Das Schlimmste waren die "Mittagsschläfchen". Wenn der Vater mit ihr zusammen im Bett lag. Der Vater, den sie so liebte, weil er sich mit ihr beschäftigte - im Gegensatz zur distanzierten Mutter. Aber die "Spiele", die er anbot, dienten seiner Sexualität. Bis heute schämt sich Colette* dafür, dass der Vater das mit ihr tat. Wie gern würde sie diese Scham loswerden. So wie es Gisèle Pelicot gesagt hat im Prozess gegen ihren Ehemann und die zahllosen Männer, die sie unter Betäubung vergewaltigt hatten: "Die Scham muss die Seite wechseln."
Deshalb will Colette, 56, erzählen, was sie als Kind erlebt hat. Dass es Folgen für ihr ganzes Leben hatte. Aber sie will auch erzählen, dass es ein Leben nach dem Missbrauch gibt. Missbrauch eines Kindes meint: Missbrauch der Macht über ein Kind.
Manches in Colettes Geschichte ist sehr besonders, anderes ist typisch für Betroffene von Missbrauch. Und es sind viele betroffen. Die Forschung geht davon aus, dass etwa jede achte erwachsene Person in Deutschland sexuelle Gewalt in Kindheit und Jugend erlitten hat. Wir alle also kennen Opfer. Wir wissen es nur nicht.
Schon der Lebensanfang war schwierig. Colettes Mutter ist Mitte 30, als sie schwanger wird; sie lebt in der französischsprachigen Schweiz, arbeitet als Chefsekretärin, ihr Liebhaber ist ein Wissenschaftler, Anfang 50, verheiratet, mit vielen außerehelichen Beziehungen, wie sich bald herausstellt. Die Mutter bemerkt die Schwangerschaft erst im sechsten Monat.
Der Liebhaber möchte, dass sie abtreibt. Der Vater der Mutter, ein hoher Beamter, fürchtet um den Ruf der großbürgerlichen Familie. Er denkt sich einen Vertuschungsplan aus: Die Tochter soll das Kind im nahen Frankreich zur Welt bringen, zur Adoption freigeben, sich dann angeblich umentscheiden und den Säugling selbst adoptieren - also als wohltätige Frau in die Schweiz zurückkehren und eben nicht mit ihrem unehelichen Kind. So bizarr das klingt, genau so fand es statt; es gibt Urkunden über diese Ereignisse im Jahr 1969.
Colette beschreibt ihre Mutter als verpanzerte Frau. Sie habe nur negative Gefühle gut zeigen können. Colette kann sich noch an die Wutausbrüche erinnern, wenn sie oder Freundinnen Kekskrümel fallen ließen. Sicher, die Mutter war angestrengt vom Leben als Alleinerziehende, und immerhin ermöglichte sie der Tochter Klavierunterricht, Ballett und Reiten. Aber nie habe sie mit ihr gespielt, sagt Colette, sie habe sich nicht für die Gefühle ihres Kindes interessiert. Wenn die Mutter Zeit hatte, saß sie auf dem Sofa und hörte klassische Musik. Colette sollte sich dazusetzen.
Das sei der Nährboden gewesen, auf dem der Vater dann, als die Eltern nach vier Jahren wieder Kontakt aufnahmen, leichtes Spiel hatte, sagt Colette heute. Er der charmante Clown, von allen gemocht, sie das Kind, das sich nach Herzlichkeit sehnte.
Es fing an, als das Mädchen vier oder fünf war. "Wir waren im Skiurlaub. Ich war im Bett meiner Eltern. Mein Vater war auch drin. Es gibt ein Foto, darauf habe ich eine Puppe in der Hand, und ich kann mich erinnern, dass irgendwas Sexualisiertes mit der Puppe passiert ist. Mama kam zurück und hat uns fotografiert." Immer habe er mit ihren Puppen und Plüschtieren Sex gespielt - die Barbiepuppen aufeinandergelegt, Bewegungen gemacht und Geräusche. Und immer sollte sie sich für ihn ausziehen.
Die Gespräche mit Colette über das, was damals geschah, finden am Telefon statt, oft abends, auch mal in ihrer Wohnung. Fotos und Dokumente wandern von Rechner zu Rechner. Colette gibt auch die Kontaktdaten ihrer Tochter und ihres Mannes frei für Gespräche. Es ist ein Austausch über Monate.
