12.06.2023

Liebe Leserin, lieber Leser,

als meine Kinder klein waren, hatten sie ein Lieblingsbilderbuch: "Irgendwie Anders". In der lustigen britischen Geschichte wurde ein kleines Männchen - oder war es eine Frau, ein Dazwischen? - ausgegrenzt, weil es schräg aussieht und komische Sachen isst. Seine Rettung: Das "Etwas", ein ebenfalls skurriles Wesen, mit dem "Irgendwie Anders" Freundschaft schließt. Ich glaube, meine Kinder mochten das Buch, weil sie auch "irgendwie anders" als die meisten Kinder in der Klasse waren, als Patchworkkinder pendelten sie zwischen Mama und Papa. Und übrigens waren sie auch oft mit anderen Pendelkindern befreundet.

Das ist jetzt bald 20 Jahre her, und viel hat sich getan. Das geteilte Sorgerecht mit zwei Haushalten ist sogar das von der Bundesregierung favorisierte Modell nach Scheidungen, meine Söhne wären wohl kaum mehr was Besonderes. Aber "irgendwie anders" zu sein, ist leider nicht einfacher geworden. Das zeigt schon der Buchmarkt: Immer neue Kinderbücher thematisieren das "Anderssein".

"Anna" von Mia Oberländer handelt von drei Frauen, die in Bad Hohenheim aufwachsen, einem Ort, wo die Berge hoch zu sein haben, aber nicht die Frauen. Die Illustratorin, die mit den langen Beinen ihrer Heldinnen ganz wunderbar verrenkte Bilder zeichnet, ist selber einsfünfundsiebzig. Gar nicht sooo groß, denken sie jetzt? In unserem Interview zitiert sie eine Fernsehshow mit dem Titel "Große Frauen - große Probleme". Weil man als "langes Elend" keinen Mann abbekommt ... wie unfassbar spießig. Ach ja, die Show lief 2016. Nicht etwa 1956.

Dass man Kinder, die ausgegrenzt werden, nie alleinlassen darf, hat sich dem Schriftsteller Saša Stanišić aus früher Schulzeit eingeprägt. Er hat ein wunderbares Jugendbuch über Mobbing mit dem Titel "Wolf" geschrieben. Stanišic hat den Deutschen Buchpreis seinerzeit bekommen für seinen autobiografischen Roman "Herkunft" - ich habe ihn als Hörbuch allein deswegen verschlungen, weil er "irgendwie anders" liest, er hat ein großartiges bosnisches Timbre in der Stimme.

Man könnte denken, dass gestiegene Migrationszahlen irgendwann auch dafür sorgen, dass wir gar nicht mehr nach "normal" und "anders" sortieren. Ich habe darüber mit Florence Brokowski-Shekete gesprochen, die für ihr lesenswertes Buch "Raus aus den Schubladen!" Schwarze Deutsche interviewt hat, die in "normalen" Berufen arbeiten. Metzger, Sachbearbeiterin, Kantor. Sie haben viel mit Alltagsrassismus zu kämpfen. Das mag auch daran liegen, dass zwar 27 Prozent der Deutschen einen Migrationshintergrund haben, aber überwiegend einen "unsichtbaren". Das ist in England und den USA anders, es gibt schon viel länger viel mehr Menschen mit anderer Hautfarbe.

Es hilft, ab und zu darüber nachzudenken, was für uns eigentlich "normal" ist. Der Psychotherapeut Jakob Hein fragt sich zum Beispiel, warum Liebeskummer nur bei jungen Menschen normal sein soll - er kennt aus seiner Praxis viele Menschen, die aus der scheinbaren "Norm" fallen. Wir freuen uns sehr, dass Jakob Hein unser neuer Herausgeber ist – neben dem Fernsehmoderator Yared Dibaba und der Theologin Frederike von Oorschot. Hier finden Sie unser nun fünfköpfiges Herausgebergremium.

Ich wünsche Ihnen eine Woche, in der es ab und zu irgendwie anders zugehen möge.

Ihre

Ursula Ott