Besucher betrachten Bilder in der Barnes Foundation in Pannsylvania
Besucher in der Barnes Foundation in Pennsylvania
Bob Krist / Getty Images
Literatur und Malerei
Sehen lernen
Wie können wir die Bilder, die wir in Kirchen und Museen wahrnehmen, wirklich "sehen"? Zum Beispiel, indem wir Gedichte oder Romane über Kunstwerke lesen. Hier einige Empfehlungen
(Berlin) 11.02.16; Dr. Johann Hinrich Claussen, Portraet, Portrait; Kulturbeauftragter des Rates der EKD, Leiter des EKD-Kulturbueros, evangelischer Theologe Foto: Andreas Schoelzel/EKD-Kultur. Nutzung durch und fuer EKD honorarfreiAndreas Schoelzel
17.04.2026
3Min

Es ist nicht nur eine Kunst, ein Bild zu malen. Es ist auch eine Kunst, es zu betrachten. Leider tun wir uns damit zunehmend schwer.

Zu viele Bilder stürzen in zu großer Geschwindigkeit auf uns ein. Da fehlen uns Ruhe und Aufmerksamkeit, ein einzelnes Bildwerk über längere Zeit zu betrachten und zu bedenken.

Wie könnte man das wieder einüben?

Eine Möglichkeit ist, bei Schriftstellerinnen und Schriftstellern in die Schule – die Seh-Schule – zu gehen. Denn viele Gedichte und Romane erzählen von Bildbegegnungen, die die Augen und den Sinn für die Kunst und das Leben öffnen.

Mein Hamburger Kollege, der Theologe Hans-Jürgen Benedict, ist ein großer Bücherleser und Bildbetrachter.

Vor einiger Zeit hat er seine Lese- und Seh-Reisen in einem sehr empfehlenswerten E-Book gesammelt. Es trägt den schönen Titel "Lust an der Beschreibung. Maler und Malerei in der Literatur". Mit etwas Verspätung, aber viel Gewinn habe ich es mir nun vorgenommen.

Benedict stellt sehr unterschiedliche Bücher und Bilder vor:

  • ein Dichter vertieft sich so sehr in ein Landschaftsgemälde, dass es ihm seine verborgene Geschichte erzählt (Goethe zu Ruysdael)
  • ein zeitgenössischer Romanautor macht aus der stillen Widersetzlichkeit eines mit einem Malverbot belegten, antisemitisch eingestellten Malers eine Widerstandsfigur (Siegfried Lenz über Nolde)
  • ein Müßiggänger verliebt sich in eine Frau, weil ihr Gestus ihn an eine Figur von Botticelli erinnert (Proust über Swann und Odette)
  • ein älterer Geschäftsmann schenkt seiner jungen Frau ein Gemälde der Ehebrecherin von Tintoretto, die später das auf dem Bild Dargestellte vollzieht (Fontane, ‚L’Adultera‘)
  • ein lungenkranker Student begründet mit Holbeins Gemälde des toten Christus seinen Nihilismus (Dostojewskij, ‚Der Idiot‘)
  • aus der Widerstandsgeste eines Unterlegenen schöpfen junge Kommunisten in der Nazizeit Hoffnung vor dem Pergamonfries (Peter Weiss, ‚Ästhetik des Widerstands‘)"

und vieles weitere mehr.

Eine literarische Bildbeschreibung, die Benedict in seinem Buch präsentiert, hat mich besonders angesprochen. Das hat natürlich damit zu tun, dass ich selbst ein besonderes Erlebnis mit diesem Bild verbinde. Wir waren vor drei Jahren in Florenz. Zum Glück gibt es in dieser kleinen Kunstwelthauptstadt immer noch Orte, an denen man ohne Gedrängel große Kunst betrachten kann. Man muss nur einmal um die Ecke gehen.

So haben wir den Arno überquert und die kleine Kirche Santa Maria del Carmine aufgesucht. Wir wollten uns die Wandgemälde des frühverstorbenen Renaissance-Genies Masaccio ansehen. Erst waren wir enttäuscht, denn ein Schild wies auf Sanierungsarbeiten hin. Das entpuppte sich aber gleich als besonderes Glück. Die schmale Kapelle war für Forschungszwecke eingerüstet, aber Besucher durften hochsteigen und die Bilder, bei dem man sonst häufig den Kopf weit zurücklehnen muss, ganz entspannt von Angesicht zu Angesicht anschauen. So begegneten wir von größter Adam und Eva in dem Moment, da sie aus dem Paradies vertrieben werden – womit die Geschichte der Menschheit beginnt.

Nun konnte ich bei Benedict nachlesen, wie Goethe dieses Fresko erlebt hat: "Goethe bemerkt, dass der Engel als Bote des Himmels bei Raffael ‚milder vorgestellt‘ ist, nicht drohend und zürnend; vielmehr ‚legt er dem Adam mitleidig die Hand auf die Schulter und drängt ihn mit sanfter Gewalt fort.‘ Dann aber lobt er Masaccios Errungenschaften in seiner Zeit: ‚Das Auge des Beschauers glaubt den Figuren nachzufolgen auf ihrer Flucht und bei ihrem schnellen Forteilen sie zu begleiten.‘ Goethe lobt die Figur des Adam, ‚wo die Malerei mit Freiheit die Natur nachgeahmt und die Fesseln der älteren, trocknen, ängstlichen Manier abgeworfen hat.‘ Bei Eva, so Goethe weiter, ist weniger die Form als der Ausdruck vortrefflich geraten: ‚Jammer und Verzweiflung auf ihrem Gesicht, Gefühl der Nacktheit, der Blöße im ganzen Wesen und Gebärde.‘ Ähnlich bei Adam, der ‚sich vor Scham verbergen möchte‘ und in einer entsprechenden unwillkürlichen Geste ‚mit beiden Händen das Gesicht bedeckt.‘ Die malerische Darstellung der biblischen Geschichte vom Sündenfall ist keine Illustration der Erbsünde, aber sie ist die gelungene Darstellung vom ersten Auftreten von Scham und Schuld in der Menschheitsgeschichte. Goethe schließt bewundernd mit dem Fazit, ‚es sei kaum möglich, die Affekte richtiger anzugeben, in ihrem ganzen Umfange inniger zu empfinden, deutlicher und mit mehr Kraft und Nachdruck darzustellen, als Masaccio es hier wirklich getan hat.‘"

Als ich das las, war ich wieder in Florenz, auf dem Gerüst in Santa Maria del Carmine, Aug in Aug mit Adam und Eva.

Infobox

Das Buch von Hans-Jürgen Benedict ist als E-Book erschienen und kann hier bestellt werden.

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Kolumne

Johann Hinrich Claussen

Auch das Überflüssige ist lebens­notwendig: Der Autor und Theologe Johann Hinrich Claussen reist durch die Weiten von Kunst und Kultur