chrismon: Wohl alle erleben irgendwann im Leben Leidvolles. Vieles kann man selbst verarbeiten – man denkt darüber nach, liest Ratgeber, spricht mit anderen. Wann sollte man eine Therapie machen?
Cécile Loetz: Wenn das Leiden zu groß wird. Besser ein bisschen vorher. Denn fast immer kommen die Leute so spät, dass es oft erst einmal um eine Stabilisierung geht, bevor man sich mit den Ursachen beschäftigen kann. Es wäre besser, auch für die Krankenkassen, die Menschen kommen nicht erst, wenn sie kaum mehr im Leben zurechtkommen.
Wenn man eine Therapie beginnt, bevor sich ein bestimmtes Thema auf viele Lebensbereiche ausgeweitet hat, kann es für jemanden vielleicht auch nach drei, vier Stunden erst mal wieder okay sein.
Jakob Müller: Man sollte an eine Therapie denken, wenn man merkt, dass man sein Leben, wie man es eigentlich leben möchte, nicht leben kann. Bei einer Depression etwa traut man sich nichts mehr zu, nimmt zum Beispiel eine berufliche Veränderung nicht an, die einem eigentlich gefallen würde. Dann lebe ich unterhalb meiner Möglichkeiten.
Oder ich habe eine soziale Phobie und kann ohne Schamgefühle kaum in die Öffentlichkeit gehen, deswegen gehe ich mit meinen Kindern nicht auf den Spielplatz, wenn andere Menschen da sind. Man kann so zurechtkommen. Aber eigentlich ist es schade. Denn man könnte viel freier leben.
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Cécile Loetz und Jakob Müller machen zusammen den Podcast "Rätsel des Unbewussten" mit Themen rund um Psychoanalyse und Psychotherapie. Rund 300.000 Menschen hören ihnen zu. Auf Instagram geht es knapp und heiter zu, und einige Patientengeschichten beschreiben sie lebensnah in ihrem Buch "Mein größtes Rätsel bin ich selbst – Die Geheimnisse der Psyche verstehen" (Hanser Verlag, 25 €).




