chrismon: Ich wache nachts oft auf und wälze immer wieder die gleichen Gedanken und Sorgen. Sie empfehlen, aufzustehen, sich ein Papier zu nehmen und einfach loszuschreiben. Das hilft?
Doris Hönig: Ja! Das intuitive Schreiben hilft, Ihre eigenen Fragen zu beantworten. Sie kommen mit sich selbst in Kontakt, können sich, gerade wenn Sie unruhig sind, mit sich selbst verbinden und im besten Fall das, was Sie gerade belastet, für sich selbst lösen.
Was schreibe ich auf?
Wichtig ist, dass Ihnen Ihr Verstand nicht reingrätscht. Denn der will bewerten und einsortieren. Das geht aber nicht, wenn wir einfach losschreiben, die Hand immer in Bewegung halten und ohne Struktur, ohne Muster alles aufs Papier fließen lassen. Dabei ist es völlig egal, ob wir nur einzelne Wörter oder Satzfetzen aufschreiben. Und wenn uns gar nichts mehr einfallen sollte, können wir einfach eine Wellenlinie machen. Hauptsache, die Hand ist immer in Bewegung.
Doris Hönig
Wellenlinien? Das ist mir peinlich ... Ich bin doch kein Kleinkind!
Sehen Sie? Da meldet sich gerade Ihr Verstand. Aber wie oft bewundern wir kleine Kinder genau dafür? Dass sie intuitiv ihren Gefühlen nachgehen?
Und so wie kleine Kinder mit dem Stift malen, schreibe ich jetzt am besten mit der Hand?
Sie können das auch mit dem Computer oder Tablet machen. Ich empfehle, mit der Hand zu schreiben. Da haben die Gedanken mehr Zeit, der Prozess wird verlangsamt, und Fühlen und Wahrnehmen bekommen mehr Raum.
Nutzen Sie immer den gleichen Stift?
Ich schreibe am liebsten mit einem weichen Füller, der schreibt von allein. Wichtig ist ein Stift, der leicht über das Papier fließt und gut in der Hand liegt.
Und dann kritzele ich einfach los?
Genau, es ist ganz egal, was oder wie Sie schreiben. Hauptsache, Sie schreiben.
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Wie lange?
Bei vielen meldet sich nach fünf bis zehn Minuten der Verstand: "Jetzt reicht es." Doch dann geht es erst richtig los. Meine Empfehlung ist deshalb, mindestens zehn Minuten zu schreiben. Denn dann kommen wir in tiefere Schichten. Länger geht immer.
Auf lose Zettel oder in ein Heft?
Ich empfehle Zettel oder ein einfaches Heft. Ein hübsches Büchlein verführt immer dazu, "schön" zu schreiben oder etwas Sinnvolles zu Papier bringen zu wollen. Doch darum geht es hier nicht. Es geht darum, die Barriere im Kopf auszuschalten und einen neuen Zugang zu unseren Gefühlen zu bekommen.
Haben Sie ein Beispiel?
Ich hatte mal eine Klientin, die litt unter ihren starken Stimmungsschwankungen. Sie hat dann zwei Stifte genommen, ihren Vornamen mit "K" abgekürzt, dann "M" für Melancholie und die beiden miteinander sprechen lassen: K: "Melancholie, was willst du mir gerade zeigen?" Und dann hat sie mit dem anderen Stift für die Melancholie mit "M" geantwortet.
Und so ging es immer wieder hin und her und über diese Art des "dialogischen Schreibens" bekam sie einen anderen Zugang zu ihren Gefühlen. Sie konnte die Melancholie verstehen, sie nicht als Problem ansehen, sondern als Ressource, oder, wie sie mir sagte, als eine Art "Freundin" anstatt als jemanden, gegen den sie ankämpfen muss.
Das hört sich jetzt aber doch sehr nach Verstand an.
Natürlich, und das kann es ja auch sein. Sie können, dürfen und sollen schreiben, was und wie Sie wollen. Hier war das Tolle der Perspektivwechsel. Das Schreiben hat ihr ermöglicht, alles ganz anders zu sehen.
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Wenn es so einfach ist, dann könnten wir alle unsere psychologischen Probleme über therapeutisches Schreiben lösen?
Tatsächlich können wir durch das therapeutische Schreiben sehr viel verändern. Wir können anders mit Ängsten und Herausforderungen umgehen. Und das hat einen spürbaren Einfluss auf unseren Körper und unsere Psyche. Dazu gibt es zahlreiche Studien, beispielsweise zu den Auswirkungen auf Schlaf, innere Unruhe, Stress oder Gedankenschleifen.
Der US-Wissenschaftler James W. Pennebaker hat die Wirkung des therapeutischen Schreibens intensiv erforscht. Was hat er herausgefunden?
Pennebaker hat das expressive Schreiben in Studien mit Studierenden untersucht und anschließend nachweisen können, dass diese Art des Schreibens Auswirkungen auf Körper und Psyche hat. Noch nicht erforscht ist, wie genau das in unserem Organismus abläuft.
"Das Schreiben ist wie ein Bagger"
Doris Hönig
Schreibe ich nur für mich oder soll es jemand lesen?
Das ist eigentlich das Wichtigste: Niemand wird das lesen, vielleicht auch nicht Sie selbst. Es kann passieren, dass Sie seitenlang schreiben und dann alles wegschmeißen. Es geht nicht um ein Ergebnis, es geht um den Prozess des Schreibens. Der löst die Blockaden.
Sie lesen sich in Ihren Gruppensitzungen nie gegenseitig vor, was Sie geschrieben haben?
Nein, nie.
