01.05.2017

Liebe Leserinnen und Leser,

die Szene berührt und irritiert zugleich. Auf dem Boden einer engen Gefängsniszelle hockt ein junger chinesischer Mann. Ruhig und hoch konzentriert ist er bei der Arbeit. Mit einem schwarzen Stift zeichnet er auf die weißen Wände. Ein Drachenkopf entsteht. Daneben zwei menschliche Figuren, die statt eines Kopfes eine explodierende Erdkugel und einen Felsbrocken mit Flügeln auf den Schultern tragen. Auf Nachfrage ist zu erfahren: Es sind die beiden "spirits" von Martin Luther, der die Welt mit seiner Botschaft in Aufruhr versetzte und gewaltige geistige Veränderungen anstieß. 

Heute stehen die Zellentüren im ehemaligen Knast von Wittenberg offen. Mit Sun Xun sind mehr als 60 Künstler aus aller Welt dabei, das Gemäuer zu beleben - für die Ausstellung "Luther und die Avantgarde" (19. Mai bis 17. September). Es ist sehenswert, was die Künstlerinnen und Künstler - unter ihnen auch Ai Weiwei, Günther Uecker und Stephan Balkenhol - zu den Anliegen der Reformation mitzuteilen haben.

Der Mai ist der Monat des Reformationsjubiläums, in dem sich Veranstaltungen nur so ballen. Es gibt die drei großen Ausstellungen in Berlin, Eisenach und Wittenberg. In Berlin, Wittenberg und weiteren Städten Ostdeutschlands finden evangelische Kirchentage statt. Zum Festwochenende in Wittenberg (27. und 28. Mai) werden zahlreiche Kirchentagsbesucher aus Berlin anreisen. In der Innenstadt von Wittenberg wird bis in den September hinein die "Weltausstellung Reformation" gezeigt. Wenn Sie wissen wollen, welche Sehenswürdigkeiten Sie in der Stadt erwarten, folgen Sie dem Video "Flashing Luther".

Die Kirchen der Reformation sind so vielfältig und unterschiedlich wie das Leben auch. Warum die lettische lutherische Kirche neuerdings keine Frauen mehr ordinieren will und Amerikas Protestanten die Rassentrennung noch nicht ganz überwunden haben, das und vieles mehr lesen Sie auch auf unserer Themenseite.

Das Schönste an diesem Reformationsjubiläum ist: Es geht nicht vor allem um Geschichte und Erinnerung, sondern um die Herausforderungen von morgen. Das lässt sich an nahezu jeder Veranstaltung zum Jubiläum ablesen.

Viel Spaß beim Lesen! Und freuen Sie sich schon jetzt auf eine kundige Berichterstattung und Kommentierung zu Kirchentag und Festwochenende auf www.chrismon.de!

Ihr

Eduard Kopp
Leitender Redakteur Theologie