Miteinander
Einfach mal nett sein
Mein Sohn grüßt fröhlich wildfremde Passanten und bedankt sich bei Verkäufern. Die meisten freuen sich. Warum machen wir das nicht alle?
Nahaufnahme eines kleinen Jungen, der im Sommer eine tropfende Eiswaffel in der Hand hält
Was freundlich sein und Danke sagen angeht, kann unser Autor noch viel von seinem kleinen Sohn lernen
DEEPOL by plainpicture/plainpicture
Tim Wegener
23.07.2026
3Min

Als uns vor einigen Wochen die unerträgliche Hitzewelle quälte, war ich mit meinem Sohn im Park bei den Wasserspielen. Ein findiger Eismann hatte die grandiose Idee, an diesem Ort, an dem zahlreiche Kinder tobten und die Eltern in der Hitze schmachteten, seine Zelte aufzuschlagen und das Geschäft seines Lebens zu machen. Er fuhr mit seinem Eismobil vor und spielte in Dauerschleife die ersten Töne von Beethovens "Für Elise". Die Aufmerksamkeit dutzender Kinder war ihm damit sicher.

Auch mein Sohn ließ sich nicht davon abbringen, also kaufte ich ihm ein Eis. Er ist gerade in dem spannenden Alter, in dem er schon umfassend kommunizieren kann, aber noch nicht von sozialen Konventionen verdorben ist. Außerdem ist er charmant (und jung) genug, um Narrenfreiheit zu haben. So stellt er sich beispielsweise oft an den Straßenrand, winkt Passanten zu und sagt mit seiner freundlichen Kinderstimme: "Hallo! Wie heißt du? Wo wohnst du?" und kommt so regelmäßig mit fremden Leuten ins Gespräch. Ich stehe dann oft wie das fünfte Rad am Wagen daneben, lächle angespannt und warte, bis er mit seinem Smalltalk fertig ist.

Zurück zum Eismann: Mein Sohn freute sich so sehr über das Eis, dass er sich, nachdem er den Großteil davon gegessen und den Rest über sein Shirt verteilt hatte, unbedingt beim Eismann bedanken wollte. Ich fand das zwar einerseits unnötig – schließlich hatten wir ihn bezahlt (und wir alle kennen die aktuellen Eispreise) –, andererseits war ich auch etwas argwöhnisch, ob das nicht einfach ein Trick meines Sohnes sei, um an ein weiteres Eis zu gelangen.

Trotzdem stellten wir uns noch einmal an. Als wir an der Reihe waren, sagte ich: "Es tut mir leid, wir wollen gar nichts mehr bestellen, aber mein Sohn möchte Ihnen etwas sagen." Daraufhin grinste er den Eismann an und sagte: "Dankeschön für das leckere Eis!" Ich hatte damit gerechnet, dass der Verkäufer genervt sein würde, weil wir einen Platz in der Schlange blockierten und ihm dadurch Profit entging. Aber nein, der Mann strahlte über beide Ohren und bot meinem Sohn überschwänglich an, noch einen Löffel Eis einer Sorte seiner Wahl zu probieren (die Wahl fiel auf die dubiose Sorte "Regenbogeneis").

Das fand ich sehr nett. Am Ende waren der Eismann und mein Sohn glücklich, ich war es auch - nur die Leute in der Schlange hinter uns vielleicht nicht. Später hat mich das zum Nachdenken gebracht. Wie oft gehen wir Erwachsenen latent grummelig durch den Alltag, laufen achtlos an unseren Mitmenschen vorbei oder behandeln sie unfreundlich? Besonders Dienstleister wie Kassiererinnen, Busfahrerinnen, Paketboten und etwa Eisverkäufer. Menschen, die wir alle brauchen und dennoch meist ignorieren. Wie einfach wäre es, freundlich zu ihnen zu sein! Und wie sehr würde das die Laune aller verbessern!

Es ist nur eine Kleinigkeit, eigentlich banal. Aber der freundliche Alltagskontakt – quasi ein Instinkt vieler Kinder – ist doch sehr vorbildlich. Warum sind wir gerade in Krisenzeiten nicht nachsichtiger, dankbarer und zuvorkommender unseren Mitmenschen gegenüber? Vielleicht geht es unserem Nächsten auch schlecht, vielleicht hat er oder sie einen miesen Tag und vielleicht hat schon lange niemand mehr aufrichtig "Danke" zu ihm oder ihr gesagt.

Vor ein paar Monaten war ich auf einem Konzert von David Byrne, dem ehemaligen Sänger der Talking Heads. Während einer Ansage über die vielen Krisen unserer Zeit sagte er auf der Bühne einen Satz, der mir seitdem nicht mehr aus dem Kopf geht: "Love and kindness are the most punk things you can do right now." Sinngemäß: Liebe und Freundlichkeit sind das Widerständigste und Rebellischste, was man gerade tun kann.

In einer Welt, in der der Hass zunehmend salonfähiger zu werden scheint, hat er damit irgendwie Recht. Und mein Sohnemann zeigt mir in kleinen Alltagssituationen, dass es tatsächlich eine gute Idee ist, unsere Mitmenschen öfter als genau das wahrzunehmen. Wir sitzen doch meistens im selben Boot.

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Kolumne

Michael Güthlein
,
Konstantin Sacher

Michael Güthlein und Konstantin Sacher sind Väter: zwei (Säugling, 3) und drei Kinder (7, 10, 12). Beide erzählen über ihr Rollenverständnis und ihre Abenteuer zwischen Kinderkrabbeln und Elternabend, zwischen Beikost und Ferienlager. Sie schreiben im Wechsel.