Mich erinnert das an Hausentrümpelung. Geht es auch darum? Gedankenmüll zu entsorgen?
Ja, das Schreiben ist wie ein Bagger. Es schiebt alte Muster, Gedanken, Vorschriften und Erwartungen beiseite und legt den Zugang zu unserem Unterbewusstsein wieder frei. Dadurch kommen wir viel leichter mit unserem inneren Wissen in Verbindung. Und je stärker diese Verbindung wird, desto weniger brauchen wir die Bestätigung von außen, um uns sicher zu fühlen.
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Da könnten schlimme Traumata herausbrechen – ist das nicht gefährlich? Es sind ja keine ausgebildeten Psychologen dabei ...
Aus meiner Erfahrung ist diese Sorge unbegründet. Ich erlebe häufig, dass Menschen beim Schreiben einen neuen Zugang zu ihren inneren Themen finden und sich ihnen in ihrem eigenen Tempo nähern können. Natürlich können dabei auch schmerzhafte Erinnerungen auftauchen. Deshalb ist es wichtig, die eigenen Grenzen wahrzunehmen. Und wenn eine wirkliche Traumatisierung vorliegt, gehört deren Behandlung grundsätzlich in psychologische Hände.
Wie lange sollte ich therapeutisch schreiben, bis ich einen Effekt bemerke?
Ich gebe Kurse, die gehen über sechs Wochen, wir treffen uns jede Woche drei Stunden. Danach ist bei manchen schon viel passiert. Bei anderen merke ich: Die fangen erst nach so einem Kurs richtig damit an …
"Dafür muss man weder krank sein noch schreiben können wie ein Profi"
Doris Hönig
Lesen Sie selbst Ihre eigenen Aufzeichnungen nach?
In der Regel nicht. Aber manchmal schon und dann kann es passieren, dass ich auf Sätze stoße und denke: "Wow, was hatte ich denn da für gute philosophische Gedanken?" Hatte ich beim Schreiben gar nicht bemerkt.
Ich habe für meine Kinder Tagebuch geschrieben - ist das vergleichbar?
Nein. Beim Tagebuchschreiben lassen wir vor allem das Tagesgeschehen Revue passieren. Beim therapeutischen Schreiben richten wir den Blick nach innen. Wir erforschen unsere Gedanken, Gefühle und inneren Muster und können dadurch zu neuen Erkenntnissen über uns selbst gelangen.
Eine Freundin von mir macht "Journaling" – dabei beantwortet sie jeden Tag nach einem festen Muster in einem extra dafür angelegten Buch immer die gleichen Fragen, zum Beispiel: "Was hat dich glücklich an diesem Tag gemacht?" Sie sagt, das hat sie ruhiger und zufriedener gemacht. Widerspricht das Ihrem Ansatz?
Nein, gar nicht. Auch Journaling kann viel bewirken. Allerdings haben vorgegebene Fragen und begrenzte Zeilen aus meiner Sicht einen Nachteil: Wir bleiben an der Oberfläche, weil wir unseren Gedanken weniger Raum geben, sich frei zu entfalten. Aber besser, als gar nicht zu schreiben.
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Und dann gibt es ja auch noch "kreatives Schreiben" – wieder etwas anderes?
Beim kreativen Schreiben geht es darum, Geschichten zu erzählen. Dabei werden unter anderem Techniken gelernt, wie man Dialoge gestaltet, Figuren zum Leben erweckt oder welche Erzählform am besten passt. Im Mittelpunkt steht die Geschichte, die entstehen soll. Beim therapeutischen Schreiben geht es um unsere eigene Innenwelt und darum, uns selbst besser kennenzulernen.
Sie haben eigentlich Architektin gelernt, sind dann aber Schreibcoach geworden. Wie kam das?
Es gab einen Wendepunkt in meinem Leben. Im Sommer 2006 hatte ich einen Traum, der mein Leben vollkommen verändert hat. Als ich morgens aufwachte, konnte ich mich an nichts mehr erinnern. Aber die Botschaft war mit einer unglaublichen Klarheit da: "Du musst schreiben, Doris!" Woher diese Gewissheit kam, kann ich bis heute nicht erklären. Aber ich wusste, dass ich ihr folgen musste. Und so begann ein Weg, der mich schließlich zum therapeutischen Schreiben geführt hat.
Und dann?
Habe ich eine Ausbildung zur zertifizierten Schreibtherapeutin gemacht. Allerdings tue ich mich schwer mit allen diesen Bezeichnungen. Bei einem Schreibcoach denken viele ans Bücherschreiben, bei einer Schreibpädagogin ans Lernen und bei einer Schreibtherapeutin an eine Erkrankung. Dabei geht es bei meiner Arbeit vor allem darum, durch das Schreiben wieder einen Zugang zu sich selbst zu finden. Und dafür muss man weder krank sein noch schreiben können wie ein Profi.
Heben Sie das Geschriebene alles auf?
In der Regel ja. Ich schreibe auf Collegeblöcken und die füllen mittlerweile ein ganzes Regal. Aber das müssen Sie nicht. Manchmal schreibe ich auch einfach irgendwas auf Schmierpapier und schmeiße es dann weg.
Wir alle erinnern uns gern und viel. Doch wie schreiben wir diese Erinnerungen auf? Am Dienstag, 27. Oktober um 19 Uhr erklären Schreibcoach Doris Hönig und Literaturexperte Rainer Moritz im chrismon-live Webinar, wie wir Erinnerungen aufschreiben können, sei es beim Journaling, Tagebuchschreiben oder Notizen machen. Direkt zur Webinar-Anmeldung.





