Ein Teller mit 'Manti'.  Filigrane Nudeln, ähnlich wie Miniravioli, die meistens mit Hackfleisch gefüllt sind
Ein Teller mit 'Manti'. Filigrane Nudeln, ähnlich wie Miniravioli, die meistens mit Hackfleisch gefüllt sind
SBK
Fußball-EM 2024: Türkei gegen Tschechien
Matchmaker Mantı
Die Türken haben bei der EM in Deutschland quasi Heimvorteil. Beim Spiel gegen Tschechien geht es um den Einzug ins Achtelfinale. Ob sie Mantı essen, um sich zu stärken?
26.06.2024
3Min

Ein lauer Sommerabend in Istanbul. Unser Hotel offeriert ein türkisches Buffet direkt am Bosporus. Da können wir nicht widerstehen. Köstliche Spezialitäten unter dem Sternenhimmel, bequeme Sessel, beleuchtete Schiffe, die hin- und herkreuzen, gefühlvolle, anrührende und leise Musik… Wie im Film. Nur echt. Hach. Ich liebe Städte, die am Wasser liegen.

Gespannt schaue ich mir die angebotenen Speisen an. Da steht eine Kupferpfanne mit Nudeln, die aussehen wie Miniravioli oder klitzekleine Maultaschen. "Mantı" heißen die Nudeln. Darauf ein ordentlicher Batzen Joghurt mit Dill und rote, ölige Tropfen, die scharf aussehen. Nein, probiere ich nicht. Das passt nicht zusammen.

Die beiden Damen, die dieses Gericht bewachen, versuchen, mich zu überzeugen. "Probieren! Bitte!", sagen sie eindringlich. "Schmeckt gut!" Ich kann in solchen Fällen ganz schlecht Nein sagen. Ich will den Nationalstolz der zwei nicht verletzen. Eine sehr kleine Portion nehme ich, den freundlichen Damen zuliebe.

Ein wenig missmutig kehre ich zu unserem Platz zurück. Warum eigentlich lasse ich mich immer wieder auf solche Experimente ein? Tja, warum? Weil meine Intuition intelligenter ist als mein Verstand. Die Mantı schmecken so, dass ich mich am liebsten drin wälzen würde. Sowas. Von. Gut. Ich glaub‘s nicht. Zurück zum Buffet.

Bitte mehr Mantı!

Bitte mehr Mantı! Bitte! Die Damen strahlen wie, nein, nicht wie Honigkuchenpferde. Vielleicht wie solche aus Baklava, dem süßen Blätterteiggebäck. Ich lasse mir einen Nachschlag geben und beschließe, an diesem Abend nichts anderes mehr zu essen. Mantı, das sind traditionelle Teigtaschen, die meist mit Rinderhackfleisch gefüllt sind.

Sie stammen aus der türkischen Provinz Kayseri. Manche sagen, dass die Mantı schon im 13. Jahrhundert von mongolischen Reitern nach Anatolien gebracht wurden. Nix Genaues weiß man aber nicht. Jedenfalls sind sie eine Köstlichkeit, die selber zu machen eine ganz schöne Mühe bedeutet, weil die Teigtaschen filigran sein sollen.

Man kann man sie natürlich kaufen. Gelegentlich gibt es sie auch mit Linsen gefüllt oder mit Sojahack. Das ist eine gute Alternative zu Fleisch. Ich mache sie mal selber. Für zwei Portionen nehme ich 150 g Mehl, einen halben Teelöffel Salz und 75 ml warmes Wasser. Die Zutaten zu einem glatten Teig verarbeiten. Der sollte etwa eine halbe Stunde ruhen.

Flugs die Füllung herstellen. Dazu 125 g weiches, klein geschnittenes Sojahack (oder Linsen) mit einer ebenfalls sehr fein geschnittenen Zwiebel vermischen. In der Pfanne mit Öl kräftig anbraten. Nach Gefühl kommen noch hinein Sojasauce, Kreuzkümmel, Paprikapulver mild und scharf, Salz, Pfeffer, Koriander, Chili sowie Paprikamark.

Hauptsache, Kräfte sammeln

Jetzt geht es an die Sauce: 200 g türkischen oder griechischen Joghurt, eine ordentliche Menge Dill, wer will, etwas Knoblauch, eine kräftige Prise Salz. Fertig! Man kann auch die Hälfte der "Flüssigkeit" nehmen. Mir als Saucen-Freak wäre das zu wenig. Wenn was übrig ist, lässt sich das am nächsten Tag prima für einen grünen Salat als Dressing verwenden.

Nun kommt die Meisterklasse. Den Teig erneut kneten und dünn in eine lange Bahn ausrollen. Eigentlich, ja, eigentlich in 5 cm mal 5 cm Quadrate schneiden, einen Klacks Füllung hineingeben und die gegenüberliegenden Ecken zusammenfalten. Anschließend diese Spitzen zusammenführen. Das ist eine ziemliche Fitzelarbeit.

Wenn sie geschafft ist, was so viel Anstrengung bedeutet wie ein EM-Spiel plus Verlängerung und Elfmeterschießen, dann ab mit den Mantı ins siedende Salzwasser und etwa fünf Minuten ziehen lassen. Die Teigtaschen mit der kalten Joghurtsauce servieren, darauf noch in Butter geschmolzenes Paprikamark und "Pul Biber", getrocknete und zerstoßene Paprika.

Ich hatte beim Ausprobieren gelbe und rote Paprika übrig. Die habe ich mit Chili und Sahne aufgekocht, püriert und über den Joghurt geträufelt. Geht genauso. Was den Teig anbelangt: Man kann die Mantı am Anfang ruhig größer dimensionieren. Man muss ja nicht die türkische Nationalmannschaft als erste einladen.

Die würden sofort merken, dass nicht die fingerfertige eigene Mama am Werk war, sondern bloß ich. Aber sollte das Team wider Erwarten doch bei uns zuhause einlaufen, dann freuen sich die Spieler bestimmt über Mantı "ev usulüne göre pişirilir", gekocht nach Art des Hauses. Hauptsache, Kräfte sammeln, um die nächste Runde anzugehen. Auch bei der EM.

Kolumne