- Anmelden, um Kommentare verfassen zu können
Gerade läuft der großartige Film "Pionierin der Nachhaltigkeit" über Barbara Buser in den Kinos. Unbedingt hingehen, lautet mein Tipp. Der Film lohnt sich auch für alle, die mit Bauen, Neuem Wohnen oder nachhaltiger Stadtentwicklung nicht viel am Hut haben.
Denn dieses schöne Biopic dreht sich nicht nur um Architektur und Planung, sondern um das Leben einer Frau, die in den 1960er Jahren in der Schweiz aufgewachsen ist. Wie diese junge Frau nach Afrika geht, um dort zu lernen, wie man gute Brunnen baut. Wie sie sich dann, zurück in der Schweiz, als Frau in einer Männerwelt behauptet. Wie sie versucht, Familie und Beruf unter einen Hut zu bekommen, und was für sie ein gutes Leben ausmacht - zum Beispiel als erste Frau überhaupt in Basel eine alte Fußgängerfähre zu bedienen und immer mal wieder mit einem Köpper in den Rhein zu springen.
Zum Start ihres Films tourte Barbara Buser durch ganz Deutschland. Es war eine große Freude, sie am Tag nach der Hamburger Premiere für ein Interview zu treffen.
-----------------------------
chrismon: Ein Zitat in dem Film ist: "Damit ich einen Raum erhalten kann, muss ich erstmal erkennen, was dieser Raum kann." Was meinst Du damit?
Barbara Buser: Ja, das ist meine Leidenschaft: In einem Raum sitzen, ihn auf mich wirken zu lassen und zu spüren, was der Raum kann. Wo kommt das Licht her? Wo geht man rein, wo raus? Sitze ich da oder da angenehmer? Und dann schaue ich mir die Umgebung an. So ein Gebäude steht ja nicht im All, es steht in einem gewachsenen Viertel. All das muss ich erstmal erspüren und erfahren.
Barbara Buser
Kann man das lernen oder ist es eine Begabung von Dir?
Ich glaube schon, dass man es lernen kann, aber ich könnte es nicht unterrichten. Ich arbeite sehr intuitiv, und natürlich kommt meine jahrzehntelange Erfahrung dazu. Es ist alles in meinem Kopf, ich muss nichts mit einem 3D-Scanner aufblasen, wie es heute in vielen Büros üblich ist.
Lesetipp: Warum Spekulation mit Grund und Boden dem Wirtschaftswachstum schadet
In Basel gibt es eine historische Markthalle, die bis 2004 einen klassischen Großmarkt beherbergte. Dann wurde sie an einen Investor verkauft, der mit einem Luxus-Shopping-Konzept neu eröffnete, aber schon zwei Jahre später die Halle wieder schloss. Mittlerweile betreibt Ihr die Halle mit einer eigens gegründeten Markthallen-AG, und die gemeinnützige Stiftung Edith Mayron hat sie erworben. Euer Konzept kommt an. Was macht Ihr anders als die vorigen Investoren?
Anders als die ersten Investoren, die nicht aus Basel kamen, haben wir die Leute vor Ort befragt. Und die haben uns erzählt, dass sie nie in die Markthalle zum Shoppen kommen würden. Die Halle hat keine "Passantenlage", wie wir das nennen. Und wir glauben diesen Menschen, denn sie leben an dem Ort, sie wissen, wo sie schicke Klamotten kaufen oder wo sie sich abends mit Freunden treffen. Also haben wir ein Foodkonzept entwickelt und das funktioniert.
Ein zentraler Kern Deiner Arbeit ist es, gebrauchte Teile aus Abrisshäusern weiter zu verwenden. In der Fachsprache heißt das "Urban Mining": Ihr "schürft" nach alten Fenstern, Treppen oder was auch immer in einem Abrissgebäude noch zu nutzen wäre. Woher weißt Du rechtzeitig, wann überhaupt ein Gebäude abgerissen wird?
Ich laufe mit offenen Augen durch die Stadt, lese Verkaufsanzeigen und Zeitungsartikel, denn je eher wir Bescheid wissen, was wann abgerissen wird, umso mehr werden wir retten, weil wir dann mit den Besitzern oder Unternehmen sprechen können.
Aber eigentlich willst Du ja, dass gar nichts mehr abgerissen wird.
Ich bin der festen Überzeugung, dass eigentlich jedes Gebäude, das abgerissen werden soll, erhalten bleiben könnte.