Gleich am Anfang sagt Colette: "Ich bin zum Glück von meinem Vater nicht im herkömmlichen Sinn vergewaltigt worden." Also nicht penetriert. Aber benutzt für seine sexuellen Interessen. Er masturbierte vor ihr, sie sollte mit Taschenlampe unter der Bettdecke zusehen. "Und dann hat er mich auf sich gezogen und mich an sich gerieben. Er hat mich wie einen Gegenstand benutzt." Sie ist zunächst neugierig, auch fasziniert, dann ekelt sie sich, bekommt Angst, ist verstört.
Der Vater behauptet, das sei alles ein Spiel. Das verwirrt sie. Das ist eine bekannte Strategie von Tätern: das Vertrauen der Kinder in ihre eigene Wahrnehmung zu schwächen. Von solcher Manipulation durch Täter (und manchmal auch durch Täterinnen) haben unzählige Betroffene der Aufarbeitungskommission in den vergangenen Jahren berichtet. Die heißt offiziell "Unabhängige Kommission des Bundes zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs".
Was half gegen die Verzweiflung?
Bei vielen Kindern und Jugendlichen führt sexueller Missbrauch zu Veränderungen, die einem aufmerksamen Umfeld auffallen könnten. Es gibt keine eindeutigen Zeichen, aber eben Veränderungen. Auch Colette verändert sich.
Sie hat als Kind zeitweise extreme Kopfschmerzen; dann leidet sie an Verstopfung, fast bis zum Darmriss, erinnert sich Colette, vermutlich weil sie sich nicht zu entspannen wagte; und wenn der Vater jedes zweite Wochenende zu Besuch kam und die Eltern sie gemeinsam von der Schule abholten, rannte das Mädchen an ihm vorbei und rief lauthals: "Du bist nicht mein Vater! Ich habe keinen Vater." Die Mutter fragte wohl mal, aber forschte nicht weiter nach, als das Kind nicht antwortete. Oder das Mädchen versuchte, dem Vater die Pyjamahose runterzuziehen - schließlich wollte der Vater auch sie immer nackt sehen und anfassen. Auch das fand die Mutter komisch, ließ es aber auf sich beruhen.
Das ist die doppelte Traumatisierung, wie die Forschung heute weiß: Erst wird das Kind missbraucht, und danach hilft ihm niemand. "Je schneller Kinder Unterstützung bekommen, desto eher können Kinder davon auch wieder genesen", sagt Ulli Freund, Expertin für Prävention. "Wir können Missbrauch nicht komplett verhindern. Aber wir können dafür sorgen, dass Menschen, die das erleben mussten, trotzdem ein glückliches Leben haben. Das heißt, dass schnell geholfen wird, dass sie erfahren, dass sie nichts dafür können, dass sie ihren Wert nicht verloren haben, dass sie geliebt werden."
Lesetipp: Von den Eltern spirituell missbraucht
Was half Colette gegen die völlige Verzweiflung? Sie hatte zwar viele Freundinnen, aber denen etwas über den Missbrauch sagen? Niemals! Es war doch strikt verboten, was sie mit dem Vater "spielte", das war ihr klar. Sie fühlte sich schuldig. Niemand durfte das wissen!
Manche Kinder vertrauen sich einem Kuscheltier an, haben vielleicht ein Haustier, andere stellen sich imaginäre Freunde vor oder einen Schutzengel, der noch Schlimmeres verhindert. So hat es die Aufarbeitungskommission in den mittlerweile rund 3000 Anhörungen und schriftlichen Berichten von Betroffenen erfahren. Was half nun Colette? Sie hatte ein Pferd, eine Stute, sehr scheu. "Malachit hat mir das Leben gerettet. Sie lebte ganz hinten in dem Reithof mit bestimmt 50 Pferden; aber wenn ich vorn das Tor durchschritt und ihren Namen rief, hat sie gewiehert."
Etwa mit elf Jahren bekam das Mädchen die erste Menstruation. Der Vater ging mit der Tochter essen und gab Champagner aus. Ab da ließ er sie in Ruhe. Zumindest sexuell. Als Colette zweimal die Klasse wiederholen musste, beschimpfte er sie: Sie sei faul, tauge nichts, werde als Putzfrau enden. Als sie, gerade volljährig, mit ihrem älteren Freund nach Deutschland zog und dort Abitur machte, nannte er sie eine Hure.
