chrismon: Was machen Sie?
Roswitha Schmitz-Hilferink: Ich begleite Personen, die sich in finanziellen Schwierigkeiten befinden und versuche, ihnen da herauszuhelfen. Bei Bedarf ist das eine enge und lange Zusammenarbeit, anfangs sind wir wöchentlich bei den Familien vor Ort.
Wie finden die Betroffenen zu Ihnen?
Über die Mitarbeitenden der Sozialbürgerhäuser in München. Sie melden die Ratsuchenden bei der Hauswirtschaftlichen Beratung (HWB) an.
Wie läuft eine hauswirtschaftliche Begleitung ab?
Es gibt ein Kennlerntreffen mit allen Beteiligten vor Ort. Wir verschaffen uns einen Überblick und die Betroffenen äußern ihre Wünsche. Es drängt vor allem das Finanzielle. Die anderen Baustellen ergeben sich – manchmal kann ich mithelfen, sonst rate ich den Familien, wo sie sich hinwenden können.
Dann geht es ans Praktische: Ich schaue auf die Einkäufe und wecke Bewusstsein, wo man sparen kann. Manchmal hilft schon Banales: München hat gutes Trinkwasser. Viele kaufen trotzdem Flaschen. Ich helfe, auf juristische Fristen zu achten und dabei, das schreckliche Behördendeutsch zu verstehen.
Mit Erfolg?
In den meisten Fällen hat sich durch unsere Beratung die finanzielle Lebenslage verbessert. Dabei ist aber nach meiner Erfahrung nie nur das Finanzielle unstrukturiert, sondern das ganze Leben.
Hat sich jemand später wieder gemeldet?
Nach einem Abschlussgespräch ist unsere Beratung beendet. Wir achten aber darauf, dass bei Bedarf weitere Anlaufstellen bekannt sind. Einmal habe ich einem älteren Ehepaar einen "Postpaten" vermittelt, der ihnen zukünftig beim Bearbeiten von Post hilft. München ist so eine soziale Stadt: Wir kennen viele Anlaufstellen, die auch helfen können.
Welche Eigenschaften helfen bei Ihrem Ehrenamt?
Langer Atem und Empathie. Man braucht Durchsetzungsvermögen und darf keine Angst vor Behörden haben.
"Ich erlebe, dass wir nie allein sein müssen"
Roswitha Schmitz-Hilferink
Warum engagieren Sie sich in diesem Bereich?
Es ist eine verantwortungsvolle Aufgabe! Es ist wichtig, dass man den Menschen wieder zu Strukturen verhilft. Ein Fall zieht sich meist über Jahre, ich begleite also wenige, aber intensiv – und erlebe, dass wir nie alleine sein müssen. Nicht in Not – und auch nicht bei unserem Einsatz. Wir haben immer Ansprechpartner und gute Betreuung. Darf ich Werbung in eigener Sache machen?
Nur zu!
Unseren Träger, den Verein für Fraueninteressen, gibt es seit über 130 Jahren in München und er hat toll durchdachte Angebote. Man sieht, dass Frauen sie entwickeln und oft einen anderen, praxisnahen Blick auf die Dinge haben. In der Hauswirtschaftlichen Beratung machen aber auch Männer mit. Das ist gut, denn manche lassen sich nicht gerne von Frauen was sagen.
Wie viel Zeit bringen Sie auf?
Anfangs vier Stunden pro Woche, später lässt das etwas nach: Es fallen aber auch gemeinsame Behördengänge oder Gerichtstermine an, drei bis vier Fortbildungen pro Jahr, monatliche Supervision und anfangs werden wir gut vorbereitet und begleitet. Mit Vollzeitjob ist das alles nicht schaffbar. Eine gute Aufgabe für Rentner!
Lesetipp: Weshalb auch das Ehrenamt bezahlt werden sollte
Was kann frustrierend sein?
Ordnung ins Leben bringen: Kontoauszüge – wenn es sie überhaupt gibt –, sind meist in der ganzen Wohnung verteilt, genauso andere wichtige Dokumente. Ich komme und wir legen Ordner an. Bis zum nächsten Mal sollen sie die Dokumente einsortieren – manchmal ist das sogar bei meinem dritten Besuch noch nicht gemacht. Oder wenn die Leute gar nicht einsehen, dass sie gewisse Dinge selbst erbringen müssen. Manche müssen auch sehen, dass es sich lohnt, wieder in Arbeit zu kommen: Sie gibt dem Leben Struktur.
Welcher Fall hat Sie besonders berührt?
Das war ein Ehepaar aus Serbien, beide über 80, ungelernte Arbeiter und konnten kaum Deutsch. Sie waren schon über dreißig Jahre in unserem reichen Deutschland, aber lebten auf 22 Quadratmetern, hatten weder ein Telefon noch Radio und Fernsehen.
Mich berührt auch sehr die Situation der Frauen in vielen Familien mit Migrationshintergrund. Sie sind so patent, aber kommen aus dem Häuslichen nicht raus. Die mangelnde Sprache ist das Haupthindernis für Sozialisation und Integration. Da muss mehr geschehen. Ich weiß, das sagt sich leicht.
"Ich treffe auf Lebenssituationen, die ich im Bekanntenkreis nie kennengelernt hätte. Das macht demütig"
Roswitha Schmitz-Hilferink
Gab es auch mal ein schönes Erlebnis?
Das alte Ehepaar hatte an der Wohnung einen kleinen Austritt mit zwei Rosenstöcken. Ich erzählte, wie sehr ich Rosen mag. Daraufhin lag immer eine abgeschnittene Rose für mich da – oder mal ein Apfel. Die beiden waren erst nicht begeistert, dass ich ihr Leben aufwirble, sie konnten stur sein. Aber dann waren sie auch sehr dankbar.
Was ist Ihr persönlicher Gewinn bei dieser Tätigkeit?
Ich treffe auf Lebenssituationen, die ich im Bekanntenkreis nie kennengelernt hätte. Das macht demütig und verschafft mir eine andere Sichtweise auf mein gutes Leben.
Wie sind Sie dazu gekommen?
Über einen kleinen Artikel in der Zeitung. Ich war Beamtin am Landwirtschaftsministerium, hatte die Themen Ernährungsberatung, Hauswirtschaftsschulen, Lebensmittelüberwachung. Nach meiner Pensionierung wollte ich weiter mit Menschen zu tun haben. Ursprünglich hatte ich Haushalts- und Ernährungswissenschaften studiert. Das passte alles zusammen.
Womit hätten Sie nicht gerechnet?
In welchem Chaos manche leben: Das ist wirklich Sinnbild für alles, das ist nicht nur die unaufgeräumte Wohnung, sogar Fettflecken auf Dokumenten, anfangs war ich wirklich schockiert.
Was wünschen Sie sich für die Zukunft?
Wenn ich gesund bleibe, mache ich es, bis ich 80 bin.

