Unsere Tochter Johanna war erst 22 Jahre alt, als sie im Sommer vor vier Jahren ertrank. Das Wasser, das aus dem nahegelegenen Flüsschen Ahr in ihre Erdgeschosswohnung eingedrungen war, hatte sie im Schlaf überrascht. Mein Mann und ich waren zu diesem Zeitpunkt in unserem Ferienhaus auf Mallorca. Wir hatten es gerade erst gekauft und ich hatte mir sehr gewünscht, dass Johanna auf diese Reise mitkommt, aber sie musste für ihre anstehenden Prüfungen zur Betriebswirtin lernen.
Johanna war bereits ausgebildete Konditormeisterin – und sie hatte große Pläne: Auf ihrem Schreibtisch lag ein fertiger Businessplan für eine eigene Patisserie. Alles war durchdacht und berechnet, Location und Geräte ausgesucht. Es sollte eine gläserne Manufaktur mit angeschlossenem Ausbildungsangebot werden.
Wir waren gerade auf Mallorca gelandet, als nachts um halb eins mein Telefon klingelte, am anderen Ende Johanna. "Ich stehe bis zu den Knien im Wasser", sagte sie. "Die Möbel bewegen sich. Und die Tür geht nicht auf." Das Wasser war schon in der Wohnung. Dann brach die Verbindung ab und unser Alptraum begann.
Mit dem nächsten Flieger sind wir zurück nach Deutschland. In Bad Neuenahr herrschte Chaos, überall war Wasser. Gegenstände, Autos, hatten sich in den Straßen aufgetürmt. Brücken waren zerstört. Weil man Johanna nicht in ihrer Wohnung gefunden hatte, begannen wir überall nach ihr zu suchen, klapperten jedes Krankenhaus in der Umgebung ab. Vergeblich! Als die Nachricht kam, dass Johanna die Flut nicht überlebt hatte, hat es mir den Boden unter den Füßen weggerissen.
Die Wochen danach waren die Schlimmsten meines Lebens. Bei der Identifizierung ihrer Leiche und der Beerdigung habe ich noch funktioniert. Danach schaffte ich es nicht mehr, das Haus zu verlassen. Es gab keine tröstenden Worte. Ich dachte: Ich möchte mein altes Leben zurück.
Rund zwei Monate nach der Flut bin ich wach geworden und hatte nur noch einen Gedanken: Ich muss das lernen, wofür Johanna so gebrannt hat. Ich beschloss, eine Patisserie-Schule zu besuchen, wollte alles von der Pike auf lernen: Zucker ziehen, Pralinen machen, Eis herstellen. Ich wollte wissen, was Johanna dabei gefühlt hat, was ihre Hände taten, was sie daran so fasziniert hat. Mir wurde bewusst, wie anspruchsvoll die Arbeit ist und wie talentiert Johanna gewesen sein musste. Durch die Workshops hatte ich das Gefühl, ihr nahe zu sein und etwas mit ihr teilen zu können.
"Hamburg lässt mich freier atmen"
Inka Orth
Während einem dieser Kurse saß ich in der Mittagspause neben einem jungen Mann. Marcel war 21, etwa so alt wie Johanna. Wir waren direkt auf einer Wellenlänge. Ein paar Wochen später traf ich mich mit ihm und erzählte ihm von unserem Plan, eine Patisserie zu eröffnen, um Johannas Traum wahr werden zu lassen, und dass ich auf der Suche nach jemandem sei, der sich im Metier auskennt.
Marcel war sofort begeistert und übernahm in unserer Patisserie, die wir im Februar 2024 in der Hamburger Speicherstadt eröffneten, die Rolle des Chef Patissiers. Er ist der kreative Kopf, mein Mann und ich kümmern uns um das Organisatorische. Diese Kombination ist ein Glücksfall für uns alle drei. Ich bin fest davon überzeugt, dass es Schicksal war, dass ich Marcel getroffen habe und dass meine Tochter ihre Finger im Spiel hatte: Marcel ist jung, engagiert und begeisterungsfähig, er erinnert mich ein Stück weit an Johanna.
Hamburg war schon immer unsere Lieblingsstadt und ist weit genug weg von Bad Neuenahr. Der Ort bleibt meine Heimat, aber ich verbinde alles dort mit Johanna. Jeder dort weiß, wer wir sind, und was passiert ist. Hamburg lässt mich freier atmen. Ich mag meine Arbeit in der Patisserie: bedienen und dabei mit Menschen ins Gespräch kommen, da fühle ich mich lebendig und kann im Trubel meine Trauer für eine Weile vergessen.
Am Schönsten ist, dass wir durch die Arbeit in der Patisserie jeden Tag über Johanna und das, was sie so sehr liebte, sprechen können. Dadurch lebt sie für uns weiter. Natürlich gibt es auch weiterhin dunkle Tage. Tage, an denen ich nicht aufstehen möchte und den Sinn im Leben suche. Trotzdem mache ich weiter. Als wir uns Weihnachten bei unserem Sohn, seiner Frau und seinem kleinen Sohn trafen, gab es auf dem Tisch sechs Gedecke. Eines war für Johanna.
