Vom Sportmuffel zum Sportlehrer
Eigentlich hatte ich mir schon als Kind nichts aus Sport gemacht. Sport, das war damals Fußball, was alle Jungen im Viertel spielten. Ich hatte keine Lust, so herumzutollen, einem Ball hinterherzulaufen. Auch als ich in die Schule kam, änderte sich das nicht. Weder in der Grundschule, noch später bis fast zum Ende meiner Gymnasialzeit bekam ich je eine Urkunde. Ganz im Gegenteil: In der 6. Klasse musste ich mich von einem Lehrer anschreien lassen, weil ich beim Sturz nach einer Übung keine Luft mehr bekam: "Du Memme, steh endlich auf! Markiere hier nicht rum." Meine damaligen Migräneanfälle führte ich auf den Sport zurück, und man stellte mir im Krankenhaus ein Attest für den Sportunterricht aus. So wurde ich ganz davon befreit.
Drei Jahre später meinte ein anderer Lehrer: "Klar, du magst Fußball nicht, aber Laufen kannst du gut. Laufen ist sogar etwas gegen Migräne, und du bist doch sogar recht schnell." Das hatte ich noch gar nicht mitbekommen, hatte ich ja nie gemacht. Ich nahm wieder am Unterricht als rechter oder linker Läufer beim Fußballspielen teil, durfte sogar den Ball zum Sportplatz tragen. Auch wenn ich den Ball beim Spiel selbst so gut wie nie bekam, ich konnte und mochte es halt nicht. Bei den letzten Bundesjugendspielen lief ich sogar schneller als der Sportstar unserer Klasse.
Im späteren Lehramtsstudium als Lehrer für Grund- und Hauptschulen wählte ich dennoch Musik und nicht Sport. Als aber eine spätere Aufstockung namens "Sport für das Lehramt an Realschulen" angeboten wurde, erinnerte ich mich an meinen alten Sportlehrer, der mir am Ende die Begeisterung für die breite Palette sportlicher Bewegungen eröffnet hatte. Ich wurde nun auch selbst Sportlehrer, etwas, was ich mir nie hätte träumen lassen.
Noch immer bin ich aktiv. Anfang Oktober bin ich mit meinen jetzt 81 Jahren wieder einmal Halbmarathon gelaufen. Das größte Sportevent aber war, dass ich vor vielen Jahren einen Staffellauf zwischen den beiden Partnerstädten Bochum und Oviedo in Spanien organisiert habe. Damals war ich derjenige, der 30 Menschen, dabei auch einen Rollstuhlfahrer, dazu bringen konnte, sich für eine solche Strapaze zu begeistern. Und wir haben es geschafft.
Hans-Peter Schmidtke
Elterngespräch mit Folgen
1968 besuchte ich die vierte Klasse Volksschule in einer fränkischen Kleinstadt. Ich erinnere mich noch gut an die Infoschrift "Jedem Kind seine Chance", die zur Anmeldung begabter Kinder an den Gymnasien motivieren sollte. Für mich als Mädchen aus einem Nichtakademikerelternhaus war dieser Schulbesuch jedoch nicht vorgesehen.
Mein Lehrer, Herr Schrötel, bestellte meine Eltern in die Schule ein, und nach diesem Gespräch war klar, dass ich am Gymnasium angemeldet werde. Von 36 Kindern waren wir drei, alles Mädchen, die auf die höhere Schule wechselten.
1977 legte ich mein Abitur ab und studierte Latein, Deutsch und Philosophie – ohne Herrn Schrötel wäre dies und mein Berufsweg als Gymnasiallehrerin nicht möglich gewesen – heute noch bin ich ihm für sein engagiertes Unterstützen dankbar.
Angela Dietrich
"Trau dich zu denken!"
Wer hat an dich geglaubt? Mein Lateinlehrer. "Trau dich zu denken!", hat er oft gesagt.
Trotz sehr guter Noten wollte meine Mutter mich an die Hauptschule schicken.
Das war bekanntes Terrain für sie. Sie hatte Angst, mir nicht helfen zu können, sicher auch vor Entfremdung. Mein Vater, Jurist, war kurz zuvor verstorben.
