mal 17 Jahren verstorben. Für diese tragischen und unfairen Begegnung mit der Endlichkeit war ich in diesem Alter nicht gewappnet. Es hat für mich damals viel verändert. Ich konnte diese bleibende Trauer nicht verarbeiten, also kam sie in mein emotionales Hochsicherheitsgefängnis. Ich bekam lange Zeit Angst, wenn Trauer aufkam.
Wie hat sich das im Alltag geäußert?
Durch starke emotionale Überforderung. Wenn mich Dinge traurig gemacht haben, dann hat mein Alarmsystem aufgrund der unverarbeiteten Trauer angeschlagen. Ich habe deshalb in meinen Zwanzigern ein sehr schnelles Leben gelebt, damit ich bloß nicht anhalte und dann irgendwas Unangenehmes hochkommen könnte.
Und es hat funktioniert, damit die Angst in Schach zu halten?
Nein. Das ist wie mit einer unaufgeräumten Schublade. Die kann zwar zu sein, aber man weiß genau, dass sie da ist und dass der Inhalt nicht aufgeräumt ist, wenn man sie aufmacht. So ist das auch mit unserer Psyche und den Dingen, die wir verdrängen. Anderes Beispiel: Ich vergleiche es immer mit einem Luftballon, den man unter Wasser drückt. Das funktioniert, wenn man sich darauf konzentriert. Aber in dem Moment, in dem man woanders hinschaut, schnellt er nach oben.
So war das auch bei Ihnen?
Ja, so ist das bei jeder Person. In dem Moment, in dem ich angehalten habe, kam all das Verdrängte hoch.
"Der Sinn des Lebens liegt darin, sich kennen- und lieben zu lernen"
Pauline Stockmann
Und wie sind Sie damit umgegangen?
Ich habe die Dinge durchgefühlt – Emotionen zugelassen und sie nicht weggedrückt. Ich habe viel geschrieben. Ich habe mich mit meiner Angst auseinandergesetzt und mich gefragt, in welchen Situationen sie hochkommt und was das über die unverarbeiteten Anteile meiner Vergangenheit aussagt. Man kann die Angst zu einer Wegweiserin umfunktionieren. Angst gibt einem den Impuls, weglaufen zu wollen. Wenn man aber innehält und zuhört, dann erzählt sie einem ganz viel über die Dinge, die man verdrängt.
Ist Ihre Angst jetzt verschwunden?
Angst ist etwas, das man genauso wie alle unangenehmen Gefühle ins Leben integrieren muss. Krisen sind Teil unseres Erlebens als Menschen. Das Leben ist nicht nur Horrido, das Leben ist Trauer und Freude und Liebe und Schmerz und Endlichkeit. Wir müssen die Angst akzeptieren.
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Es klingt so, als bräuchte es sehr viel Zeit, sich mit seiner Angst auseinanderzusetzen.
Zeit und Tiefe. Das ist wie bei jeder anderen Person, die man versucht, zu verstehen. Da braucht man auch Zeit. Man sollte mit sich selbst umgehen, wie man mit einem besten Freund oder einer besten Freundin umgehen würde. Etwas Wichtiges klärt man mit Freundinnen oder Freunden auch nicht in einem schnellen zweiminütigen Telefonat zwischen zwei Terminen.
Wer seiner Angst begegnet, vertieft also die Beziehung zu sich selbst?
Absolut. Ich möchte jetzt nicht zu klischeehaft werden, aber ich glaube, der Sinn des Lebens liegt darin, sich wirklich kennen- und lieben zu lernen, sich authentisch zu zeigen und gesehen zu werden. Dafür bedarf es eines vollständigen Bildes des Selbst. Das besteht nicht nur aus "Wow, das kann ich gut", sondern eben auch aus Anteilen, die Angst haben und unsicher sind, die Schutz und Fürsorge von uns brauchen. Die Angst ist die Einladung dazu, genau diese Anteile kennenzulernen.
"Es ist mutig, unangenehme Gefühle zuzulassen"
Pauline Stockmann
Wer kümmert sich um diese Anteile, bevor wir sie kennengelernt haben?