Die Mutter hatte selbst sexuelle Gewalt erlebt
Zwischen etwa 12 und 19 Jahren "vergaß" Colette, was gewesen war. Aber 1988, sie hatte gerade zu studieren angefangen, wurde sie am helllichten Tag von Albträumen überfallen, von Flashbacks: Sie erinnerte sich an die schrecklichen Missbrauchsszenen. Allen erzählte sie davon, nur nicht ihrem Vater. "Die ganze Welt sollte wissen, dass er kein brillanter Wissenschaftler war, sondern ein elender, macht- und sexgeiler Mann."
Auch der Mutter erzählte sie, voller Scham, von den "Mittagsschläfchen". Die Mutter war fassungslos, erinnert sich Colette. Sie habe gesagt: "Wie konnte ich das nicht bemerken! Ich habe ihn geliebt und ihm vertraut, er hat das ausgenutzt. Eigentlich hat er mich nicht geliebt."
Vielleicht war es damals, dass die Mutter erzählte, dass auch sie als Kind sexuelle Gewalt erlebt hatte. Die Mutter war eines von fünf Kindern in einem großbürgerlichen Haushalt. Sie saß beim Mittagessen neben dem Mann der Haushälterin, ihr gegenüber die Eltern. Der Mann habe ihr unter dem Tisch seinen Finger in die Scheide gebohrt, es tat weh, aber da die Eltern nichts sagten, dachte sie, das müsse normal sein. "Ich glaube, meine Mutter hat das überhaupt nicht verarbeitet", sagt Colette heute, "sie hat immer gedacht: Ach, so schlimm ist das nicht."
"Meine größte Angst war, wahnsinnig zu werden"
Colette
Die Mutter stellte Colettes Vater nie zur Rede. Colette selbst hätte solch eine Konfrontation erst mit 50 Jahren geschafft. Doch der Vater starb, als sie Mitte 30 war. Was hielt sie ab? "Wissen Sie", sagt sie, "wenn man missbraucht wird, wird man total gedemütigt, man schämt sich bis zum Boden. Eine zusätzliche Demütigung hätte ich nicht ertragen. Denn wahrscheinlich hätte er so was gesagt wie: Du bist ja völlig verrückt, du gehörst in die Klapsmühle."
Er sei sich keinerlei Schuld bewusst gewesen, sagt Colette. Und sie, sie verdrängt alles immer wieder - "ich mochte ihn ja trotzdem" - und besucht ihn in ihren Zwanzigern gelegentlich, auch mal mit ihrem damaligen Freund. Der machte ein Foto: Da sitzt Colette neben ihrem Vater, hat lachend den Arm um seine Schultern gelegt, und hinter ihnen an der Wand sieht man pornografische Bilder, die der Vater malte, seit er in Rente war - Frauen mit übergroßen blanken Busen und übergroßen blanken Popos an einem Strand.
Lesen Sie hier: Er mag Kinder zu sehr und will nicht zum Täter werden
Bald nach den Flashbacks mit 19 beginnen die Panikattacken in geschlossenen Räumen. Urplötzlich, in der U-Bahn, bekommt die junge Frau Herzrasen, wird überflutet vom Gefühl, in diesem Moment zu sterben. Raus, nur raus! Es ist ein enormer Kraftakt, trotzdem im Studium mit anderen in einem Raum zu sitzen. Sie macht eine Verhaltenstherapie, erzählt dort auch von dem Missbrauch, aber weder sie noch die Therapeutin sehen einen Zusammenhang zwischen dem Missbrauch früher und den Ängsten heute. Die Therapeutin fährt mit ihr U-Bahn, bis sie diese Fahrten aushalten kann.
Colette wird Kostümbildnerin, arbeitet an großen deutschen Theatern, hat Personalverantwortung. Und entwickelt neue Ängste: eine Sozialphobie. Wenn sie vor großen Teams Ansagen machen muss, wird sie fast ohnmächtig - dass alle sie anschauen, sie den Blicken ausgeliefert ist. "Das fühlte sich an wie auf einem Schiff, wo man jegliche Kontrolle verloren hat. Komplett gestresst. Meine größte Angst war, wahnsinnig zu werden."
Damals hatte sie auch ständig das Gefühl, von der Welt abgeschottet zu sein. "Ich fühlte mich wie hinter einer Glasscheibe. Es war alles so dumpf." Erst heute weiß sie, dass man das "Dissoziation" nennt. Eine Reaktion der Seele auf unaushaltbare Erinnerungen und Erlebnisse. Colette macht immer mal wieder eine Therapie. Mal mit Hypnose, mal tiefenpsychologisch, mal verhaltenstherapeutisch. Mal wegen der Ängste, dann wegen ihrer maßlosen Wut auf die Eltern, wegen ihrer Daueranspannung . . . Es hilft ein bisschen.