Beim Informationsabend des Gymnasiums sprach sie mit dem Lateinlehrer. "Und dann will sie auch noch mit Latein anfangen!" Ich kam in seine fünfte Klasse. Das Lernen fiel mir leicht, Latein wurde mein Lieblingsfach. Es öffnete mir neue Horizonte. Nach einem guten Abitur habe ich studiert, und später vier Kinder großgezogen.
Bis heute bin ich dankbar für die umfassende Bildung, die mich geprägt hat.
Und wenn mal wieder einer meiner Schüler im Religionsunterricht mit "Keine Ahnung" antwortet, sage ich: "Trau dich zu denken!"
Gabriele Zill
Vorurteile überwinden
Ich war in der fünften Klasse, als ich zum ersten Mal das Gefühl hatte, dass mir jemand wirklich etwas zutraut. Ich lebte erst seit drei Jahren in Deutschland, war mit meiner Familie aus Kasachstan eingewandert, als Russlanddeutsche. Vieles war noch fremd: die Sprache, die Kultur, die Schule.
Mein Klassenlehrer gab mir zu verstehen: Das, was du machst, ist gut! Er ermutigte meine Eltern, mich für die 7. Klasse der Realschule anzumelden. Rückblickend beeindruckt mich besonders, dass er mir vollkommen vorurteilsfrei begegnete – obwohl sein eigener Vater im Krieg in Russland gefallen war. Diese Offenheit habe ich erst im Erwachsenenalter wirklich verstanden. Mit der Unterstützung auch weiterer Lehrer bin ich heute selbst Lehrerin an einer Grundschule und darf Kinder auf ihrem Weg begleiten. Ich hoffe, dass ich durch ermutigende Worte und durch die Wertschätzung, die ich erfahren durfte, weitergeben kann, was mir mitgegeben wurde.
Inna Miller
Die Arbeit hat sich gelohnt
Meinen Deutschlehrer konnte ich von der ersten Begegnung an sehr gut leiden. Ich hatte seitdem das Gefühl, dass auch er mir stets sehr zugeneigt war. Sein pädagogisches Prinzip war "fördern und fordern". Er traute mir wohl einiges zu, denn in der Oberprima gab er mir das Referatsthema "Thomas Mann, Doktor Faustus" zur Bearbeitung, ein dickes Brett für mich, eine wirklich harte Nuss.
Die Stunde der Wahrheit sollte in der Abiturprüfung kommen. Es war Ende der 1960er Jahre am Geschwister-Scholl-Gymnasium in Düsseldorf. Die mündlichen Prüfungen im Abitur standen an. Für mich im Fach Deutsch hieß es, die guten schriftlichen Vornoten zu bestätigen. Nachdem ich eine Gedichtinterpretation mit Bravour überstanden hatte, wollte mir der Prüfer vom Schulamt noch weiter auf den Zahn fühlen. Er fragte, womit ich mich außerhalb des Unterrichtes noch im literarischen Bereich befasst hätte. Daraufhin berichtete ich von meinem Referat über den Roman von Thomas Mann "Doktor Faustus" und erläuterte die Quintessenz dieses Werkes. Das gefiel offenbar dem Prüfer und er setzte nach mit der Frage, ob ich noch andere Autoren kennen würde, die den Faust-Stoff bearbeitet hätten. Ich nannte natürlich Goethe und nach kurzem Überlegen fiel mir Christopher Marlowe ein, den wir im Englischunterricht behandelt hatten. Mein Englischlehrer als Beisitzer der Prüfung grinste und nickte mir bestätigend zu. Jetzt wollte der Prüfer noch wissen, wann Marlowe gelebt hätte. Das wusste ich nicht, jetzt war Raten angesagt. Mit Pokerface und fester Stimme sagte ich: Er war Zeitgenosse von Shakespeare. Der Prüfer war sichtlich zufrieden. Die Zusatzfrage, wann Shakespeare gelebt hätte, fand er offenbar in diesem Zusammenhang zu trivial und unter dem Niveau der Prüfung – und stellte sie nicht! Ich war erleichtert und gebe zu, dass ich es nicht genau gewusst hätte. Aber die sehr gute Note in der Deutschprüfung war mir trotzdem sicher.
Werner Deuß
Fräulein Hoppe, ein Leben lang unvergessen
Um es gleich vorweg zu sagen: Es war meine Grundschullehrerin. Ich bin 70 Jahre alt und erinnere mich noch heute an Fräulein Hoppe, die mich vier Jahre bis 1965 begleitete und mir später noch schrieb – immer mit der Unterstützung, weiterzulernen. Unter ihren Grundschülern war ich ihr aufgefallen, weil ich die Aufgaben besonders gut ausführte.
