Maria, 26:
Ich hing schon mit zwölf am Bahnhof in Nürnberg ab, zunehmend auch nachts. In die Schule ging ich immer seltener und dann gar nicht mehr. Meine Freundinnen waren alle älter, ich fand sie cool. Wir nahmen alle möglichen Drogen, tranken Alkohol. Ich kam kaum mehr heim. Mein Vater holte sich dann Hilfe vom Jugendamt, aber aus der Jugendschutzstelle bin ich auch wieder abgehauen. Ohne meine Clique hatte ich ständig das Gefühl, irgendwas zu verpassen. Ich war wie gefangen.
Meine Mutter war psychisch sehr krank, sie nahm Drogen, versuchte, sich das Leben zu nehmen, landete in der Klinik und kam nie mehr heim. Wir vier Kinder blieben uns weitgehend selbst überlassen. Mein Vater musste so viel arbeiten, um uns durchzubringen. Und ich wollte immer nur raus. Halt fand ich bei den Menschen auf der Straße. Dachte ich. Wir verbrachten die Nächte in zugigen Hauseingängen oder Kellern; frühmorgens klauten wir Fahrräder, um sie zu verticken – für die nächsten Drogen.
Einmal saß ich auf einem Dachvorsprung, es schneite, meine Chucks waren kaputt, mir war ultrakalt. Irgendwie ist da für mich eine kleine Welt zusammengebrochen. Da war kein Ausweg. Und ich war einsam. Schlimmer hätte es nicht mehr kommen können.
4 Wochen gratis testen, danach mit 10 € guten Journalismus und gute Projekte unterstützen.
Vierwöchentlich kündbar.