Liebe Leserinnen und Leser,
seit ein paar Jahren schlagen immer mehr Kinder und Jugendliche in den psychiatrischen Ambulanzen auf, die behaupten, sie seien eigentlich Jungen oder Mädchen, sie seien transident und wollten deshalb auf der Stelle gegengeschlechtliche Hormone verschrieben bekommen. In manchen Schulklassen gibt es schon drei Jungs wie Mädchen, die jetzt anders angesprochen werden wollen. Was ist da los?
Das weiß man nicht. Auch die Wissenschaft kann bislang nur Vermutungen anstellen: Womöglich hat ein Teil dieser Jugendlichen ganz andere Probleme als das Leiden am "falschen Körper", aber die Selbstdiagnose "transident" scheint ein passendes Label zu sein – zumal wenn Transidentität in der Peergroup gerade viel besprochen wird. Vermutlich ist ein anderer Teil dieser Jugendlichen tatsächlich transident und traut sich wegen der heute höheren Akzeptanz, sich zu offenbaren und Hilfe zu suchen. Wieder andere Jugendliche mögen in der Phase der Identitätsfindung vielleicht einfach herumprobieren.
Das muss man im Einzelfall erst herausfinden. Deshalb finde ich es richtig, dass junge Menschen, die medizinische Unterstützung suchen, zum Beispiel durch gegengeschlechtliche Hormone, zuvor lange Gespräche mit Psychiatern und Psychiaterinnen führen müssen und dass sie mindestens anderthalb Jahre in der anderen Rolle gelebt haben müssen. Und zwar in allen Lebensbereichen, auch im Schulsport. Das ist für tatsächlich transidente Menschen ein aufwendiger Weg, oft auch eine Zumutung – die wenigen Fachleute sitzen weit verstreut in Deutschland. Aber auf diese Weise ist es wohl gelungen, in Deutschland bislang so gut wie keine Fehldiagnosen zu stellen.
James ist so ein Jugendlicher, dem alle Expertinnen und Experten eindeutig Transidentität attestiert haben. Er hat auch den Realitätscheck auf sich genommen und lebt jetzt schon anderthalb Jahre als Junge. Ich habe ihn kürzlich kennengelernt und von ihm und seinen Eltern in chrismon erzählt. Seine Eltern hatten vorher nie was von Transidentität gehört. Aber als er sich ihnen endlich anvertraute, auf einer langen Autofahrt vom Rücksitz aus, sagten sie spontan: Wer oder was du bist, wir lieben dich.
Was für eine Zusage. Könnte man auch selbst mal probieren: Egal wie unverständlich einem eine näherstehende Person gerade vorkommt – grundsätzlich mag man sie. Das kann man dann auch mal aussprechen.
Ich wünsche Ihnen eine frohe Adventszeit.
Christine Holch
Chefreporterin