Sie gab Religion und besprach Bibelstellen, die ich dann mit großer Freude malte, fast immer als freiwillige Hausaufgabe. Es war mein Lebensglück, denn meine Eltern hatten nicht den gleichen Blick auf mich, waren aber beeindruckt, dass die Lehrerin mich als erfolgreich im Lernen einstufte. Und bis heute habe ich jeden Tag Lust darauf, zu lernen – auch wenn ich mich selbst nicht als besonders intelligent einschätze. Mein Abi habe ich nur mit dem Durchschnitt 3,5 geschafft. Niemals hat es meine berufliche Laufbahn als Bildungsreferentin beeinträchtigt. Es kommt in meinem persönlichen Rückblick darauf an, mit Begeisterung und Lernlust das Leben zu gestalten.
Christine Richter, Lingen
Er hat vor 65 Jahren einen weinendes Kind getröstet
Meine Eltern hatten sich getrennt und mit dem Ortswechsel (von Stuttgart nach Konstanz) und Schulwechsel (von Grundschule aufs Gymnasium) kam ich schlecht zurecht. Meiner Mutter ging es physisch und psychisch schlecht. Wir waren arm.
Wenn ich (13) verheult in den Unterricht kam, richtete mich mein Englischlehrer Herr Zwosta mit einigen Worten und Gesten wieder auf. Ich lege ein Foto bei vom Aufstieg im ersten Schuljahr bei Herrn Zwosta. Das ist 65 Jahre her und bleibt unvergesslich – allein wegen der Ausnahmerolle, die er spielte, und seiner Herzlichkeit, seiner Wahrnehmung.
Johannes Asmus
Der Lehrer ist verstorben, sein Lob lebt weiter
Früher in der Schule war ich einer der Jüngsten und vermutlich der Kleinste
in meiner Klasse. Außerdem war ich ziemlich schüchtern. Eine Kombination,
bei der es mir schwerfiel, ein gesundes Selbstvertrauen aufzubauen.
Unser Mathe-Lehrer war eine Autorität. Ausgerechnet der entdeckte in mir
ein besonderes Talent. Er lobte mich mehrmals vor der versammelten Klasse.
Inzwischen ist unser Lehrer längst pensioniert und verstorben. Aber
sein Vertrauen in mich verleiht mir bis heute auf geheimnisvolle Weise Flügel.
Wolf Warncke
Der Traum hat sich erfüllt
Schon als Kind beobachtete ich Nachrichtensprecherinnen und ahmte sie heimlich nach. Ich nahm Mamas Kamm, stellte mich vor den Spiegel und sprach wie die Moderatorinnen im Fernsehen, immer dann, wenn meine Eltern das Haus verließen. Als ich zwölf Jahre alt war, sagte ich meinem Vater zum ersten Mal: "Ich will Journalistin werden." Er schrie mich damals an. Nicht, weil er mir diesen Wunsch verbieten wollte, sondern weil er große Angst um mich hatte. Er wusste, dass Journalismus in Palästina lebensgefährlich sein könnte.
Lesen Sie hier das Porträt von Sally Abed, einer arabischen Israelin. Und Christin
Doch obwohl meine Eltern besorgt waren, unterstützten sie mich in meiner Entscheidung, Medien und Politik in Deutschland zu studieren, auch als viele Bekannte und Verwandte fragten, warum ich das tun wolle.
Nicht nur meine Eltern glaubten an mich, sondern auch meine Lehrerinnen. Meine Arabischlehrerin fragte immer: "Wie geht’s unserer Journalistin heute?" Wenn ich nicht die volle Punktzahl in einer Prüfung bekam, überprüfte ich die Note mit ihr, und manchmal lag sie falsch! Dann sagte sie scherzhaft: "Pass auf, dass du uns nicht übertriffst, kleine Journalistin!"