Da gibt es die Feuerwehrleute und die Managerinnen und Manager. Diese Bilder stammen aus dem Internal-Family-Systems-Modell des Psychologen Richard Schwartz. Das sind beides Schutzmechanismen, die sich um unseren gesunden Kern legen, um die unverarbeiteten Anteile im Exil zu halten.
Der Typ Managerin oder Manager ist die harsche Stimme, die einen dazu anhält, den perfekten Körper zu haben, die perfekte Freundin oder der perfekte Freund zu sein und keine Fehler zu machen. Sie sorgt dafür, dass alles nach Plan läuft, damit nichts Unvorhergesehenes passiert, das unsere Ängste triggert. Und dann gibt es unsere Feuerwehrleute, die kommen, wenn die Managerinnen oder Manager nicht genug vorgeplant haben, und holen uns mit Tatütata aus einer unangenehmen Situation heraus.
Wie sehen diese Feuerwehrleute im Alltag aus?
Alles an impulsivem Verhalten, also Essen, Nichtessen, Doomscrolling, immer unter Menschen sein, immer Fernsehen schauen. Alles, was einen aus dem Fühlen holt.
In Ihrem Buch schreiben Sie, dass man Verständnis für die unverarbeiteten Anteile zeigen soll.
Ja, genau, man kann sich die so ein bisschen vorstellen wie kleine Welpen. Wenn Sie so ein verunsichertes kleines Wesen auf der Straße sitzen sehen, würden Sie ja auch nicht hingehen und es anschreien. Sie würden sich klein machen und versuchen, Vertrauen aufzubauen. Sie würden schauen, was braucht dieser Welpe. Braucht er etwas zu essen, zu trinken, muss er zur Tierärztin? Aber uns selbst wollen wir aus der Unsicherheit schreien. Erst ein liebevoller Umgang führt dazu, dass wir diese Anteile integrieren können.
Was bedeutet es, diese Anteile zu integrieren?
Man kann dann die unverarbeiteten Erfahrungen aus dem Exil holen und mit den erwachsenen Ressourcen und Emotionsregulationsfähigkeiten, die man entwickelt hat, in die richtigen emotionalen Akten wegheften. Dabei merkt man, dass man jetzt der emotionalen Wucht gegenüber, die uns als Kind getroffen hat, gewappnet ist.
Für Sie ist Gleichmut ein Schlüssel im Umgang mit den eigenen Ängsten.
Ich liebe Gleichmut. Es ist mutig, unangenehme Gefühle zuzulassen und nicht wegzudrücken. Gleichmut hilft uns dabei, langfristig das emotionale Hochsicherheitsgefängnis schließen zu können. Wir müssen dann nichts mehr wegsperren, weil uns die emotionale Wucht keine Angst mehr macht. Wir dürfen fühlen. Mensch zu sein bedeutet Krisen erleben. Es geht nicht darum, immer glücklich zu sein. Es geht darum, Vertrauen in die eigene Widerstandskraft zu haben. Darin liegt der Schlüssel, um langfristig gesund und zufrieden zu sein.
Ich stelle es mir schwierig vor, bei so heftigen Emotionen wie Angst gleichmütig zu bleiben.
Ich glaube, das kann man trainieren wie einen Muskel.
Mit welchen Übungen?
Damit den Widerstand rauszunehmen. Kennen Sie den Moment, wenn Sie genervt sind, dass Sie etwas nervt? Das ist Widerstand. Besser wäre es, zu sagen: "Dann habe ich jetzt halt diese unangenehmen Gefühle. Was könnte ich denn heute für mich tun, damit es mir besser geht? Bestelle ich mir eine leckere Pizza, gucke ich nachher meine Lieblingsserie?" Wenn man Widerstand leistet, geht das nicht, weil man damit beschäftigt ist, die Emotionen wegzudrücken.
Der Umgang mit Angst sieht also bei jedem anders aus?
Genau. Wir haben alle ein unterschiedlich gefülltes Hochsicherheitsgefängnis. Deswegen ist es wichtig, dass wir unseren eigenen Weg damit finden. Das bedeutet aber nicht, dass wir in diesem Prozess nicht füreinander da sein können. Man muss das nicht allein schaffen. Wer möchte, darf sich Unterstützung holen. Ich bin felsenfest überzeugt davon, dass die Lösung unserer Ängste darin liegt, einander zu begegnen.