Ein Besuch bei Colette zu Hause. Eine Wohnung in einem großstädtischen Neubauviertel, ein himbeerrotes Sofa, daneben ein leuchtend blaues Regal, der Balkon geht zu einem großzügigen Innenhof. Colette schließt die Balkontür. Muss ja nicht jeder mithören. Sie ist schmal und zierlich, wirkt aber kraftvoll. Sie hat ein lebhaftes Gesicht. Manchmal sieht sie wie ein junges Mädchen aus.
Eigentlich kann Colette heute nicht. Morgens ist die Mutter in ihrer Wohnung in der Schweiz gestürzt, nun liegt sie im Krankenhaus und weiß nicht mal mehr ihren Namen. Colette setzt sich in den bunten Sessel am Couchtisch und erzählt, immer mal wieder unterbrochen von Schluchzen. Die Mutter ist 90, sie wiegt nur noch 35 Kilo. Die Tochter kümmert sich um alles, mal aus der Ferne, mal vor Ort. Colette will am Abend zu ihr fliegen.
Wie, sie kümmert sich um diese Mutter, die sie nicht geschützt hat? "Ich habe ihr verziehen. Ich sehe, wie bedürftig sie ist. Es freut mich, dass ich ihr eine Liebe und Hilfe geben kann, die sie mir nicht gegeben hat." Dann fällt ihr auf: "Eigentlich fühle ich mich seit meiner Kindheit wie ihre Mutter. Ich glaube, sie empfindet das auch so. Neulich beim Arzt ist ihr ein Lapsus unterlaufen, sie bezeichnete mich ihm gegenüber als ihre Mutter."
Die Mutter sei weicher geworden, nun, auf der Zielgeraden. "Als ich beim letzten Mal ankam, wollte sie zur Begrüßung aus ihrem Sessel aufstehen. Ich sagte: ‚Bleib sitzen, ich umarme dich so.‘ Aber sie sagte: ‚Nein, ich will aufstehen und dich spüren.‘" Da kamen Colette die Tränen.
Hat die Mutter nie was gemerkt?
Sie schaut auf ihr Handy - ihr Mann hat ihr ein paar Direktflüge am Abend rausgesucht. Jan, ein paar Jahre älter als sie, seit zehn Jahren sind sie verheiratet. Beide haben eine Tochter aus früherer Ehe. "Er ist ein reizender, sehr liebevoller Mann." Sie führen eine innige Beziehung mit viel Austausch, sagt Colette. Aber seit einem schweren Herzinfarkt veränderte er sein Leben, er hatte ein neues Bedürfnis nach Lebendigkeit, begeisterte sich bei einer Wanderung für die raue Natur der Bretagne. Sie kauften ein Häuschen dort, er pendelt seitdem, sie ist meist in der Großstadt, hier hat sie ja auch ihre Arbeit als Kostümbildnerin.
Beide mühten sich, damit zurechtzukommen, dass sie sich viel seltener sehen, begannen eine Paartherapie, beide deuten an, dass auch er ein Päckchen zu tragen habe. Aber nun hat er eine Lebensgefährtin vor Ort in Frankreich. Colette sagt: "Wenn es sein Glück ist, dann soll er glücklich werden. Nur ist es nicht mein Glück. Dann ziehe ich mich zurück. Ich brauche Abstand, ich möchte ihn nicht sehen." Jan ist zwar gerade in der Stadt, wohne aber bei Freunden. "Nun bombardiert er mich mit Geschenken und mit Mails, dass er mich liebt, dass er ein Leben lang mit mir zusammenbleiben möchte. Es ist eine sehr verwirrende Situation. Und ausgerechnet das jetzt mit meiner Mutter . . ."
Lesetipp: Wie funktioniert die Aufarbeitung von sexueller Gewalt?