In Basel streitet Ihr seit vielen Jahren um Neubauten auf dem Firmengelände des Pharmariesen Hoffmann-La Roche. Obwohl Du zwei Petitionen gestartet hast, wird da jetzt doch ein historisches Gebäude abgerissen. Wirst Du versuchen, auch aus diesem Haus etwas zu retten?
Das ist für mich ein moralisches Dilemma. Ich will auf keinen Fall das grüne Mäntelchen für solche Investoren sein. Andererseits sind wir, ebenfalls in Basel, mitten im Umbau des riesigen Franck-Areals, wo es auf dem ehemaligen Parkplatz auch einen Neubau geben wird. Und wir suchen dafür gebrauchte Bauteile. So wie ich mich und unser Büro kenne, werden wir pragmatisch sein. Eine Blockadehaltung bringt niemandem etwas. Aber es ist und bleibt ein Skandal, dass diese so wichtigen und denkmalwürdigen Häuser immer noch abgerissen werden.
Wie viele andere progressiv denkende Menschen aus der Branche forderst Du einen generellen Baustopp. Ist das nicht nur ein leeres Wort? Genauso wie es immer Gebäude geben wird, die abgerissen werden, wird es Neubauten geben?
Ich sage ja, wir bräuchten einen Baustopp, damit alle diese alten Projekte, die nach und mit veralteten Maßstäben und Materialien geplant wurden, begraben werden und wir sie neu und intelligenter neu aufgleisen können. Momentan laufen wir einfach weiter und bauen jetzt das, was wir vor 20 Jahren angedacht haben. Wir hatten damals keine Ahnung davon, was man alles wiederverwenden kann. Trotzdem wird immer noch überall abgerissen, und es werden Häuser gebaut, die maßlos überzogenen Anforderungen genügen sollen.
Maßlos überzogen? Kannst Du ein Beispiel nennen?
Warum muss überall und immer gleich heißes Wasser aus dem Hahn kommen? Warum müssen alle Gebäude extrem gedämmt werden? Auch Altbauten, die wir umwidmen? Wir haben jetzt Mietern eines Büros in den Mietvertrag geschrieben, dass es dort tagsüber manchmal nur auf 18 Grad geheizt werden kann, und nicht auf 20 Grad. Die bringen sich dann eben einen Pullover mit und die finden das auch ok, weil sie in einem alten Gebäude arbeiten dürfen, das viel schöner ist als ein Neubau. Dafür nehmen sie bestimmte Einschränkungen in Kauf.
In Vorträgen und im Film sagst Du öfter, wir müssten viel "materialistischer" denken. Das aus Deinem Mund verwundert schon ...
Ich meine "materialistisch" im ureigensten Sinne des Wortes: vom Material und seinen Eigenschaften her ausgehen.
Diese Art der Herangehensweise ist typisch für Dich. Du übernimmst ein Wort aus der Welt des klassischen, kapitalistisch ausgerichteten Wirtschaftswelt und deutest es um.
Ich habe sogar genau dafür, um das Vokabular dieser Branche zu verstehen, in einem Fernstudium einen MBA abgelegt. Ich muss verstehen, wie diese Menschen sprechen, wenn ich in eine Diskussion mit ihnen gehe. Wir reden zum Beispiel sehr gerne von "Rendite". Aber eben nicht von Geld-Rendite, sondern von Stadt-Rendite. Diese Rendite lässt sich zwar nicht in Franken oder Euro bemessen, aber beschreiben: Was wird für die Menschen, die hier leben, besser, wenn wir ein Quartier weiterentwickeln und nicht neu bauen? Wenn man ein Quartier komplett neu baut, braucht es 20 Jahre, bis es "eingelebt" ist. Bis hier Geschichten gelebt wurden, bis die Bäume gewachsen sind, bis der Gebrauch Spuren hinterlässt ...
Du bist jetzt über 70 und in einem Alter, in dem andere längst aufhören zu arbeiten. Denkst Du manchmal darüber nach?
Sicher kommt das manchmal, aber dann frage ich mich: Warum sollte ich aufhören, solange ich gesund bin und einen Beitrag für die Gesellschaft leisten kann?
"Pioinierin der Nachhaltigkeit" von Gabriel Schärer startete Ende Oktober in vielen deutschen Kinos.
Neue Wohnlage alle zwei Wochen per Mail: Hier abonnieren.




