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Weihnachten hat seine christliche Prägung inzwischen fast abgelegt und ist ein globales, überreligiöses (man könnte auch sagen: unreligiöses) Fest geworden. Entsprechend wird das "Weihnachtsoratorium" von Johann Sebastian Bach von Menschen überall auf der Erdkugel aufgeführt und geliebt. Der Karfreitag dagegen bleibt ein entschieden christlicher Tag, mit entsprechend beschränkter (vielleicht sogar: abnehmender) Reichweite. Entsprechend müssten die Passionsoratorien von Bach weltweit weniger beliebt sein.
Ein Film gibt Anlass, dieses Schnellurteil zu überdenken. Er ist schon elf Jahre alt. Aber als er herauskam, werden ihn nur wenige im Kino gesehen haben – ich gehörte nicht dazu. Nun konnte ich dies mit der freundlichen Hilfe von Netflix nachholen. Nicht nur denen, die keine Karte für eine karfreitägliche "Matthäus-" oder "Johannes-Passion" mehr bekommen haben, möchte ich herzlich empfehlen, es mir nachzutun. Denn "Erbarme Dich! – Die Matthäus Passion", dieser hochmusikalische und hochpoetische Filmessay von Ramón Gieling, lässt einen neu nachdenken über die christliche und globale Bedeutung dieser Musik, ihrer biblischen Quelle und dieses Tages.
Der Film versucht, dieses überreiche Stück geistlicher Musik auf seinen Kern zurückzuführen. Und dies sind existenzielle Situationen von Schmerz, Schuld, Reue, Trauer, Scham, Verzweiflung, Tod. Wer ihnen auf den Grund geht, kommt unwillkürlich zu christlichen Erfahrungen oder zumindest zu religiösen Fragen.
Lesetipp: Was wäre, wenn man Schmerzen mit anderen teilen könnte?
Dazu zeigt der Film, wie ein Dirigent eine gemischte Gruppe aus Berufsmusikern, Behinderten und Obdachlosen zusammenführt und mit ihnen in einer einsamen Kirche das Werk einstudiert und in lebendigen Bildern anspielt. Dabei kommen Einzelne mit ihren je eigenen Geschichten zu Wort.
Der Dirigent, der als Kind von seinem überfrommen Vater eine Gottesvergiftung verabreicht bekam. Die Sopranistin aus Nowosibirsk, die extra Deutsch gelernt hat, um mitsingen zu können. Der kommunistisch-atheistische Tänzer aus Italien, dem sich hier eine neue Welt eröffnete. Der Regisseur, der einen zentralen Hinweis gibt: Große Musik ist traurig, tieftraurig, gerade deshalb hören wir sie wieder und wieder, weil wir in ihr unsere eigenen Traurigkeiten aufgehoben wissen.
Zunächst mag es erstaunen, dass dieser Film ausgerechnet in den Niederlanden geschaffen wurde. Für das traditionelle, streng reformierte Christentum war Bachs Matthäus-Passion eine Oper und darum Teufelszeug. Heute sind die Niederlande das nach Tschechien unreligiöseste Land Europas. Was soll man dort mit lutherischer Theologie und altprotestantischer Frömmigkeit anfangen können? Dennoch ist die Matthäus-Passion – das ergeben jährliche Erhebungen – das mit Abstand beliebteste Werk klassischer Musik.
Der Film legt dar, dass dies gar nicht so erstaunlich ist, wie es zunächst erscheint. Denn die Botschaft dieser Musik ist universell. Sie nimmt unsere Traurigkeit auf und heilt sie. Sie zeigt uns aber auch – wie die sibirische Sängerin sagt –, dass die Geschichte der Menschheit von Neid und Hass getrieben wird. Sie lehrt uns aber auch, zu weinen, gemeinsam zu weinen und uns nach der absoluten Liebe auszustrecken.
Es liegt also kein Widerspruch zwischen der Christlichkeit und der Menschlichkeit dieser Musik, dieser Geschichte und damit dieses Tages: Karfreitag ist ein hoher, tiefer Tag für alle Christen und gern auch für alle Menschen, die traurig sind, von Schuld wissen, Schmerzen mit sich tragen, sterben müssen und mit dem Verlust geliebter Allernächster leben.
Eine besondere Rolle im Film spielt die Arie "Erbarme dich, mein Gott". Dazu erzählt eine Frau die Geschichte ihres Lebens: Ihre Eltern haben sich bei einer Aufführung der Matthäus-Passion kennen- und liebengelernt. Ihr erstes Kind, ein Sohn, nannten sie Matthäus. Zwei Jahre später wurde eine Tochter geboren. 16 Jahre später kam ein drittes Kind zur Welt.
Lange habe sie sich gefragt, warum zwischen ihr und ihren älteren Geschwistern solch ein Altersunterschied bestand, erzählt die längst erwachsene Frau im Film. Irgendwann habe sie ihre Mutter gefragt. Da habe diese ihr gestanden: Sie sei mit 46 Jahren unbeabsichtigt noch einmal schwanger geworden. Sie konnte sich aber nicht vorstellen, in diesem Alter noch ein Kind zu bekommen und hatte sich schon Medikamente für eine Abtreibung besorgt. Dann hörte sie wieder einmal die Matthäus-Passion. Beim "Erbarme dich, mein Gott" sei ihr plötzlich klar geworden, dass sie dieses Kind austragen, zur Welt bringen und zu ihm stehen wollte.
PS: Der Kulturbeutel legt eine Osterpause ein und erscheint wieder am 17. April 2026.