Dann erinnert sie sich, dass sie alte Fotos herausgesucht hat. Darauf gut zu erkennen: Colette sieht ihrem Vater sehr ähnlich. Auf einem Foto, vielleicht ist sie da fünf, sitzt sie auf der Bettkante, neben sich aufgereiht Stofftiere und Puppen, auch Bären in mehreren Größen. Wenn der Vater zu Besuch war, durfte sie sich in einem großen Spielzeugladen aussuchen, was immer sie wollte. Wahrscheinlich habe er sich damit ihr Schweigen erkaufen wollen, sagt Colette. Ein weiteres Foto: Colette, vielleicht sieben, im Bikini auf dem Arm des Vaters - " wenn ich das sehe, meine nackte Haut an der nackten Haut meines Vaters, habe ich ein ganz ungutes Gefühl; da ist vorher auch irgendwas passiert". Sie bringt weitere Fotos, auch Dokumente, zwischendurch bucht sie schnell den Flug zu ihrer Mutter.
Hat die Mutter denn nie was gemerkt? Einmal kam die Mutter bei so einem "Mittagsschläfchen", als der Vater das Kind an sich rieb, unerwartet rein und fragte: "Alles in Ordnung?" Der Vater nahm das Kind schnell von sich runter und legte es neben sich. "Wir hatten beide Angst, dass sie irgendwas bemerkt hat. Ich wusste, es ist etwas Verbotenes." Vielleicht war die Mutter zu verpanzert, um etwas mitzukriegen, überlegt Colette. "Aber eigentlich muss sie es bemerkt haben, sie wollte es wohl nicht wahrhaben."
"Das Traumatische war der extrem große Verrat"
Colette
Colette war als Kind oft bei den Großeltern, machte dort in den Armen des Großvaters Mittagsschlaf - und merkte: "Das ist Liebe pur, es ist nicht ambivalent, er zeigt mir nicht seinen Penis." Aber sie war so ausgehungert nach Aufmerksamkeit und Liebe, dass sie sich immer wieder auf ein Spiel mit ihrem Vater einließ - und dann entsetzt merkte, dass es kein gutes Spiel war. "Das Traumatische war der extrem große Verrat. Dass mein Vater meinen Hunger nach Aufmerksamkeit und Liebe ausgenutzt hat. Dass er mir meine Kindheit gestohlen hat, meine Sorglosigkeit, meine Ruhe, einfach meine Freude." Sexualität war für sie später lange Zeit mit Ekel verbunden und vor allem mit Scham.
War der "Mittagsschlaf" vorbei, ging der Vater mit dem Kind zur Mutter, als ob nichts passiert wäre. "Mein Vater hat meine Mutter geküsst und mich auf den Schoß genommen. Ich war glücklich, dass mein Vater mich liebte in diesen Momenten der Pseudonormalität." Alles andere war dann vergessen. Deswegen war sie jedes Mal überrumpelt, wenn es wieder passierte. Das Grauenvolle. Das der Vater als Spiel darstellte.
Es ist typisch, dass Täter ihre Übergriffe als etwas anderes ausgeben - zum Beispiel als Zärtlichkeit oder als vom Kind gewollt. Das Kind verzweifelt dann an seiner Wahrnehmung und an seinen Gefühlen. Diese Verwirrung führt meist zu schweren Angstzuständen. Das ist eine der Erkenntnisse der deutschen Aufarbeitungskommission aus den vielen Gesprächen mit Menschen, die als Kinder oder Jugendliche sexuellen Missbrauch erlitten haben. "Seitdem schüttet mein Körper Stresshormone aus - ein Wunder, dass ich noch keinen Herzinfarkt hatte", sagt Colette.
Aber wenn sie dauernd innerlich so alarmiert ist, wie kann sie ihren anspruchsvollen Beruf ausüben? "Man überwindet sich", sagt sie, "ich habe einen extrem starken Willen." Und schließlich ist eine Person, die Opfer wurde, nicht nur Opfer - trotz der weitreichenden Beschädigungen. Vielleicht hat sie viele Freundschaften, ist kreativ, so wie Colette. Nicht wenige Betroffene üben später hoch qualifizierte Berufe aus. Andere wiederum sind gesundheitlich so angeschlagen, dass sie keine Ausbildung vollenden können oder sich früh berenten lassen müssen. Mit viel Mühe können sie sich "ein kleines, feines Leben" aufbauen, wie der Titel des Handbuchs für Traumaopfer von Sarah Frischke lautet, die selbst betroffen ist.
"Niemand hat das Recht, dich anzufassen"
So ist es auch mit Elternschaft: Manche Missbrauchsbetroffene fühlen sich psychisch nicht belastbar genug für ein Kind, können keine körperliche Nähe ertragen oder machen sich große Sorgen, dass sie Unheilvolles aus ihrer Geschichte unbewusst weitergeben könnten. Wieder andere sind überzeugt davon, alles ganz anders machen zu können als die eigenen Eltern. So eine ist Colette. Mit 29 ist sie glücklich schwanger, mit Clara. Allerdings hat sie große Angst davor, bei der Geburt die Kontrolle abgeben zu müssen. Mit einer vorbereitenden Körpertherapie ging es "einigermaßen", sagt sie, es dauerte aber sehr lang von der ersten Wehe bis zum Ankommen des Kindes - 28 Stunden.
