08.05.2023

Liebe Leserin, lieber Leser,

ich habe gerade ein neues Wort gelernt, "migrant defenders". So nennt man Menschen, die sich für Geflüchtete und deren Rechte einsetzen. So wie Stephanie Höhner, Pfarrerin an der Himmelfahrtskirche in München-Sendling, gar nicht weit von der Wiesn entfernt. Ihre Gemeinde bietet seit Jahren Menschen Zuflucht, die im Kirchenasyl sind. Die Pfarrerin lebt unter einem Dach mit ihnen im Pfarrhaus, Engagierte aus der Gemeinde kaufen ein und geben Deutschstunden. Einfach ist das nicht – "keine Gemeinde macht das leichtfertig", sagt Höhner, "wir leben mit den Menschen auf engem Raum, sie dürfen über mehrere Monate das Gelände nicht verlassen."

Im aktuellen chrismon-plus-Heft diskutiert die Pfarrerin mit Thomas de Maizière, der sich einst als Innenminister entschieden gegen das Kirchenasyl äußerte. Zwei Dinge haben mich an diesem Gespräch beeindruckt: Dass de Maizière – er ist nach seinem aktiven Politikerleben jetzt Präsident des Deutschen Evangelischen Kirchentages – offen sagt: "Jetzt kann ich die christliche Stimme in meinem Herzen lauter sprechen lassen." Chapeau, ich habe immer Respekt vor Menschen, die ihre eigenen Haltungen überdenken. Respekt aber auch vor der Pfarrerin. Schon siebenmal stand sie vor Gericht. Vorwurf: "Beihilfe zu illegalem Aufenthalt ausreisepflichtiger Flüchtlinge". Alle Verfahren wurden eingestellt, aber was für ein Psycho-Stress neben dem ohnehin schon fordernden Seelsorgejob.

Genau dieser Stress ist leider typisch für "migrant defenders", sagt Brot für die Welt: "Weltweit versuchen Regierungen, die Arbeit dieser Unterstützer*innen zu verhindern." Das schreibt die Präsidentin Dagmar Pruin im 6. Atlas der Zivilgesellschaft, den Sie hier bestellen können. Er enthält erschütternde Fallgeschichten von Griechenland über Mexiko bis Thailand. Immer mehr unter Druck geraten auch die "migrant defenders" in der zivilen Seenotrettung – das berichtete Pfarrerin Sandra Bils von "United4Rescue" in unserem Webinar. Vorschriften für die Rettungsschiffe werden verschärft, sichere Häfen sind zumindest in Italien oft weit entfernt.

Als meine Kollegen Michael Güthlein und Lilith Becker vor zwei Jahren in den Hunsrück fuhren, um Menschen im Kirchenasyl zu besuchen, gab es neben dem Stress mit Polizei, Justiz und Landrat auch Erfolgsgeschichten: Ein junger Mann aus dem Sudan darf so lange bleiben, bis er eine dreijährige Ausbildung zum Anlagenmechaniker für Heizung, Sanitär und Klimaanlagen beendet hat. Angesichts des Fachkräftemangels kann man nur hoffen, dass er auch danach nicht abgeschoben wird.

Das Kirchenasyl wird immer die Ultima Ratio bleiben für ganz wenige Menschen. "Ich gewähre nur Kirchenasyl in Fällen, bei denen ich meine, da ist dem Bundesamt etwas durchgerutscht und der Fall in seiner Härte nicht erkannt worden", erklärt Stephanie Höhner. Gut, dass sie aufpasst.

Ich wünsche Ihnen eine aufmerksame Woche!

Ihre
Ursula Ott
Chefredakteurin

P.S.: Die Jury des chrismon Gemeindewettbewerbs 2023 hat entschieden. Schauen Sie hier, wer gewonnen hat!