31.07.2017

"Ich fahr heute Abend runter zum See" - für mich ist schon dieser Satz Erholung pur. Morgens gesagt, rettet er mich über heiße Bürotage, über Konferenzen, bei denen man schier vom Stuhl fällt vor Müdigkeit, über die Hundstage eben. Macht mir alles nichts, wenn ich weiß: Heute Abend gehts zum See. Die letzten Wochen konnte ich sogar sagen: Ich habe heute Abend noch einen dienstlichen Termin am Langener Waldsee. Dort habe ich mich mit dem Fotografen Salar Baygan getroffen, der den See ein Jahr lang begleitet hat. Vom Eis im Winter bis zu den ersten Enten, von den Leinen, die ins Wasser gelassen wurden - bis zur Eröffnung des Strandbades im April. Ende Mai trafen wir uns zur ersten "Swimnight". Er saß in Shorts und Shirt auf dem Boot der DLRG, ich wagte mich mit 300 anderen Gestalten im Neopren zum Massenstart. Was der See mit uns macht und wir mit dem See - Titel der aktuellen chrismon-Ausgabe.

Was der See mit uns macht, das schilderte uns vor einigen Jahren die große Psychoanalytikerin Margarete Mitscherlich. Auch so eine Ganz-weit-raus-Schwimmerin. Sie erzählte, wie ihr Mann Alexander zweifelte, ob sie das gemeinsame Kind wirklich bekommen sollten. Margarete in chrismon: "Ich schwamm im Zürichsee ganz weit raus, und dann kam ich zurück. Alexander sagte, 'um Gottes willen', er war erleichtert. Und da sagte er: Ja, wir setzen dieses Kind in die Welt, trotz aller Schwierigkeiten." Das ganze Gespräch, fünf Jahre alt, macht Spaß zu lesen - Margarete Mitscherlich wäre dieser Tage 100 Jahre alt geworden. 

Als wir uns in der chrismon-Redaktion überlegten, dass jeder eine Geschichte zu seinem Lieblingssee aufschreibt, sagten einige: "Verrat ich nicht. Geht auch der zweitliebste?" Es wurden dann doch ziemlich private Geheimtipps. Und lustige Geschichten vom perfekten Sonnenuntergang, öligen Pommes, einsamen Unwettern und verwunschenen Trampelpfaden. Was man am See auf jeden Fall braucht: Die richtige Musik. Da wir im aktuellen Heft "Fragen an das Leben" mit Adel Tawil haben, haben wir mal locker eine Playlist "Badesee" für Sie zusammengestellt. Ja, der ist "vom selben Stern", hat aber auch ganz viele neue Lieder solo aufgenommen. Aber schön aufpassen, dass die Box nicht zu viel Sand abkriegt...

Man kann das mit dem Baden natürlich auch systematisch angehen. Ich habe gerade zwei Bücher von Kolleginnen gelesen, die ein Jahr lang die Elbe durchschwommen haben oder sämtliche Badeseen um Berlin. Gute Lektüre für Strandtage, wenn auch bisschen anstrengend. Muss das sein, mit Eispickel im Winter den Einstieg freihacken und dann rein? Jessica Lee kann wirklich sehr schön beschreiben, wie der Schmerz sich langsam im Körper breitmacht. Muss ich persönlich nicht haben, ich bin mehr die Genuss-Schwimmerin. Sommer, Sonne, Schwimmen, Strandkorb. Apropos Strandkorb. Ob Männer und Frauen im Strandkorb unterschiedliche Bücher lesen solten - darüber gibt es vermutlich so viele Ansichten wie es Männer und Frauen gibt. Aber wenn man erst mal drüber grübelt, kommen solche Texte dabei raus wie die beiden von Matthias Pape (für die Männerbücher) und Ursula Ott (fürs Thema Frauen)

Ich wünsche Ihnen einen wunderbaren Sommer und - fahr jetzt mal runter zum See! 

Ursula Ott