Ihr Vater ist nun also Großvater geworden. Seine Ehefrau ist da schon lang tot, er hat neue Partnerinnen. Er darf sein Enkelkind sehen, aber als Colette ihrem Töchterchen die Windel wechseln muss, sagt sie zu ihrem Vater: "Ich will sie nicht wickeln, wenn du da bist, geh weg." Er habe das nicht kommentiert.
Lesen Sie hier: So können Opfer von Gewalt Entschädigung bekommen
Die junge Mutter will ihr Kind stärken und gegen Übergriffe wappnen. Etwa so sprach sie zu Clara: "Du darfst immer Nein sagen. Niemand hat das Recht, dich anzufassen, wenn du es nicht willst. Auch Papa nicht, auch ich nicht."
Inzwischen ist Clara 26. Zu einem Treffen kommt sie direkt von der Uni mit dem Rad, eine allseits interessierte, muntere junge Frau. Clara bewundert ihre Mutter. "Sie war immer eine extrem gute Mutter. Sie ist so stark! Sie hat sich nicht unterkriegen lassen. Ich habe den Eindruck, sie ist inzwischen unkaputtbar." Clara hatte schon mit neun Jahren das Gefühl, dass ihrer Mutter in der Kindheit was passiert ist. Mit zwölf habe sie es dann offiziell von der Mutter erzählt bekommen.
"Ich hab oft Ja gesagt, obwohl alles in mir Nein geschrien hat"
Clara
Ja, die Mutter habe ihr gesagt, dass niemand sie anfassen dürfe, wenn sie das nicht wolle. "Aber ich habe erst vor ein paar Monaten wirklich gecheckt, was das bedeutet. Ich habe mich schon oft anfassen lassen, obwohl ich es nicht wollte. Ich dachte: Okay, ich geb dir Sex, du gibst mir Liebe und Selbstwert. Ich hab oft Ja gesagt, obwohl alles in mir Nein geschrien hat. Es gab viele Situationen, auf die ich hätte verzichten können. Zum Beispiel betrunken mit Männern wegzugehen."
Sie war davon überzeugt, dass sie nichts wert sei, dass sie sich schämen müsse. Erst seit kurzem, auch mit Hilfe einer Therapie, entwickle sie wieder Selbstbewusstsein. Aber wie kann das sein, dass sie sich für wertlos hält? Clara denkt, dass es ein "gesellschaftliches Problem" sei, dass sich viele Frauen wertlos fühlten.
Ihre Mutter dagegen überlegt: "Ich glaube, dass Clara etwas von mir wiederholt hat, bevor ich es verarbeitet hatte. Sich so beschämt und dreckig zu fühlen, dass man sich nicht traut, Nein zu sagen. Mit meinem Vater habe ich erlebt: Um geliebt zu werden, musste ich bestimmte Sachen über mich ergehen lassen." Dazu habe sie viele Jahre nur ein geringes Selbstbewusstsein gehabt - "ich fühlte mich so klein wie eine Ameise". Und Kinder lernen weniger das, was sie von den Eltern gesagt bekommen, als was sie von den Eltern wahrnehmen.
Erst die letzte Therapie, vor fünf Jahren, da war sie bereits 51, habe sie wirklich weitergebracht, sagt Colette. Eine Traumatherapie. Die tiefenpsychologische Therapeutin arbeitet auch mit EMDR, Eye Movement Desensitization and Reprocessing. Bei dieser Methode bewegt die Therapeutin die Hand vor dem Gesicht der Patientin hin und her, die Patientin folgt mit den Augen und stellt sich dabei die traumatischen Szenen vor. Es passiert dabei im Kopf so etwas wie eine Integration des Unbewältigten. Die Erinnerung ist dann nicht weg, aber sie belastet nicht mehr so stark.