Meine Lehrerin im Fach Islamische Bildung nannte mich immer "Die Journalistin von Al Jazeera", obwohl ich dort noch nie gearbeitet hatte. Dadurch machte sie meinen Traum greifbarer. Was damals wie ein Spitzname klang, wurde später Realität. Auf humorvolle Weise wurde mein Traum sogar zum Studienprojekt: Sowohl im Bachelor als auch im Master habe ich meine Abschlussarbeit über die Berichterstattung von Al Jazeera über die Ereignisse in Palästina geschrieben.
Träume können wahr werden – das ist mehr als nur ein Satz, es ist die Leitlinie, die mich seit meiner Kindheit begleitet, vom heimlichen Nachrichtenmoderieren vor dem Spiegel bis heute.
Rita Mahlis
Das Talent erkannt
Vor rund 60 Jahren hatte ich einen damals jungen Sportlehrer, der ausschlaggebend für mein bis heute anhaltendes Interesse an Sport war. Der Leichtathlet erkannte, dass mir als Läufer Kurzstrecken lagen, und regte den Kauf von Laufschuhen mit Spikes an, die jedoch für meine Eltern nicht erschwinglich waren. Daraufhin bemühte er sich mit Erfolg, mir gebrauchte Schuhe zu besorgen – was für mich Weihnachten und Ostern zugleich bedeutete und den Anfang einer sportlichen Laufbahn markierte.
Der Sportlehrer lebt bis heute und ich bin ihm bis heute dankbar für seinen Impuls, der mich bis heute aktiv mit dem Sport in Verbindung hält und auch zur Übernahme ehrenamtlicher Vereinsfunktionen geführt hat.
Erwin Bachmann
Hand in Hand gegen die Stiefmutter
Ich hatte es fast schon vergessen, weil es ewig her ist. Aber manchmal ist es gerade der Unglaube mancher Menschen, der einem Flügel verleiht.
Damals stand ich vor meiner Prüfung zur mittleren Reife und ich gestehe, ich tat mich unglaublich schwer mit dem Lernen. Es wollte einfach nichts in meinem Kopf bleiben. Und wie ich mich so plagte, kam auch noch meine Stiefmutter. Sorry, aber für mich war es wirklich eine Stiefmutter. Sie erklärte mich für sowieso komplett unfähig zum Lernen. Die Mittlere Reife würde ich nie im Leben erreichen.
Das weckte dann bei mir den Kampfgeist. Der würde ich es zeigen! Ich nahm all meinen Mut zusammen und fragte eine ehemalige Lehrerin, mit der ich mich früher nicht so recht verstand, ob sie mir helfen könne. Und auch wenn ich nicht so recht daran geglaubt hatte, war sie bereit dazu. Sie nahm sich sehr viel Zeit und Geduld mit mir und verhalf mir zu einem anderen Denken. So lösten sich all meine Blockaden und es fiel mir plötzlich immer leichter, all die Dinge zu behalten. Zugegeben, es wurden keine Superergebnisse, aber ich schaffte alle Prüfungen und erhielt meine mittlere Reife.
Stolz wie Bolle präsentierte ich die Zeugnisse meinem Vater und meiner Stiefmutter. Ich hatte es geschafft, zwar nicht ganz ohne Hilfe, aber aus eigenem Antrieb. Seitdem weiß ich, dass der Glaube an einen selbst Berge versetzen kann. Wir haben alle eine innere Kraft, man muss sie nur freilassen!
Birgit Conrad
Nur ein kurzer Satz
Mein Berliner Professor hat an mich geglaubt, irgendwie; erst jetzt, 10 Jahre nach seinem Tod, ist mir das aufgefallen – meine Eltern waren zwar immer ein bisschen interessiert, aber an meinen ganz persönlichen (manchmal ja auch eher zufälligen) Weg geglaubt, das haben sie nicht. Ich selbst wahrscheinlich auch nicht.
Mein Professor schon; als ich ihn das letzte Mal sah, erzählte ich ihm, dass ich das Ziel einer jeden Wissenschaftlerin, irgendwann eine Professur zu bekommen, aufgegeben hätte. Und er schaute mich an, damals schon sehr krank, und sagte, das sei aber schade!
Dann habe ich es mir anders überlegt und habe nun seit einem Jahr tatsächlich meine absolute Traumstelle. Sein Foto, auf der Konferenz vor 10 Jahren aufgenommen, hängt immer an meinem Schreibtisch; und ich bin ihm jeden Tag dankbar.
Jutta Toelle
Leseraktion: Wer hat an dich geglaubt?
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