Colette wollte diese Konfrontation mit dem Trauma möglichst schnell machen. Nein, sagte die Therapeutin, erst müsse Colette umfassend stabil sein. Es gibt Menschen, die zu früh in eine Erinnerung an das Trauma genötigt wurden und dann stundenlange Krampfanfälle erlitten, das konnte bis zur Erwerbsunfähigkeit führen. Ohnehin ist nicht für jede Person eine Konfrontation mit den traumatischen Erlebnissen hilfreich, sagt die renommierte Ärztin und Traumatherapeutin Luise Reddemann. Viele Betroffene erreichten eine gute Lebensqualität dadurch, dass sie ihre Symptome zu kontrollieren lernen, etwa die Angstattacken.
Lesetipp: Anetas Ehemann hat sie fast umgebracht
Colette war genervt, denn die Therapie zog sich über zwei Jahre. "Ich war voll im Effizienzmodus." Aber dann merkte sie doch, wie hilfreich all die Übungen sind, um sich selbst zu beruhigen und zu trösten. Zum Beispiel die "Tresorübung": Da schließt man eine grauenvolle Erinnerung in der Fantasie in einen Tresor, am besten in einen mit vielen Nummern und vielen Schlössern. Colette half auch die Vorstellung, sie habe einen unsichtbaren Overall an, der sie schütze vor allem Bösen.
Wie sie mit ihrer körperlichen Daueranspannung umgehen kann, hat sie schon früher herausgefunden: durch Bewegung. Sie läuft Halbmarathons. "Ich bin in so einer ewigen Wachsamkeit, ich habe so viel Adrenalin in mir, das muss ja raus." Und sie macht Atemübungen. Damit sie nicht die Luft anhält wie in Todesangst.
Und endlich machte die letzte Therapeutin mit ihr die Konfrontation mit dem Trauma: Sie sollte sich auf einem imaginären Bildschirm vorstellen, wie ihr Vater sich mit ihr wie mit einem Gegenstand befriedigte - und dann sollte sie die Szene ändern. Bei einer dieser Übungen schrumpfte sie den Vater. Sie sah, wie mächtig sie war und dass der Vater Angst vor ihr hatte. "Er ist aus Angst vor mir geflüchtet", sagt sie, noch heute mit Triumph in der Stimme.
Die Mutter stirbt
Eine Mail aus der Schweiz, wo Colette seit Wochen der Mutter beisteht, die seit ihrem Sturz immer schwächer wird. "Mir geht es schlecht. Meine Mutter möchte sterben mit Hilfe des Vereins Exit." Und dann, zwei Wochen später, diese Nachricht: "Meine Mutter ist heute Morgen von dieser Welt gegangen. Wir könnten nächste Woche telefonieren."
Hörtipp: Im Podcast "Über das Ende": Wie erlebt man einen attestierten Suizid?
So geschieht es, an einem Tag zwischen Einäscherung und Trauerfeier. Colette sprudelt: "Es ist so viel passiert! So viel Schönes, so viel Zärtlichkeit. Es war Liebe in beide Richtungen, ich bin sehr glücklich, das miterlebt zu haben." Auf einmal Schönes mit der so distanzierten Mutter, auf einmal Liebe? "Die Vergangenheit war mir in den letzten vier Wochen egal, ich wollte für meine Mutter da sein", sagt Colette, "ich habe sie als Kind ja trotzdem geliebt; und sie hat es mich jetzt spüren lassen, dass sie mich auch liebt."
Die Mutter habe viel von ihrer eigenen Kindheit erzählt, auch dass sie sich von den Eltern ungeliebt gefühlt habe: Die Mutter der Mutter sei mit den fünf Kindern überfordert gewesen, ihr Mann hatte laufend Affären, und gekuschelt wurde nur mit dem Bruder. Zuletzt sagte die Mutter auch oft: Ich denke immer noch an die Geschichte mit deinem Vater ..." Colette beendete das Thema jedes Mal: "Es ist vorbei! Guck, wie gut es mir jetzt geht!" Sie wollte nicht, dass die Mutter sich mit Schuldgefühlen quälte.
Jetzt ist Colette in der Wohnung der Mutter, bereitet die Bestattung vor, geht die Schränke durch - und findet Briefe, die sie erschüttern. Wie sehr der Großvater ins Leben der Mutter hineinregiert hat, wie er sie nötigte, die letzten Schwangerschaftsmonate im Ausland zu verbringen, damit der Ruf der Familie nicht beschädigt werde. Wie sehr die Mutter mit Colettes Vater gekämpft hat, damit er zahlt, damit er Verantwortung übernimmt. "Mein Vater war ein Luftikus, ein rückgratloser Charakter, ein schwacher Narziss", sagt Colette.
Auch ein bestürzendes Bild findet sie, sie hat es als Siebenjährige mit Bleistift gezeichnet. Eine Frau und ein Mann mit ihren Genitalien. Die Frau hat Lippen und Klitoris, der Mann einen Penis mit freiliegender Eichel. Aus beiden Genitalien tropft es. "Meine Mutter hat auf das Bild einen Kommentar geschrieben, auf Französisch: ‚Folge einer sexuellen Initiation von Colette durch Leon.‘ Sie hat nicht éducation, also Aufklärung, geschrieben, sondern initiation, also Einführung. So wird es ihr mein Vater erzählt haben, und sie hat nicht nachgeforscht. Es ist so abgefahren, dass meine Mutter dieses Bild behalten hat! Dass sie mich nie darauf angesprochen hat! Sie hat es nie ernst genommen."
Lesetipp: Wie geht man mit Gerüchten über häusliche Gewalt um?
Man muss wohl so sagen: Der Vater hat das Kind missbraucht, weil er es tun konnte. Es gibt keine einheitliche Täterpersönlichkeit. Aber, so fasst Kerstin Claus, die Bundesbeauftragte gegen sexuellen Missbrauch, die Gemeinsamkeit auf ihrer Website zusammen: "Als ein wesentliches Motiv gilt in vielen Fällen der Wunsch, Macht auszuüben und durch die Tat ein Gefühl von Überlegenheit über eine Person zu erlangen." Die meisten missbrauchenden Täter leben ihre Sexualität auch mit Erwachsenen aus, nur wenige sind auf Kinder fixiert.
Die Asche der Mutter wird über dem Genfer See verstreut, und Colette kehrt zurück in ihr Leben in Deutschland, sie muss sich sputen, die Kostüme für die nächste Theaterproduktion zu entwerfen. Colette und ihr Mann Jan sind weiterhin per Mail in Kontakt, haben ihren Paartherapeuten angetrommelt, haben noch Hoffnung. Aber die zerschlägt sich. Jan ist überwiegend in der Bretagne und oft unterwegs mit seiner "Gefährtin", so erzählt er es am Telefon. Er mag nicht allein sein, und Colette gehe doch nichts ab, sie vertraue ihm einfach nicht. Darüber kann Colette nur den Kopf schütteln. "Für eine so innige Beziehung, wie wir sie haben, braucht es Exklusivität."
Er hofft noch, dass sie einander liebevoll verbunden bleiben. Da zieht sie einen Schlussstrich und bittet ihn, seine Sachen aus der Wohnung zu holen. Weil er nicht eingegangen sei auf ihren Wunsch, eine Paartherapie zu machen und solange keine Nebenbeziehung zu führen. "Es ist sehr, sehr bitter. Gestern hätte ich kein Wort ohne Weinen herausgebracht." Wochen später: Es geht ihr besser. "Weil ich nicht mehr hoffe. Ich habe anerkannt, dass es mit meinem Mann vorbei ist. Aber wir behalten alles Finanzielle und Administrative wohlwollend bei. Und ich beginne zu ahnen, wie schön es ist, frei zu sein."
Sie hat einen Kurs für Stimmbildung und Singen angefangen. Weil sie möchte, dass ihre Stimme gehört wird. Durch das tiefe Atmen beim Singen kämen viele Gefühle hoch, erzählt sie. "Ich habe Angst, mich auszudrücken. Aber ich darf mich ausdrücken! Ich darf sprechen!" Und dann dankt sie dafür, dass sie hier angehört wurde. "Das ist heilend."
Was meint sie, ist das Trauma jemals vorbei, jemals ausgestanden? "Fragen Sie mich, wenn ich 90 bin", sagt Colette und lacht. "Man kann das Geschehene nicht ungeschehen machen. Man kann damit immer besser leben. Aber es bleibt immer ein Schmerz."
*Alle Vornamen sind geändert.
Wichtig zu wissen
Aufarbeitung
Jede von Missbrauch betroffene Person kann der Aufarbeitungskommission ihre Geschichte in geschützter Atmosphäre erzählen - per Video oder in einer von 13 Städten. Anreisekosten werden übernommen. www.aufarbeitungskommission.de unter dem Reiter "Ihre Geschichte"
Hilfe
Wenn Sie ein "komisches Gefühl" haben oder sogar den Verdacht, dass ein Kind womöglich missbraucht wird, hilft Ihnen anonym das Hilfe-Telefon Sexueller Missbrauch weiter.


